Da schlug man sich die Nacht um die Ohren

Früher machte die Jugend in der Bochselnacht Radau. In Weinfelden lässt eine Tradition weiterhin von sich hören.

Es ist kurz vor halb sechs am Abend. Im Zentrum von Weinfelden, einer Kleinstadt im Kanton Thurgau, versammeln sich immer mehr Einwohner, die in dicke Winterjacken eingemummelt sind. Weihnachtsbeleuchtungen hängen an den Häusern und Laternen. Eine Mischung aus Zimt und Orangenpunsch liegt in der kalten Luft. Jedes Jahr, am Donnerstag in der letzten ganzen Woche vor Heiligabend, findet die Bochselnacht statt. Eine Tradition, die aus Weinfelden kaum mehr wegzudenken ist. Alle Schüler von der 1. bis zur 7. Klasse gehen mit ihren Bochseltieren eine bestimmte Route entlang, während die Straßenbeleuchtung erlischt. Dafür bekommen sie am Tag zuvor eine Zuckerrübe. Diese muss ausgehöhlt werden, damit eine Kerze darin Platz findet. Anschließend werden beliebige Motive in die Rübe geschnitzt, sodass das Licht nur an diesen Stellen durchschimmert. Zum Schluss werden die Rüben auf einen Holzstock befestigt. "Meistens schnitze ich Spinnen in die Rübe oder andere Tiere", sagt der 11 Jahre alte Matteo Gasser, der die 6. Klasse im Paul-Reinhart-Schulhaus besucht. Er grinst, sodass seine Grübchen zum Vorschein kommen. Die 8. Klasse bastelt aus Karton und Seidenpapier riesige Laternen, bei denen es nur eine Vorgabe gibt: dass es gruselig aussieht. So entstehen Geister, Schlangen oder Monster. Dies hat einen guten Grund. Viele Bewohner sind überzeugt, dass man früher mit der Bochselnacht die Geister vertreiben wollte. "Man versuchte das Licht in die Stadt zu bringen und Radau zu machen", sagt Samuel Curau, der an der Thomas-Bornhauser-Sekundarschule in Weinfelden unterrichtet und dort seit seiner Kindheit lebt. Als Lehrer ist der 39-Jährige jedes Jahr am Umzug beteiligt. Jugendliche sollen früher lärmend mit unheimlichen Masken durch die Gassen gerannt sein. Sie sollen wild an die Häuser geklopft und nach Essen verlangt haben. Nach dem "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" soll der Begriff "bochseln" mit "prosseln" oder "pochen" verwandt sein, was so viel wie "poltern" und "Lärm erzeugen" bedeutet. Die frühesten Belege des Begriffs finden sich im Basler Rufbuch aus dem Jahr 1420: "Als den uf morn die bossel-nacht ist, tuent unser Herren verbieten, dass niemand bosseln sol." Es geht um ein Verbot der Bochselnacht. Solche Verordnungen führte man auch in Zürich, Schaffhausen und anderen Gemeinden durch, um das wilde Getue zu unterbinden. In Weinfelden aber ist in keinem Ratsprotokoll ein solches Verbot zu finden, was vermutlich der Grund dafür ist, dass die Tradition dort bis heute lebt.


Um 17.30 Uhr ist es dann so weit. Alle Schüler tummeln sich auf dem Pestalozzi-Schulhof. Die Straßenlaternen und Schaufensterbeleuchtungen gehen aus. Sofort schwingt die Atmosphäre um. Wo es vorher noch hell und laut war, ist es jetzt dunkel und leise. "Ein magischer Moment", schwärmt Curau. Tambouren führen die Gruppe an, hinter diesen folgt ein Schwarm von Tausenden Lichtern. Mehr als 1200 Schulkinder sind am Umzug beteiligt. Am Straßenrand stehen die Zuschauer dicht beieinander. Väter und Mütter versuchen ihr Kind zu erspähen, andere genießen die Lichterschar. Für viele, die selbst schon seit Jahren nicht mehr hier leben, ist dieser Abend ein Anlass, um zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Curau ist gerührt. "Die Menschen fühlen sich mit diesem Ort und dieser Tradition verbunden." Die Route führt zwei Kilometer durch die Stadt. Matteos drei Jahre ältere Schwester Lilly mag die Stimmung: "Alle sind glücklich, und es wird wild durcheinandergeplaudert." Es gefällt ihr, dass man mit Kindern und Jugendlichen aus anderen Stufen und Schulhäusern in Kontakt kommt. Nach 30 Minuten erreicht der Umzug den Rathausbrunnen. Dort wird das Volkslied "Freut euch des Lebens" gesungen. Nicht jeder ist textsicher, doch durch die Begleitung der Musikgesellschaft Weinfelden wird eine Harmonie erzeugt. Kurz nach dem letzten Ton geht die Beleuchtung wieder an. Der Abend ist noch längst nicht vorbei. Alle Schüler erhalten eine Laugenbrezel. Die Erwachsenen machen es sich in den Gasthäusern gemütlich. Dort werden meist nur zwei Speisen serviert, die auch nur dann auf der Speisekarte stehen. Der "Böllewegge" ist eine Hefeteigtasche, gefüllt mit Zwiebelschwitze und Speck. Das Gemeindeparlament, bestehend aus 30 Mitgliedern, verbringt seine Nachtsitzung immer bei Salzissen. "Das sind große Würste aus Brät und bei Kartoffelsalat", weiß Curau, da er selbst einige Jahre das Parlament vertreten hat. Die eigentliche Sitzung findet während des Umzugs statt. Bei der Sitzung wird Gesuchstellern das Gemeindebürgerrecht verliehen, und der Finanzplan wird zur Kenntnis genommen.


Mit Wurst und Gebäck im Magen begeben sich die Leute zur Turnhalle der Thomas- Bornhauser-Sekundarschule. Dort findet das alljährliche Bochselnacht-Theater der dritten Sekundarstufe statt. Es ist das Highlight für viele Schüler der Abschlussklassen. "Früher wurden ausschließlich Märchen aufgeführt, doch das hat nicht allen zugesagt. Deswegen hat sich die Lehrerschaft dazu entschieden, auch modernere Jugendbücher oder Musicals aufzuführen", erklärt Curau. Von "Harry Potter" über "König der Löwen" bis hin zu "Wonka", was dieses Jahr aufgeführt werden soll, war schon alles dabei. Die Lehrer der Schulen wechseln sich jedes Jahr ab, planen das Stück, die Musik, Kostüme und Kulissen. Curau leitet die Band. Dort spielte Lilly beim letztjährigen Theater Querflöte. "Kurz bevor wir auf die Bühne konnten, war ich schon sehr nervös", gibt sie zu. Ihr Bruder Matteo freut sich jetzt schon auf den Auftritt. Das Theater wird viermal aufgeführt. Am Abend der Bochselnacht ist die letzte und größte Vorstellung.


Was viele Außenstehende bis heute stutzig macht, ist die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche bis 2004 an diesem Tag rauchen durften. "Wir sind zum Kiosk gegangen und haben dort Zigaretten bekommen. Dann haben wir drei von denen geraucht und wussten, dass wir das nie mehr machen würden, weil uns schlecht wurde", erzählt Curau. Vor 20 Jahren hat die Schulgemeinde beschlossen, diese Tradition abzuschaffen. Bis heute gäbe es keine weiteren Bedürfnisse, etwas zu verändern. "Dass alles so ist, wie es immer war,

schätzen die Leute."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.12.2024, S. 26 - Lynn Wolf, Kantonsschule Kreuzlingen

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