Das Theater und seine "Niederungen"

Am Deutschen Staatstheater Temeswar steht Herta Müller auf dem Programm. Die rumänische Heimat tut sich nicht leicht mit ihr.

Touristen schlendern durch das Zentrum von Timisoara, der europäischen Kulturhauptstadt 2023. Auf dem Siegesplatz bewundern sie das eindrucksvolle Kulturpalais. Geht man vom Haupteingang rechts weiter durch eine schmale Gasse, die von bunten Regenschirmen geziert wird, so gelangt man vor eine unscheinbare Tür. Daneben im Schaufenster hängt ein großes Plakat: "'Niederungen' nach Herta Müller". Dahinter befinden sich das Deutsche Staatstheater Temeswar, DSTT, sowie das Ungarische Staatstheater. Über eine Treppe gelangt man ins Foyer und von hier in den ehemaligen Redoutensaal des einstigen Franz-Joseph-Theaters, wo auch noch heute gespielt wird. Aber was hat ein deutsches Theater mitten in Rumänien zu suchen? Im Banat, einer Region im Westen Rumäniens, haben Rumänen, Ungarn, Serben, Deutsche, Bulgaren, Slowaken, Juden und Roma zusammengelebt. Das Kulturpalais beherbergt auf weltweit einmalige Weise vier Institutionen, die Rumänische Nationaloper und drei Sprechtheater in drei Sprachen: das Rumänische Nationaltheater, das Deutsche Staatstheater und das Ungarische Staatstheater. 

 

Das DSTT wurde 1953 eröffnet. "Die Zukunft gab nicht selten Anlass zur Sorge. Anfang der Neunzigerjahre schrieb man dieses Theater fast schon tot, nachdem die meisten Rumäniendeutschen ausgewandert waren", sagt Intendant Lucian Varsandan. "Dieses Haus musste um sein Überleben kämpfen. Man spielt heutzutage vor einem ganz unterschiedlichen Publikum, nicht mehr ausschließlich für die deutsche Minderheit, aber immer noch auf Deutsch." Manches Stück erlebt verschlungene Sprachverwandlungen: Ein rumänischer Text einer rumänischen Autorin wird ins Deutsche übersetzt, die Schauspieler erhalten beim Proben auf Deutsch Sprechtraining, um akzentfrei zu sprechen, und während der deutschsprachigen Aufführung im Theater vor einem gemischten Publikum werden rumänische Übertitel eingeblendet, damit jeder folgen kann. Auch der Inhalt und die Art der Inszenierungen haben sich im Laufe der Zeit geändert. "Wir leben heute in einer viel freieren Welt. Man kann viel leichter mit Künstlern und Theatern aus anderen Ländern zusammenarbeiten, was vor der Wende nur unter erschwerten Bedingungen und mit Sondergenehmigungen denkbar gewesen wäre. Was wir hier machen, ist im weiten Sinne des Wortes Bildungsarbeit", meint Varsandan. 

 

Bildungsarbeit kann auch Konfrontation bedeuten, etwa dann, wenn das Stück "Niederungen" wieder ins Programm genommen wird. Im Theatersaal wird es still, das Licht gedimmt, die Vorstellung beginnt. Rund 120 Zuschauer füllen den Saal. Herta Müller und ihre rumänische Heimat, insbesondere das Banat - das ist eine Geschichte von Verstehen und Missverstehen. Schnell aufeinander folgende Szenen ermöglichen die Reise in eine Welt, die von Intoleranz und sozialer Ausgrenzung geprägt ist. Alles spielt sich innerhalb einer Dorfgemeinschaft ab. Inmitten dieser steht die Außenseiterin, die von allen gemieden und verachtet wird. "Sie gingen ihr aus dem Weg und beschimpften sie, weil sie ihr Haar anders kämmte, weil sie ihr Kopftuch anders band, weil sie ihre Fenster und Türen anders anstrich als die Leute im Dorf, weil sie andere Kleider trug und andere Feiertage hatte, . . .", so steht es in ,,Niederungen". Das Buch konnte 1982 in Rumänien nur in zensierter Fassung erscheinen, in vollständiger Fassung erschien es 1984 in Deutschland.

 

"Das Werk ist ein Epos über den Wandel der traditionellen banatdeutschen Gemeinschaft vor dem Hintergrund der kommunistischen Diktatur. Leben in der Diktatur ist als Thema besonders relevant für viele Menschen, zumindest aus Osteuropa." So sieht es Varsandan. "Es geht darum, wie sich ein menschenverachtendes politisches System auf die Biographie eines Einzelnen auswirkt."

 

Niky Wolcz, der aus Timisoara stammt und ein international anerkannter Schauspieler, Regisseur und Choreograph ist, hat die "Niederungen" am DSTT inszeniert. Der dynamische ältere Herr mit modischer Brille meint: "Herta Müller ist ohne Zweifel eine von den hervorragendsten Schriftstellern, vor allem für uns Banater. Und auch für ganz Rumänien. Sie hat besondere Qualitäten." Warum hat er das Stück gewählt? "Weil der Inhalt dieser Texte am meisten mit ihrem Banater Heimatdorf verbunden ist. Es ist das erste Kind, das sie zur Welt gebracht hat, in der Literatur, und weil es einen ganz klaren Rückblick auf die Geschichte des Dorfes und des ganzen Schicksals der Banater Schwaben hat", sagt der Achtzigjährige. Wie ihre Hauptfiguren stammt auch die Autorin aus dem Banat. Sie wurde 1953 in Nitzkydorf geboren. Ihre Person und ihr Werk trafen im Banat keineswegs auf ungeteilte Zustimmung. Das ist etwas, das man heute zur Zeit ihrer öffentlichen Anerkennung lieber vergisst. Varsandan sieht das kritisch. "Ich kann es nicht nachvollziehen, dass manche Menschen aus Temeswar oder Rumänien, vor allem nach Erhalt des Nobelpreises 2009, sich plötzlich zur ausgezeichneten Autorin bekannt haben. Es ist so, als wollte so mancher indirekt auch ein bisschen teilhaben an diesem ganz besonderen Erfolg, als wäre sie plötzlich auch ein bisschen Rumänin geworden, was so selbstverständlich nicht stimmt." 

 

Das Ensemble bringt die Texte der "Niederungen" in aller Schärfe auf die Bühne. Es geht um Verlogenheit, Gewalt, Korruption und vor allem um Gefühlskälte. Dennoch wirkt es auf der Bühne verdaulicher, humorvoller als im Buch. "Der Humor kommt aber eigentlich aus dem Text. Der Vorteil einer Vorstellung ist, dass man lebendige Figuren auf der Bühne sieht", erklärt Wolcz. Trotzdem gibt es auch negative Reaktionen auf das Stück. Wolcz kann damit umgehen. "Man weiß, dass einige Landsleute mit der Darstellung nicht zufrieden sind. Weil sie es gewohnt sind, die Fassade zu wahren. Nur das Schöne soll in die Auslage kommen. Was unangenehm ist oder wo es Konflikte gibt, jene Dinge, die man kritisieren müsste, die sollten nicht laut werden." Es passt zum Prinzip des Deutschen Staatstheaters Temeswar, die Fassade bröckeln zu lassen. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02. Dezember 2024, Nr. 281, S. 26 - THOMAS KATTESCH, Nikolaus-Lenau-Gymnasium, Timisoara

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