Da wurde schon viel Porzellan zerschlagen

Die portugiesische Porzellanfabrik Vista Alegre hat hohe Qualitätsstandards


Spüren Sie nicht auch diese historische Atmosphäre? Dass hier etwas Außergewöhnliches und Schönes passiert ist?", fragt der braun gebrannte Duarte José Almeida Fradinho lächelnd. Der nicht sehr groß gewachsene, 63 Jahre alte Mann mit kurzen, grauen Haaren stammt aus einer Familie, die schon seit seinen Urgroßeltern auf dem Werksgelände der Vista Alegre in Ílhavo ansässig ist. Ílhavo liegt in der Region Aveiro an der Nordküste Portugals. Vista Alegre ist der älteste noch existierende Porzellanhersteller auf der Iberischen Halbinsel und eines der größten Unternehmen des Landes.


Die 1824 gegründete Porzellanfabrik feiert in diesem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen. Sie ist stolz auf das künstlerische Niveau ihrer Werke. "Wir hatten immer großes Glück mit den Künstlern in der Fabrik", betont der tatkräftige Duarte, der selbst mehr als 30 Jahre lang hier Porzellanmaler war. Seine Mutter "bastelte Blumen in ihrer Handfläche", und sein Vater arbeitete mit rund 100 Mitarbeitern in der Hitze an den riesigen Öfen, wo der damals junge Duarte ihm zum Mittagessen sein Lieblingsessen, den Kabeljau, brachte. Der Gründer von Vista Alegre, José Ferreira Pinto Basto, sei "ein Visionär" gewesen. Er habe die Vorstellung gehabt, dass ein Mitarbeiter umso besser arbeiten würde, je mehr Kultur er habe. Um dies zu erreichen, kaufte er das Land um die Vista-Alegre-Fabrik, wegen des leichten Zugangs zum Fluss Boco, einem Nebenfluss der Ria de Aveiro, wo er seine Schiffsflotte für den Handel einsetzen konnte. Dort bot er den Arbeitern eine Unterkunft und eine Reihe von kulturellen Aktivitäten. Die erste Kunstschule in Ílhavo war die "Escola da Vista Alegre", eine Berufsschule, die für die Arbeit in der Fabrik ausbildete. Im Anschluss an diese "Vision einer kulturellen Aktion für Arbeiter" wurden ein Orpheon, eine Art Chorgesangverein, und eine Musikkapelle gegründet, die zu den besten in Portugal gehörte und bei der Hochzeit von König Dom Carlos I mit Dona Amélia de Orleães im Jahr 1886 spielte. Dazu kamen ein Fußballverein und das Theater von "Ribalta", die beide noch existieren. Heute ist Duarte einer der etwa ein Dutzend Bewohner des Werkgeländes von Vista Alegre, von denen sechs inzwischen im Ruhestand sind.


Nach der Schule begann Duarte Ende der 70er-Jahre mit 18 Jahren im Unternehmen. Anfangs arbeitete er in der Abteilung für Teller und Untertassen, doch schon bald wechselte er in die Lackiererei, wo er 30 Jahre lang für das Auftragen von Farbfonds "per Pistole" verantwortlich war. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Besucher, die Duarte gern durch das Werk führt. Mit der Eröffnung des neuen Museums wurde er vor 13 Jahren eingeladen, dem Museumsteam beizutreten, wo er heute noch arbeitet. Das Museum zeigt eine umfangreiche Sammlung von Vista-Alegre-Porzellan, Glas, technischen Geräten, Zeichnungen, Fotografien sowie dokumentarische Sammlungen und das "Moto Bomba", ein altes Feuerwehrauto, das noch von Pferden angetrieben wurde und zur Feuerwehr von Vista Alegre gehörte. Außerhalb des Museums findet man unter anderem den einstigen Vista-Alegre-Palast, der heute als 5-Sterne-Hotel dient, und die Kapelle von "Nossa Senhora de Penha de França", ein schönes Beispiel neoklassizistischer Architektur und nationales Monument seit 1910.

Duarte engagierte sich vielfach. Er war Schauspieler, Regisseur und einer der Gründer der Theatergruppe. Duarte sang im Orpheon und war Außenstürmer im "Sporting Club da Vista Alegre" sowie als Schatzmeister, Sekretär und sogar als Präsident im Club tätig.


Das Verfahren zur Herstellung von Porzellanstücken umfasst fünf Schritte, erklärt Duarte. Es beginnt mit der Vorbereitung des Porzellans, das aus einer Mischung aus Kaolin, Feldspat und Quarz besteht. Dann werden die Stücke geformt, wobei der Ton in ein Gipsmodell gegeben und gepresst wird und die Form des Modells annimmt. Oder sie werden von einem Kunsthandwerker von Hand geformt. Als Nächstes erfolgt das Brennen der Stücke in den großen Öfen. Das Ergebnis wird einer strengen Kontrolle unterzogen, um sicherzustellen, dass es den Qualitätsstandards entspricht. "Was nicht gut ist, wandert in die Mülltonne", sagt die 59 Jahre alte Margarida Marieiro, die Frau von Duarte, die ebenfalls seit Langem bei "Vista Alegre" arbeitet. Heutzutage ist die von Geburt an blonde Frau als Empfangsdame im Museum tätig. Anschließend werden die Stücke mit verschiedenen Techniken wie Abziehbildern und Hand- oder Spritzmalerei verziert. "Ein Maler kann sich nicht auf das verlassen, was er zur Hand hat, sondern auf das, was am Ende herauskommt", betont Duarte. Kobaltblau zum Beispiel hat zunächst eine lila Farbe, die erst bei 1250 Grad blau wird. Je nach den aufgetragenen Farben müsse man unter Umständen mehrmals einbrennen, sagt er, und zwar im Wechsel von Streichen und Einbrennen, beginnend mit den Farben, die häufiger eingebrannt werden müssten.


Nach Angaben der portugiesischen Wochenzeitung "Expresso" stieg der Umsatz von Vista Alegre im Jahr 2022 um 22,5 Prozent auf 143 Millionen Euro. Die wahre Wertschätzung für die Kunst und Geschichte der Porzellanfabrik findet man im "Vista Alegre Clube de Colecionadores", wo die wertvollsten Stücke oft versteigert werden. Eines davon, eine große antike Vase, wurde 1997 für 4 Millionen US-Dollar versteigert.


"Etwas Grundlegendes für den Erfolg von Vista Alegre war die Art und Weise, wie man hier die Arbeiter behandelt", erklärt Duarte. Die Arbeiter hätten Anspruch auf verschiedene Vergünstigungen wie günstigere Miete und Strom, kostenloses Wasser und ermäßigte Preise in der Cafeteria, wo das Mittagessen 2,70 Euro kostet. In der Nachbarschaft wurden ein Krankenhaus, ein Markt, ein Bauernhof, ein Kindergarten und sogar ein Friseursalon gebaut. "Heutzutage haben die wenigen Einwohner immer noch das Recht auf viele dieser Annehmlichkeiten, alles auf Initiative des Porzellanwerks, aber das alte Familiengefühl in Vista Alegre ist etwas, das verloren gegangen ist", betont er in einem nostalgischen Ton. Im Jahr 2023 wurde Duarte José vom Stadtrat von Ílhavo mit dem Kulturpreis für seinen Einsatz für Vista Alegre, das zum Kulturerbe Portugals gehört, geehrt. "Der große Rohstoff von Vista Alegre war nicht der Lehm, es waren die Menschen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.07.2024, Nr. 162, S. 26 - Leonardo Correia Deutsche Schule zu Porto

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