Das Denken hält einen Philosophen in Atem

Gedankenaustausch mit dem slowenischen Gelehrten Lenart Skof


Slowenien hat nicht nur viele Flüsse, Berge und Seen, es hat auch eine philosophische Landschaft. Das kleine Land war Gastland der Frankfurter Buchmesse 2023. Die Eröffnungsrede hielt Slavoj Zizek. "Ich würde jungen Menschen seine Texte nicht unbedingt empfehlen", sagt der Philosoph Lenart Skof. "Ich stimme nicht zu, wenn er in seiner Philosophie mit verschiedenen Erscheinungsformen von Gewalt spielt - als politische Formen eines menschlichen Übels, das doch in der Geschichte so viele Opfer gefordert hat. In seiner Schrift 'Gewalt' sagt Zizek: 'Liebe ohne Grausamkeit ist machtlos; Grausamkeit ohne Liebe ist blind.'" Für Skof sollten gerade Philosophen aus Slowenien in einem anderen Sinne Erzieher sein. Denn es bedeute für ihn "philosophieren in und aus einem Land, das niemals andere Kulturen oder Staaten beherrscht hat".


Im Gespräch zeigt sich ein sanftmütiger Mensch mit dem großen Wunsch nach Frieden für die Welt. Skof ist groß, hat kurze graue Haare, einen Oberlippen- und Kinnbart. Er trägt eine kleine Brille und im Freien gerne Hut. Der 1972 in Ljubljana geborene Professor für Philosophie ist Leiter des Instituts für philosophische und religionswissenschaftliche Studien am Wissenschafts- und Forschungszentrum in Koper an der slowenischen Adria. Skof ist verheiratet und Vater. "Meine Großeltern haben mich sehr geprägt, da sie mir Moral und Ehrlichkeit vorgelebt haben." Skofs Großvater war Schneider. Er habe ihm beigebracht, dass man hart arbeiten müsse, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Als kleiner Junge sei er still und zurückhaltend gewesen, aber er habe schon damals einen starken Sinn für Gerechtigkeit gehabt. Skof wirkt wie ein glücklicher Mensch in einem erfüllten Leben.

Zunächst wollte er Astronomie studieren. Gleichzeitig war er ein leidenschaftlicher Musiker und spielte Klarinette. "Die beiden Strömungen sind dann in meiner Philosophie zusammengeflossen. Und ich fühlte so eine starke Berufung dazu, dass ich mir mit meinem Studien- und Berufswunsch niemals Sorgen um meinen Lebensunterhalt machte." Skofs philosophische Reise begann an der Philosophischen Fakultät der Universität Ljubljana, wo er 1995 einen Bachelor erwarb. An der Theologischen Fakultät machte er einen Masterabschluss und wurde 2001 mit einer Arbeit über Schopenhauer promoviert. Mit einem Stipendium studierte er in Tübingen. Er war Fulbright-Gastwissenschaftler an der

Stanford University bei dem Philosophen Richard Rorty und Humboldt-Stipendiat an der Universität Erfurt bei Hans Joas. Heute ist er Mitglied philosophischer Vereinigungen und hält Vorträge in aller Welt. Skof interessiert sich für die Menschen, die ihn umgeben. Dies ist ein wichtiger Zugang zu seiner Arbeit: "Was mir widerfährt, hat Auswirkungen auf mich und meine Philosophie. Meine Frau Suzana und unsere beiden Söhne Lucijan und Lev haben meine Ansichten völlig verändert. Ohne meine Familie wäre ich ein anderer Mensch und Philosoph." Für Skof muss "Philosophie direkt mit dem Leben und der Natur verbunden sein. Ich schätze Philosophinnen und Philosophen, die ihre Arbeit nicht immer in Einsamkeit und Distanz zur Welt, sondern mit einem Familienleben oder in der Natur betreiben, so wie zum Beispiel Ludwig Feuerbach, Richard Rorty oder Luce Irigaray."


Gegenwart und Zukunft von Religionen in unterschiedlichen Kulturen, so wie in Indien, sind ein wichtiger Teil seiner Publikationen. Die Upanishaden, eine Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus, hat Skof ins Slowenische übersetzt. Publikationen von ihm sind auch ins Deutsche übertragen worden, wie zum Beispiel "Ethik des Atems. Versuch einer Philosophie der Intersubjektivität". Der Philosophie des Atmens widmet er einen Großteil seiner Zeit, ebenso Gender Studies und feministischem Denken. Eines der von ihm mitherausgegebenen Bücher trägt den Titel "Breathing with Luce Irigaray". Die französische Denkerin zitiert er im Gespräch immer wieder. Und in seinem Buch "Antigones Schwestern. Über die Matrix der Liebe" schreibt er über die mythische Gestalt aus der griechischen Antike und über weitere Frauenfiguren der Kulturgeschichte als Vorbilder für das menschliche Handeln.


Skof beschäftigt sich mit dem, was in seiner direkten Umgebung geschieht. Mit seinem Denken, Schreiben und Handeln möchte er Orientierung bieten. Zu seinen Wünschen gehört "eine Gemeinschaft, in der sich Menschen in einer wahrhaft menschlichen Demokratie frei entfalten können". Es geht ihm um Empathie, um Mitgefühl mit Unterdrückten, besonders mit Kindern in Krisen- und Kriegsgebieten. Die aktuellen Kriege in Europa und der Welt machen ihm große Sorgen.


Er ist auch Dekan des Institutum Studiorum Humanitatis an der Universität Alma Mater Europaea in Ljubljana. Lebensalltag und philosophische Arbeit gehen bei Skof Hand in Hand. Jeden Tag geht er mit seinem Tibet-Terrier Gari spazieren und philosophiert. "Atem ist der Grund von allem anderen. Ohne Atem existieren wir nicht. Jedes atmende Wesen braucht doch seinen eigenen Freiraum zum Atmen, eine Hülle oder Atmosphäre, in der es frei ist und nichts und niemandem gehört. Um das lebende, atmende Wesen herum sammelt sich beim Atmen eine Sphäre aus Luft, die sich als elementare Atmosphäre bezeichnen lässt, und das In-der-Luft-Sein ist die elementarste Form unseres In-der-Welt- Seins. Wir könnten diese Seinsform als ein Leben in der Atmosphäre der atmenden Solidarität mit der Natur und mit anderen als unseren Mitatmenden bezeichnen." Es macht Skof Sorgen, dass unsere Welt überwiegend von alten Männern regiert wird, "die wenig von der Jugend, von ihren Sorgen und Nöten wissen. Ich verstehe nicht, warum in der Schule so viele mathematisch-naturwissenschaftliche Themen auf dem Lehrplan stehen, aber so

wenig Anregungen zu philosophischer Reflexion." In Europa scheine man davon auszugehen, "dass mathematisches und technisches Denken die Welt retten wird, aber wir brauchen auch philosophisches Denken in der Politik und Gesellschaft. Damit wir lernen, Dinge einzuordnen und vor allem aufeinander achtzugeben und uns um die Natur und umeinander zu kümmern."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.08.2024, S. 26 - Doroteja Drevensek, Nusa Drevensek, Mateja Petek, Jure Fekonja Discimus Lab, Videm pri Ptuju

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