Da rappelt's im Karton

In einer Schweizer Igelpflegestation wird den stachligen Waldbewohnern geholfen


Es raschelt in einem der sechs Kartons. Einer der Kleinen ist aufgewacht. Die Wanne, in der der Karton steht, ist mit Zeitungen ausgelegt, um die Reinigung zu erleichtern. Auf dem Karton liegt ein Stapel Zeitschriften. Dies sei wichtig, um zu verhindern, dass ihn sein Bewohner umkippt, meint Vreni Finster. Die 67-Jährige arbeitet seit gut zwei Jahren als Freiwillige für die Igelpflegestation Hittnau im Kanton Zürich. "Von der Igelstation in Russikon, die es nicht mehr gibt, habe ich früher Igel zum Überwintern aufgenommen, da sie immer auf der Suche nach Plätzen für ihre Schützlinge waren. Als ich in der Zeitung von dieser Station in Hittnau gelesen habe, sagte ich zu mir: 'Da gehst du helfen!'" Aktuell bestehe das Team aus zehn Freiwilligen.

 

Der Gründer der Station, Dieter Kummer, sei ein großer Liebhaber der Igel. Er nahm immer alle auf, bis er keinen Platz mehr hatte und er auch seine gesamte Zeit in die Igel investierte. Da hätte er die Idee gehabt, eine Igelstation zu gründen. Nachdem er die Station einige Zeit geführt hatte, wuchs die Belegschaft, bis er schließlich sogar die Leitung abgeben konnte. Doch die aktuelle Leiterin, Claudia Schaufelbergen, arbeite noch immer eng mit ihm zusammen. Nicht nur er steht der Station mit Rat und Tat zur Seite. Auch die lokale Tierärztin beteiligt sich und kümmert sich um die schweren Fälle, wie durch Rasenmäher oder Autos verletzte Igel mit tiefen Fleischwunden oder Knochenbrüchen. "Sie ist sehr gut im Umgang mit den Tieren. Sie ist sogar zusätzlich spezialisiert auf Igel und führt notwendige Behandlungen wie Operationen und das Nähen von Wunden durch." Es sei ein Glück, dass sie so viel Ahnung von den Igeln habe, da diese im Veterinärstudium nur wenig besprochen würden. Deshalb wüssten Tierärzte oft nicht, wie sie mit den kleinen Tieren verfahren sollen, und es brauche Igelstationen, die sich um sie kümmerten. Vreni Finsters Blick streift die Futterdose auf dem Tisch. "Der Igel ernährt sich natürlicherweise von Insekten. Da sich deren Population durch den übermäßigen Einsatz von Pestiziden in den letzten Jahrzehnten stark verkleinert hat, fokussiert sich der Speiseplan des Nützlings notgedrungen auf Schnecken und Regenwürmer." Dies stelle ein Problem dar, da besonders Schnecken oft Parasiten in sich trügen, die den Igel nur zu gerne als Wirt hätten. Besonders häufig sei der Lungenwurm, ein Parasit, der spezifisch auf den Igel als Wirt angepasst sei und durch den Konsum von Schnecken in sein Opfer gelange. Eine Infektion führe zu Symptomen wie Husten, Atemnot, Gewichtsverlust und Schwäche. Sie deutet auf die Waage, die im geöffneten Schrank verstaut ist. Danach zeigt sie auf das Fach darunter, in dem Spritzen und Ampullen liegen. "Ein wichtiges Gut, um den Igeln helfen zu können, sind passende Medikamente. Auch ein Befall mit Flöhen und Zecken ist nicht unüblich. Während für die Flöhe spezielle, igeltaugliche Mittel verwendet werden müssen, da die Igel bei vielen konventionellen Arzneien und Behandlungen gesundheitliche Schäden davontragen, ziehen wir die Zecken mit einer passenden Pinzette ruckartig aus der Haut, wie es auch bei Menschen und Haustieren empfohlen wird. Die anfallenden Kosten werden durch Spenden gedeckt."

 

Oft kämen auch Igel in die Station, die von einem Fadenmäher erwischt, von einem Auto erfasst oder von einem Mähroboter überrollt wurden. Dies sei vermeidbar. Die Umgebung solle immer vor dem manuellen Mähen begutachtet werden. Auch beim Autofahren seien Aufmerksamkeit und Voraussicht wichtig. Igel seien im Durchschnitt nicht klein genug, um unter einem Auto durchzupassen, ohne es zu berühren. "Unfälle mit Mährobotern sind am leichtesten zu vermeiden. Gesunde Igel lassen sich tagsüber so gut wie nie blicken, wandern nachts jedoch fleißig durch Gärten auf der Suche nach Nahrung. Deshalb sollte man den Mähroboter nur tagsüber laufen lassen. Die elektronischen Gartenhelfer werden zwar oft damit beworben, dass sie Gartenbesucher mithilfe von Sensoren entdecken und ihnen ausweichen können, halten dies aber nur allzu gerne nicht ein. Nicht selten verliert ein unglückseliger Igel seine Pfote, seine schützenden Stacheln oder gar sein Leben an einen Mähroboter, wenn er ihm des Nachts begegnet."

 

Die Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Unterkunft während der zwei bis 21 Tage Aufenthalt so steril wie möglich ist und der Igel schnellstmöglich medizinisch versorgt wird. "Sie verhindern durch die tägliche Reinigung des vorübergehenden Zuhauses auch, dass sich der Igel über seine eigenen Ausscheidungen wieder mit Parasiten infiziert, denn so süß der Igel auch ist, so schmutzig ist er auch." Die Igel werden jeden Tag gewogen, da ein Gewichtsverlust auf mögliche Leiden hinweisen könne. "Denn der Igel verweigert bei vielen Krankheiten aus Stress das Futter." Gefüttert werde Katzenfutter, dem Mehlwürmer beigemischt worden seien. Dieses Futter könne gut verdaut werden und berge keine gesundheitlichen Risiken. Wenn der Igel von Privatpersonen gefunden werde, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihm Nahrung angeboten werde, die nicht auf seinem natürlichen Speiseplan stehe. Da er wohl häufig für einen Pflanzen- oder Allesfresser gehalten werde, weil er so klein und friedlich sei, werde er oft mit Früchten, Nüssen, Gebäck oder Süßem gefüttert, was für einen reinen Fleischfresser in den meisten Fällen entweder ungenießbar oder sogar giftig sei. Deshalb solle, wer einem Igel begegne und ihm Nahrung anbieten möchte, auf Katzenfutter, Mehlwürmer oder Regenwürmer zurückgreifen. "Ich persönlich füttere Igel, die ich in meinem Garten beherberge, mit speziell für Igel gemachtem Futter, das ich in einem Zoofachgeschäft kaufe. In normalen Fällen sollte eine solche Fütterung eine einmalige Sache sein, da der Igel nur zu gerne eine konstante Nahrungsquelle ausnutzt, wenn man sie ihm bietet, und nach wenigen Fütterungen den Ort und die Zeit auswendig kennt. Dies kann für ihn gefährlich sein, da er sich dann beispielsweise nicht mehr dazu gezwungen sieht, Winterschlaf zu halten, wodurch er sich der Kälte aussetzt." Sie schmunzelt: "Schlussendlich ist der Igel wie der Mensch, einfach sehr bequemlich."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2024, Nr. 66, S. 26 - Tim Fuhrer, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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