Das Motiv bleibt im Dunkeln

Der portugiesische Tierarzt Jorge Bacelar entwickelte sich zu einem bekannten Fotografen


Der Tierarzt Jorge Bacelar ist ein Meister der fotografischen Kunst. Ihn interessieren Gesichtsausdrücke von Bauern mit ihren Tieren. Er bevorzugt einen sehr dunklen, schwarzen Hintergrund, um die Landwirte und ihre Mimik hervorzuheben. Bacelar wurde 1966 in Figueira de Castelo Rodrigo, einer kleinen Stadt im Landesinneren von Portugal, geboren. Seine Eltern hatten Jura studiert. Als Bacelar volljährig wurde und zu reisen begann, fing er auch an, Museen zu besuchen und Kunst zu erforschen. Am Ende der Schulzeit hatte er noch keine klare Richtung und studierte auf Anraten seines Vaters Tiermedizin und promovierte.


Bacelar arbeitet als Tierarzt für Proleite, eine Vereinigung, die landwirtschaftliche Unterstützungsdienste anbietet, wo er neben den großen Milcherzeugern auch Kleinbauern besucht. Auf seinen Reisen durchquert er die wunderschönen Landschaften des Vouga- Flussbeckens, der Flussmündung von Aveiro und der Sümpfe, wo die Zeit nicht zu existieren scheint. Da die mit diesen Landschaften verbundenen menschlichen Aktivitäten, wie die Fischerei und die Sargassum-Ernte, zu verschwinden drohten, begann er, sie auf Film zu bannen. Dabei lernte er den Fotografen António Tedim kennen und freundete sich mit ihm an. 2013 kaufte Bacelar seine erste Kamera, eine Sony Alpha 7, und begann autodidaktisch Momente aus dem Leben der Kleinbauern mit ihren Tieren festzuhalten. Er nahm an einer Gemeinschaftsausstellung in Torreira teil. "As Gentes e as Paisagens da Terra Marinhoa", die Menschen und Landschaften von Terra Marinhoa. In der nahe gelegenen Stadt Veiro nahm er an einer Einzel- und Dauerausstellung mit dem Titel "Identität" (2013) teil. "Die Ausstellung ist noch da, eine ganze Etage mit meinen Fotos."


Innerhalb von zehn Jahren ist er zu einem der bekanntesten Tierärzte Portugals geworden und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. So wurde er beim 9. Humanity Photo Award 2015 in Peking prämiert. 2016 erhielt er eine Bronzemedaille beim "World Photographic Cup" und beim "IUP - International United Photographers" die Silbermedaille; weitere Auszeichnungen waren eine Goldmedaille bei der "Global Photographic Union", und im Wettbewerb "Travel Photographer of the Year 2020" gewann er den 1. Platz in der Kategorie

"People's Choice" und wurde Vizemeister in der Kategorie "People of the World". Er sagt, dass "die Auszeichnungen seine Seele füllen", aber dass Anerkennung nicht sein Hauptziel oder Fokus sei. Bacelars fotografische Arbeiten werden oft mit Gemälden von Caravaggio verglichen. Die farbenfrohe Kleidung und die dargestellten landwirtschaftlichen Elemente bilden einen lebhaften Kontrast zum schwarzen Hintergrund. Auch die Ästhetik der Proportionen der Komposition spielt eine wichtige Rolle in seinem Werk. Sie ist die Grundlage, die es ermöglicht, die Hauptfiguren, die Bauern und ihre Tiere, hervorzuheben, indem sie ihre Gesichtsausdrücke in einem zeitlosen Ergebnis festhält, ihren Schmerz, ihre Herausforderungen, aber auch ihre Freude und Liebe. "Hinter jedem Leben steht eine Traurigkeit, die jeder für sich behält", meint Bacelar. Seine Porträts, in den Größen 90 mal 60 Zentimeter, 150 mal 100 und 225 mal 150, zeigen die raue, sonnenverbrannte Haut, die schwieligen Hände eines Arbeiters, die ausgeprägten Falten und das zurückhaltende Lächeln einer alten Frau. Oft halten oder umarmen die Bauern ein Tier und tauschen mit diesem manchmal einen Blick. Dieser ist mitfühlend und sanft, und man kann erkennen, dass sie ihre Beziehungen zu den Tieren lieben. "Ich mag es nicht, Fotos mit Bildunterschriften zu versehen, sodass jeder, der das Bild ansieht, in der Tiefe spürt, was es zu vermitteln versucht."


Bacelars fotografische Arbeit wäre ohne seine Arbeit als Veterinärdienstleister und die freundschaftliche Beziehung, die er lange zuvor aufgebaut hatte, nicht möglich gewesen. "Ich glaube, wenn ich nicht Tierarzt wäre, würde ich nicht fotografieren. Weil ich das fotografiere, was mir gefällt, und weil es mir Freude bereitet, das zu fotografieren." Er betrachte die Bauern als seine Freunde, mit denen er sich trifft und zusammen isst und trinkt. Sie vertrauen sich, und deswegen fühlen sie sich gut, wenn Bacelar sie fotografieren will. "Wenn die betreffende Person die Erlaubnis erteilt hat, fotografiert zu werden, müssen Sie ihr die Würde und den Respekt entgegenbringen, den sie verdient." Für ihn sei es ein Privileg, diese Fotos von Menschen machen zu können, die ansonsten vergessen werden. Alle Preise widmet er seinen Freunden auf dem Lande. "Für sie fotografiere ich." Es sei sein Ziel, den Portugiesen eine ländliche Welt zu zeigen, von der sie dachten, sie existiere nicht mehr. Die Bauern werden in ihren Häusern fotografiert. Um den dunklen Hintergrund zu erreichen, wird wenig Licht benutzt. Dazu wird nur eine Tür oder ein Fenster geöffnet und nicht mehr. Bacelar sagt: "Licht ist magisch und kommt auf eine natürliche Weise daher." Es dauert einen ganzen Nachmittag, um ein gutes Foto aufzunehmen. Die geringe Helligkeit der Umgebung, in der die Fotos aufgenommen werden, erfordert eine lange Belichtungszeit und eine große Blendenöffnung. Mit Glück kann man aus 150 Fotos ein gutes herausziehen. Nach den Sitzungen will Bacelar seine Fotos zu Hause ansehen, und vielleicht werden sie digital bearbeitet, zum Beispiel unter dem Aspekt der Größe, Helligkeit, Kontrast, Farbe. "Du kommst nach Hause und schaust dir die Gesichtszüge der Leute an, ihre Hände, alle Details, und dann fließen dir die Tränen, weil du ein Leben fühlst, du fühlst ein ganzes Leben in jedem Merkmal und in jeder Kleinigkeit. Es sind meine Leute, die auf den Fotos sind."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.09.2024, S. 26 - Sofia Hörster Magalhães, Deutsche Schule zu Porto

zurück