Ein preisgekrönter Unterwasserfotograf aus Bad Kreuznach und ein traurig-schönes Wrack
In 30 Meter Tiefe unter Wasser mit wenig Licht und Zeitdruck durch ein altes Schiffswrack tauchen: Das klingt für viele wie ein Albtraum. Für den 39 Jahre alten Hobbyunterwasserfotografen Nicolai Posininsky ist es ein wahr gewordener Traum. Seit er mit 14 Jahren mit seinen Eltern auf Gran Canaria seine erste Begegnung mit dem Tauchen hatte, kommt er nicht mehr davon los. Mit 18 hat er in Kroatien seinen Tauchschein gemacht und gemerkt, dass er das Tauchen braucht, um einen Ausgleich zu seinem Beruf als Area Sales Manager zu haben, da dieser oft stressig sei. "Für mich bedeutet das Tauchen einfach, alles über Wasser zu lassen, allen Stress, alles, was du hast, und auch alle Sorgen. Man kann sogar sagen, man vergisst fast seinen Namen unter Wasser." Das ist auch der Grund, wieso der Mann mit braunen Augen und gräulichen Haaren kein Interesse daran hat, die Unterwasserfotografie hauptberuflich zu betreiben. "Man muss immer wissen, wenn man sein Hobby zum Beruf macht, was macht man dann, um abzuschalten?" Außerdem verweist er auf seinen fünfjährigen Sohn und seine Verantwortung und darauf, dass er sehr heimatverbunden sei, was es schwierig machen würde, etwa 40 von 50 Wochen im Jahr auf Reisen zu sein. Denn er lebt in Abtweiler in Rheinland-Pfalz und hat dort nicht die Möglichkeit zum Tauchen. Geboren wurde er in Bad Kreuznach. So lange von zu Hause entfernt zu sein, "das würde ich als Mensch nicht aushalten". Aktuell unternimmt Posininsky im Jahr meist zwei bis drei Tauchreisen, eine größere und ein bis zwei kleinere wie zum Beispiel nach Ägypten, was eines seiner häufigsten Ziele sei, da man dort sehr gut verschiedene Motive kombinieren könne. "Man hat sehr schöne Korallen, die Chance auf Großfisch-, also Haibegegnungen, und man hat schöne Wracks. Da hat man relativ viel auf einmal." 2022 war er dort, um die Salem Express zu fotografieren. Sie war ein ägyptisches Fährschiff, das 1991 im Roten Meer nahe Safaga während eines Unwetters sank und heute auf 30 Meter tiefem Grund liegt. Dadurch, dass dort mehrere Hundert Menschen ums Leben gekommen sind, sei es ein sehr mulmiges Gefühl, dort zu tauchen. Damals konnten nicht alle Leichen geborgen werden, weshalb die Salem Express offiziell zum Grab erklärt wurde. Mittlerweile ist die Ladeklappe zum Hineintauchen aber wieder geöffnet worden, die Kabinen hingegen dürfen weiterhin nicht betreten werden. Der leger gekleidete Hobbytaucher hat diesen Tauchgang vorher genau geplant, da er die Mystik und Tragik des Ortes durch das geschehene Unglück einfangen wollte.
Dazu gehört die Vorbereitung seiner Unterwasserkamera, also die Auswahl der Objektive sowie das Anbringen eines geeigneten Blitzes, die Überlegung, wie das Foto genau aussehen soll, aber auch das Instruieren der Schiffscrew, damit er genau zur richtigen Zeit an diesem Wrack tauchen gehen kann. "Ich gehe einfach mal tauchen und mache ein Foto, das wird nicht funktionieren." Mit diesem Foto gewann er den zweiten Platz beim "Underwater Photographer of the Year"-Wettbewerb 2023 in der Kategorie Wrack. "Das ist die Formel eins der Unterwasserfotografie." Dort belegte er 2022 schon den achten Platz in der Kategorie Weitwinkel mit einem Bild, das eine Gruppe Seelöwen zeigt, die einen Köderball angreift. Das Panoramabild, mit dem er in der Kategorie Wrack erfolgreich war, zeigt die Salem Express, deren rechte Spitze durch einen Blitz von seiner Kamera beleuchtet ist, im Hintergrund ist die Sonne zu sehen. Durch den gewählten Winkel, bei dem eindrucksvolle Schatten das Wrack und den Meeresgrund bedecken, wird die dramatische Wirkung verstärkt.
Posininsky betont, dass das Tauchen um solche und besonders in solchen Wracks nicht für Anfänger geeignet sei, da es sehr gefährlich sein könne. Man sollte wissen, was man tut, da man sonst schnell mal die Zeit vergisst und die Luft irgendwann ausgeht. Außerdem tauche man mit relativ vielen Lampen, was es schwieriger mache. Zudem könne es dadurch, dass solche Wracks meist auf der Seite liegen und Treppen oder Ähnliches dann nicht so verlaufen, wie man es erwarten würde, schnell zu Schwindel und Orientierungslosigkeit und daraus resultierend zu Panik kommen. "Ich hab das Gott sei Dank nicht, mir fällt das unwahrscheinlich leicht. Aber auch ich bin schon in brenzlige Situationen gekommen, einfach weil ich die Zeit vergessen habe, weil ich so vertieft in meine Fotografie war, dass dann am Schluss die Luft knapp war."
Neben Wracks fotografiert Posininsky besonders gern Haie. Mit seinen Fotos möchte er zeigen, dass man keine Angst vor Haien haben muss. Für ihn sei es schlimm zu sehen, dass jedes Jahr Hunderte Haie abgeschlachtet werden, sobald ein Unfall mit einem Hai geschieht. Man solle nicht alles glauben, was in den Medien rund um das Thema Hai geschieht. Sie seien mit die wichtigsten Tiere unter Wasser für das Gleichgewicht. "Haiunfälle sind zu 90 Prozent auf das Fehlverhalten der Menschen zurückzuführen." Außerdem sind Haie, insbesondere Hammer- und Fuchshaie, sehr scheu. "Wenn du eine falsche Bewegung beim Hammerhai machst, ist der sofort weg." Unfälle passieren, oft in Verbindung mit Tauchern, weil die Haie angefüttert sind. Posininsky würde niemals dort tauchen, wo Haie durch Fischblut oder Fischkadaver angelockt werden. Sein schönstes Erlebnis war eine Begegnung mit Fuchshaien in Ägypten, am Big Brother, einer 400 Meter langen Insel. "Nur wenn du im richtigen Moment dahintauchst und dich besonders ruhig und clever verhältst, hast du die Chance, richtig nah an die Fuchshaie ranzukommen."
Posininsky musste zu einer Putzerstation tauchen. Das sind Orte, die Meereslebewesen aufsuchen, um sich von kleineren Wesen putzen zu lassen. Sie befinden sich in etwa 40 Meter Tiefe. Posininsky musste mit einer Sauerstoffflasche hinabtauchen, die Zeit dort unten war auf ungefähr 40 Minuten begrenzt. "Es ist nicht so ganz ohne, so tief und auch so
lange so tief zu gehen." Obwohl man unter Wasser eigentlich stets ruhig und gleichmäßig atmen soll, musste er da seine Atmung reduzieren, damit er nicht zu laut war und die Haie dadurch verscheuchte. "Das war ein ganz besonderer Moment für mich. Das war so unglaublich." Bei solchen Tauchgängen ist immer ein Guide dabei, der im Notfall helfen kann. Posininsky macht seine Fotos auf Social Media öffentlich, und er nimmt an Wettbewerben teil. Er würde jedem empfehlen, das Meer besser kennenzulernen, um zu sehen, "wie schön es eigentlich unter Wasser ist und was man da erleben kann, besonders die Energie mit dem Meer und auch mit den Tieren".