Oberst Vasile Sopon hat in Timisoara eine Truppe gegründet, um die historische Wachablösung zu zeigen
Schlendert man samstagabends in Timisoara über den Piata Unirii, so hört man von Weitem Trommelschlag. Bunte Uniformen, dreieckige Hüte mit abenteuerlichen Federn, blinkende Bajonette und schön gekleidete Frauen mit weit schwingenden Röcken, aufgebauscht durch eine Krinoline, erscheinen auf dem Platz. Militärische Kommandos ertönen. Die Garde der Stadt marschiert auf und präsentiert eine Wachablösung wie vor 300 Jahren. Kanonendonner hallt, ein Pestarzt mit Schnabelmaske erscheint. So sah die alte habsburgische Armee in Temeswar aus. All das wird von der Temeswarer Garde, einem Verein von Freiwilligen, präsentiert, um die Erinnerung an die Geschichte wachzuhalten. "Es geht nicht darum, Krieg zu spielen oder Kriege zu verherrlichen, sondern es ist ein Stück Stadtgeschichte", sagt Oberst Vasile Sopon, der Gründer des Vereins. Auch wenn der siebzigjährige weißhaarige Mann die Uniform nur zur Wachablösung trägt, zeigt seine Haltung selbst in Alltagskleidung immer etwas sehr Gerades, ohne steif zu wirken.
Mit 300.000 Einwohnern ist Timisoara eine der größten Städte Rumäniens. Seit 300 Jahren leben dort verschiedene Ethnien - Deutsche, Serben, Rumänen und Ungarn - friedlich zusammen. 1552 wurde sie vom Osmanischen Reich erobert, anschließend wurden zwei Moscheen und ein türkisches Bad errichtet. "Dann, im Jahr 1716, kam Prinz Eugen von Savoyen, der Oberbefehlshaber der Habsburger, mit seiner Armee. Zwei Monate dauerte die Belagerung, und der Sieg war am 18. Oktober, dem Geburtstag des Prinzen." Vieles war durch die Belagerung zerstört worden. Heute gibt es kaum noch Spuren des alten Bades und der Moscheen. Die Stadt wurde ganz im Sinne der Habsburger umgestaltet. Wegen ihrer strategischen Lage an der Kreuzung mehrerer Straßen ließ der österreichische Kaiser eine moderne Festung errichten. Zu ihr gehörte die Garnison mit den bunten Uniformen, das historische Vorbild des heutigen Gardevereins. "Später brauchte man die Festungsanlagen nicht mehr. Sie waren militärisch bedeutungslos geworden", sagt Sopon. Im Jahr 1900 wurden große Teile abgerissen. Die Stadt sollte wachsen, nicht eingeschränkt durch die Festungs- und Wallanlagen, so der Wille der österreichisch-ungarischen Verwaltung. Doch aus Sicht des Gardevereins gehören auch die Reste der alten Garnison zur Tradition. Um sie zu bewahren, hat Sopon die historische Stadtwache gegründet. Die Idee entstand 2016, zum 300-jährigen Jubiläum der Befreiung von der Türkenherrschaft. "Damals kam eine Turiner Stadtwache zu uns zu Besuch. Sie zeigte uns, wie eine historische Stadtwache funktioniert. Ich wusste: Das brauchen wir auch", lacht Sopon. Sein Verein führt jede Woche einen Wachwechsel durch. "In der Stadtwache spiegelt sich alles wider, die wechselvolle Geschichte und das Nebeneinander der verschiedenen Kulturen, die verschiedenen Uniformen." Der Verein hat 38 Mitglieder, 28 Männer, zehn Frauen. Das jüngste Mitglied ist 14 und das älteste 70 Jahre alt. Die Uniformen wurden von der städtischen Oper gestiftet und die historischen Waffen in Spanien gekauft. Die Garde erhielt den Namen "Asociatia Reconstituiri Istorice Timisoara". "Dafür opfern wir manche Samstagabende, wenn wir einen Wachwechsel zeigen. Vor allem müssen wir dafür jeden Donnerstag üben, bis jeder Schritt, jede Drehung, jeder Handgriff sitzt." Ein Wachwechsel dauert 45 Minuten. Zum 300-jährigen Jubiläum des Biers Timisoreana war die Turiner Stadtwache erneut vor Ort. Alle waren begeistert. "Fast 2000 Menschen haben unserem Wachwechsel zugeschaut." Der Fundus an historischen Militaria wurde später noch um eine ohrenbetäubende selbst gebaute Kanone und um die historisch bezeugte Figur des Pestarztes Doktor Schnabel bereichert.
Wie die ehemalige Armee des Fürsten setzt sich auch dieser Verband aus Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Einige sind jung, noch in der Schule oder im Studium, andere sind älter, mit einer militärischen Ausbildung aus der kommunistischen Zeit. Viele haben Berufe wie Arzt, Architekt, Polizist, Feuerwehrmann und Museumsmitarbeiter.
Durch die Initiative Sopons entstand auch das militärgeschichtliche Museum. Es ist mit der Garde vielfach verbunden. Im Museum werden auch Uniformen und Waffen aus Sopons Fundus ausgestellt. Das Gardemitglied Darius Sala arbeitet dort: "Ich bin seit 2019 im Garderegiment", erzählt der Siebenundzwanzigjährige. "Davor war ich Fotograf. Ich wollte dabei sein, weil ich schon immer von Geschichte fasziniert war und von Dingen wie historischen Waffen, Taktik und Strategie. Unsere Garde, das ist lebendige Geschichte." Sala ist ein kräftiger junger Mann mit dunklem Haar. Seine Barttracht erinnert an Kaiser Franz Joseph I. in jungen Jahren. "Ich habe schon vorher militärgeschichtliche Führungen gemacht. Als dann 2022 dieses Museum eröffnet wurde, habe ich mich sofort beworben, und es hat geklappt. Ich möchte so lange wie möglich hier bleiben."
Gleichwohl ist der Gardeverein keine reine Erfolgsgeschichte. "Zuerst war die Begeisterung groß, aber mit der Pandemie gab es einen Rückschlag. Die Neueintritte wurden weniger", meint Sopon. Dabei gebe es öffentliche Anerkennung. Im Jahr 2022 wurde die Garde sogar zur Militärparade am Nationalfeiertag, dem 1. Dezember, eingeladen. Dort wurden nicht die alten bunten Uniformen der Habsburger, sondern die eher eintönigen Uniformen aus dem Ersten Weltkrieg getragen. Der Verein wurde schon ins Banater Dorfmuseum eingeladen. Der Höhepunkt war das Kanonenschießen. Für Sopon ist die Garde alles andere als ein Kostümverein: "Die Mitarbeit ist ein sehr ernsthaftes Anliegen, und das erfordert Zeit und Anstrengung. Wir suchen Leute, die gewissenhaft sind und etwas über die Geschichte Temeswars lernen wollen." Vor allem jüngere Mitglieder werden gesucht. "Einige von uns sind alt und können nicht mehr." Alle Mitglieder der Wache arbeiten ehrenamtlich, aus Begeisterung. "Alte Traditionen interessieren junge Menschen nicht mehr so. Es ist schwierig, sie dafür zu gewinnen", sagt Sopon. Bei den Zuschauern sei die Resonanz positiv, auch viele Bürgermeister kämen. "Einmal kam sogar eine Adelsfamilie aus Habsburg-Lothringen." Im Mai kam Eva Gräfin Walderdorff und berichtete in einer Wiener Zeitung darüber. Ein Team aus Serbien, Kroatien und Ungarn will einen Dokumentarfilm über Prinz Eugen von Savoyen drehen. Die Garde soll als Darsteller mitwirken. "Vielleicht wird uns das neue Mitglieder bringen."