Im Zürcher Oberland fertigt Marcel Brunner individualisierte Spitzensnowboards.
Inmitten eines großen Schreinereibetriebs in Bubikon im Zürcher Oberland findet man etwas versteckt die kleine Werkstatt und das Büro der Oxess GmbH, die individualisierte Ski und Snowboards produziert, unter anderem für Topathleten, die bei Weltmeisterschaften und Olympiaden starten. Firmengründer Marcel Brunner, Jahrgang 1969, steht in seinem Büro. Er hat einen vollen Bart, blaue Augen, eine eckige Brille und einen Ring im rechten Ohr. Sein Tag war arbeitsreich. Alle wollen zum Saisonstart ihre Boards, einige bestellen noch nachträglich. Das Büro kommt dem Besucher vor wie ein umfunktioniertes Appartement. Es gibt einen bequemen Sitzbereich, Küche, Bar, einen Tisch mit Stühlen. An der Wand beim Eingang stehen etwa zwei Dutzend Paar Ski und Snowboards, zum Anschauen und Testen. Im hinteren Teil des Büros befinden sich viele lange Kartons und Snowboards in allen Farben. "Die meisten gehen nach China", sagt Brunner. Die Werkstatt ist nicht größer als das Büro, zwei Räume sind alles, was es braucht.
Mit einer großen Fräse werden alle Materialien zurechtgeschnitten. In zylinderförmigen Metallkammern werden im Vakuum die hauchdünnen Schichten von Holz, Glasfaser, Dämpfungsgummi, Titanal, Skibelag und Top Sheet zusammengepresst. Die flexiblen Kunststoffenden des Boards werden in Form gebogen. Schließlich wird es geschliffen, gewachst und die Sicherung montiert. Auf jedem Board hat es einen Zettel mit individualisierten Größen und Wünschen. Die Materialkosten liegen bei 200 Schweizer Franken. Die Herstellung dauert acht Arbeitsstunden und kostet rund 900 Franken. Für den Endkäufer kostet das Oxess Board schließlich 1600 Franken. Dieser Preis ist nur durch den direkten Verkauf möglich. Ein günstiges Snowboard woanders kostet 200 Franken. Diese können in großen Mengen produziert werden, in Ländern mit geringen Löhnen. Da kann ein "Made-in-Switzerland-Produkt" nicht mithalten. Doch Brunners Kunden wollen Qualität und Herstellungsnähe. "Man kann alles individualisieren." So lautet seine Firmenphilosophie. Um das zu zeigen, baute Oxess als Werbegag im Jahr 2000 ein sechs Meter langes Snowboard, auf dem zehn Personen fuhren. Davon kann man auf Youtube ein Video finden. "Wir können alles machen, was du willst. Aber normalerweise muss man das Snowboard nicht neu erfinden", erklärt Marcel Brunner. Der Fahrer testet es und sagt zum Beispiel, es muss steifer oder länger sein.
Während seiner Lehre kam Brunner 1985 zum ersten Mal in Kontakt mit Snowboards. "Ich konnte mir damals keines leisten, ich habe eine Schreinerlehre gemacht und gedacht, ich könnte doch selbst eines bauen. Das war mein erstes Snowboard. Es war aber nicht wahnsinnig gut fahrbar." Im ersten Board steckten mindestens 30 Arbeitsstunden. Ein paar Jahre später versuchte er es mit zwei Freunden erneut. Der eine, ein Wirtschaftsstudent, gründete umgehend die Firma. Der andere, ein Designer, erstellte das charakteristische Logo, das sich seither fast nicht geändert hat. Marcel brachte als Schreiner die handwerklichen Fertigkeiten mit. Sie konnten die Maschinen der Schreinerei Bertschinger in Bubikon benutzen und schnell erste Produkte verkaufen. Damals war niemand finanziell abhängig. Sie standen nicht unter Druck, was die Kreativität und Risikobereitschaft steigerte. Erst 1998 konnte sich Brunner selbständig machen, seit 2010 lebt er nur von Oxess. Mit den beiden Freunden ist er noch in Kontakt, aber sie sind nicht mehr an der Firma beteiligt. "Am Anfang waren wir der Meinung, wir könnten es besser machen als die Industrie." Das hat sich auch erwiesen. "Gerade im Snowboardcross gibt es keinen Hersteller, der das so kann, einfach weil wir so flexibel sind. Wir waren die ersten, die ein Board auf Snowboardcross abstimmten." Brunner arbeitet eng mit den Athleten zusammen. "Der Erfolg kam einfach, weil die Leute das gut gefunden haben, sie sind bereit, für ein besseres, individualisiertes Produkt mehr zu zahlen." Heute hat Oxess neun Mitarbeiter. Brunner bringt allen das Handwerk bei. "Snowboardbauer kann man nicht als Beruf lernen." Es gibt immer wieder junge Leute, die auf ihn zukommen und selbst Snowboards bauen wollen. Es ist oft schwieriger als sie denken.
Zuallererst fuhren Schweizer Athleten mit Oxess. Doch der erste große Erfolg kam 2009 in Südkorea, als der Österreicher Markus Schairer mit Oxess zum ersten Mal Weltmeister im Snowboardcross wurde. "Dann ging es los." 2010 gewann Oxess drei Medaillen bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Das waren die wichtigen Momente. "Man muss den besten Fahrer überzeugen, und der muss dann gewinnen, und da hatten wir auch Glück." Heute ist Oxess international begehrt, vor allem im wachsenden Markt China. Die chinesische Snowboard-Nationalmannschaft zählte ab 2017 zur Kundschaft. Zuvor hatte man keine chinesischen Kunden. "Danach ist es fast explodiert, mittlerweile produzieren wir mindestens ein Drittel für den chinesischen Markt."