Ein Schuhmacher tut seit 25 Jahren was dagegen
Alles, was du machst, soll besser sein als das Vorherige!" Das ist die Arbeitsmoral des 61 Jahre alten Schuhmachermeisters Urs Hertrich, der seit 25 Jahren in seinem Beruf tätig ist. Der etwas breiter gebaute Herr mit seinen kurzen, braunen Haaren und blauen Augen hat seine Ausbildung auf dem konventionellen Weg abgeschlossen, also über eine Lehre und eine Abschlussarbeit in einem Schuhatelier.
Hertrich hat sich aufs Schuhflicken und den Detailfachhandel mit Schuhen spezialisiert. Er führt sein eigenes kleines Geschäft in Uster im Schweizer Kanton Zürich. Im kleinen Vorraum stapeln sich Schuhkartons in hölzernen Regalen bis zur Decke. Wanderschuhe, Sandalen, Flipflops eigener Kreation und ganz schlichte Turnschuhe teilen sich dort den Raum. Es gibt genau so viel Platz, dass sich die Kundschaft frei bewegen kann, der Laden aber dennoch warm und heimelig wirkt. Man wird von Leder- und Holzgerüchen sowie leisen Radiogeräuschen empfangen. Durch einen kleinen Durchgang kann man einen Blick in den Hinterraum erhaschen, in dem der Schuhmacher wirkt. Mit geschickten Handgriffen werden dort die verschiedensten Bestandteile eines Schuhs ausgetauscht, erneuert und geflickt. Anhand eines aufgeschnittenen Schuhs zeigt Hertrich, wie komplex dessen Innenleben mit vielen Schichten verschiedenster Farben, Formen und Materialien ist. Allein die Sohle kann aus fünf verschiedenen Materialschichten bestehen. Bei der Herstellung eines neuen Schuhs nach alter Schusterkunst sind etwa 150 Arbeitsgänge nötig, die von Spezialisten ausgeführt werden.
"Das Handwerk kommt von innen", meint Hertrich und deutet dabei auf sein Herz, das unter einer blauen Schürze schlägt. Für ihn ist es enorm wichtig, mit Leidenschaft an die Arbeit zu gehen. Am Ende des Tages zählt für ihn nur, dass er sein Bestes gegeben hat und seine Kundschaft zufrieden nach Hause gegangen ist. Die Glocke klirrt, ein Kunde betritt den Laden. Auf dessen Frage zu einem Schuh muss Hertrich leider sagen, dass die Sohle schon zu spröde ist, als dass man sie noch reparieren könnte. Er sagt dies freundlich und schiebt noch einen Witz über alte, zerbröselnde Schuhe hinterher, woraufhin der Kunde lachend den Laden verlässt. "Für mich ist es die Abwechslung meines Jobs, die mich so fasziniert. Mal arbeite ich allein in meiner kleinen Werkstatt, und fünf Minuten später bin ich in ein Gespräch mit einer Kundin verwickelt."
Seine Berufung hat er ganz unverhofft durch eine Lehrerin entdeckt, die ihm diesen, wie er sagt, Floh ins Ohr gesetzt hatte. Nach einigen Schnupperstunden in verschiedenen Betrieben beendete er seine Ausbildung nach vier Jahren. Heutzutage dauert diese, die zum größten Teil in einer Schuhmacherei absolviert wird, nur noch drei Jahre. Daneben gibt es noch einen Tag Unterricht in der Woche an der Berufsfachschule in Zofingen oder Lausanne. Hertrich sagt selbst, sein Beruf habe vermutlich keine allzu rosige Zukunft. Schuhmacher, die Schuhe maßanfertigen, werden immer nötig sein. Doch das Schuheflickenlassen komme immer mehr aus der Mode. Also "lieber Schuhmacher im eigentlichen Sinne als Schuhflicker oder -verkäufer". Für ihn ist das ein kleiner Stich ins Herz, denn er findet eigentlich, dass "weniger oft mehr" sei; besonders bei Schuhen. In seinen Augen liegt es in den Händen der Kundschaft, das Geschäft der Schuhmacher zu erhalten. "Der Markt ist wie der Fluss Rhein: Wir alle sind winzige Wassertropfen, die gemeinsam mit unserer Nachfrage den Markt bestimmen und ausmachen." Man solle sich mehr Gedanken machen, wo das Schuhgeschäft überhaupt beginnt, nämlich beim Schuhkauf. Stolz zeigt er auf unterschiedlichste Schuhe in seinen Regalen. Die meisten davon seien aus Materialien naher Herkunft. Hauptsächlich aus Italien und Deutschland. Sie sehen alle hochwertig aus mit ihrem bunten Leder und den vielen Details.
Es sei außerdem viel nachhaltiger, nur ein oder zwei Paar hochwertige Lieblingsschuhe zu besitzen und für diese Sorge zu tragen, als alle paar Wochen neue zu kaufen. Das Reparieren scheint zwar auf den ersten Blick teuer zu sein. Doch hat man wirklich Freude an den Schuhen, kann man sie danach weitere Jahre tragen. "Beim richtigen Schuh spielt das Geld praktisch keine Rolle mehr. Er passt und gefällt einem, und man will ihn möglichst lange tragen können." Die besten Schuhkäufe seien ohnehin diejenigen, bei denen man ganz unerwartet seinen absoluten Traumschuh entdeckt. Hertrich findet, der perfekte Schuh solle sich anfühlen wie ein Pantoffel.