Zu sechst macht eine Familie aus Herschmettlen in der Schweiz eine einjährige Weltreise - mit dem Rad
Plötzlich schätzt man all das alltägliche Zeugs", erzählt Yael, die mit ihren 13 Jahren schon sehr viel mehr von der Welt gesehen hat als viele Erwachsene. Die Familie Sutter aus dem kleinen Dorf Herschmettlen im Kanton Zürich hat sich an dem alten Holztisch in ihrer gemütlichen Stube versammelt. In der Ecke steht ein grüner Kachelofen, und der Holzboden knarrt, wenn man den Wohnraum betritt. Das Privileg, einen warmen, vom Wetter geschützten Raum zu haben, ist für sie nicht mehr selbstverständlich. Ein Jahr lang war die Großfamilie mit Rad und Zelt unterwegs. Der 46-jährige Vater Stefan und die 41- jährige Mutter Melinda haben sich diesen Traum ermöglicht.
"Vor fünf Jahren wollten wir das erste Mal eine Weltreise machen. Dann mussten wir das aber verschieben, da es zuerst bei der Arbeit nicht funktioniert hat, und dann ist Corona gekommen", erklärt die schlanke, blonde Mutter. Um sich die Reise zu finanzieren, hat die Familie ihr Haus über ein Untervermietungsportal vermietet. Nach langem Hin und Her konnte Melinda Sutter auch die Schule der Kinder überzeugen. Die haben während ihrer Reise regelmäßig Matheaufgaben erledigt und ein Reisetagebuch geschrieben. Für die restlichen Fächer mussten sie nichts machen, da die Lehrpersonen der Rudolf-Steiner- Schule dies nicht für nötig hielten. Schließlich lernten die Kinder auf ihrer Reise sowieso Fremdsprachen und viele andere wichtige Erkenntnisse fürs Leben. "Wir hatten sozusagen Homeschooling on the road", sagt Yael. Nun können sie wieder in dieselbe Klasse eintreten, in der sie zuvor waren. Der Vater, der als Spenglermeister arbeitet, nahm sich eine berufliche Auszeit: "Ich habe einfach einen supercoolen Arbeitgeber, der mir das möglich gemacht hat", berichtet er und fährt sich durch seine braunen Haare. Weitere Vorbereitungen musste die Familie nicht treffen, da sie auf der Reise meist sehr spontan agierten. Auch hatten die Eltern vor vielen Jahren schon einmal ein Abenteuer mit dem Velo erlebt. Mit dabei waren ihre beiden ältesten Kinder Yael, 13 Jahre, und Leandro, 11 Jahre. Der zu dem Zeitpunkt noch sehr kleine Leandro konnte kaum Fahrrad fahren. Damals war die Familie noch zu viert und reiste von Mai 2013 bis Februar 2014 durch Südamerika.
Am 26. April 2023 ging es für die sechs los. Ihre Angehörigen hatten gemischte Gefühle. Die einen freuten sich für sie, die anderen machten sich Sorgen. Die Reise begann in Herschmettlen. "Erst den Rhein entlang, danach an der Seine von der Quelle über Paris bis zum Meer." Von dort aus ging es mit dem Schiff nach England. War dort das Wetter noch schön, so hatten sie anschließend in Irland nicht so viel Glück. Es habe beinahe jeden Tag geregnet. Yael fand es schwierig, dort jeden Morgen das Zelt zusammenzupacken und es abends dann in strömendem Regen wieder aufzustellen. Ansonsten genoss die Familie Irland sehr. Vor allem Stefan Sutter mochte das Zelten an der irischen Küste. Nach Irland ging es auf die Äußeren Hebriden. Die Landschaft sei wunderschön gewesen. Auch der sonst so stille Robin meldet sich jetzt: "Wir haben Seehunde und kleine Delphine gesehen."
Am 15. April musste die Familie für zwei Wochen zurück nach Zürich, da Melindas Schwester Hochzeit feierte. In dieser Zeit wohnten Stefan, Melinda, Yael, Leandro, Robin und Tim bei Stefans Eltern. Anschließend begann der zweite Teil der Reise, der Teil, den der blonde Robin "viel cooler" fand. Und die anderen stimmen ihm zu. Es ging mit dem Flugzeug nach Nepal. "In Nepal lebt eine komplett andere Kultur." Die Leute seien sehr freundlich. "Sie sind so glücklich, obwohl sie so wenig haben", findet Yael. "Überall gab es Neues zu entdecken. Sogar der Verkehr war spannend", schwärmt die Teenagerin mit den blauen Augen. "Der Alltag spielt sich auf den Straßen ab, überall kann man Leute bei ihrer Arbeit beobachten", erklärt Melinda Sutter. Ihr Mann erzählt mit strahlenden Augen: "In Nepal im Zwischengebirge durch den Urwald zu fahren und das laute Gezirpe der Zikaden zu hören war ein sehr spezielles Erlebnis. Man musste sich fast die Ohren zuhalten, weil es so laut war." In Nepal erklomm die Familie zu Fuß den 5416 Meter hohen Thorong-La-Pass. Die Temperatur war kühl, das Atmen fiel schwer. Das Telefonieren mit Rettungsdiensten in dieser Höhe ist nicht einfach und das Risiko sich zu verletzen hoch. Den Angehörigen der Familie, die ihre Reise auf dem privaten Instagram-Kanal "Moskitotrip" mitverfolgten, war nicht ganz wohl. Als Leandro auf 4000 Metern schlimme Kopfschmerzen bekam, war der Familie klar, dass sie den Aufstieg vorsichtig angehen müssen. Die Höhenkrankheit kann gefährlich sein. Deshalb legten sie zwei Tage Pause ein, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Als sie dann auf 4900 Metern angekommen waren, bekam der Jüngste, der sechsjährige Tim, Fieber. Wieder musste die Familie einen Tag Pause einlegen. Alle Angehörigen waren froh, als sie die Nachricht erhielten, dass die sechs gut auf dem Pass angekommen waren. Aber auch der Abstieg war nicht einfach. Yael hatte eine schwere Magen-Darm-Grippe. Immer wieder mussten sie anhalten. Da die Familie auf dem Pass kein Zelt dabeihatte, zog sie von Unterkunft zu Unterkunft. "Wir dachten schon, wir hätten den Weg verloren. Irgendwann, spät in der Nacht, sind wir dann zum Glück doch noch angekommen", erzählt die 41-jährige Hausfrau seufzend.
Von Nepal aus ging es mit dem Flieger weiter nach Vietnam. Auch dieses Land erkundeten sie mit ihren vollgepackten Rädern. Anschließend führte die Route nach Laos. Dort kamen andere Herausforderungen auf sie zu. "Wir hatten keinen flachen Meter. Es ging immer rauf und runter, rauf und runter", lacht Robin. Auch setzte die Familie dort eine Woche lang eine Magen-Darm-Grippe außer Gefecht. Melinda Sutter gefiel Laos besonders gut: "Die Ruhe war sehr speziell. Es war Tag und Nacht einfach ruhig. Man ist da einfach fernab von der Zivilisation." Da Laos sehr wenig Lichtverschmutzung hat, konnten die sechs die Sterne besser sehen als je zuvor. Und die Leute dort seien äußerst herzlich. Yael vermisste inzwischen den Kontakt mit Gleichaltrigen doch sehr. Trotzdem ging die Reise weiter. Die nächste Etappe war Thailand. Dort übernachteten sie nicht mehr so oft in einem Zelt. Es war einfach zu heiß. Auch unternahm die Familie Aktivitäten wie Tauchen im Golf von Thailand. Von dort ging es weiter nach Malaysia, wo die nächste Herausforderung wartete. "Ich würde nicht mehr in der Ramadanzeit durch Malaysia reisen. Es war für uns sehr schwierig, tagsüber an Essen zu kommen", sagt der Vater. Am 26. April 2024, genau ein Jahr nach ihrer Abreise, trifft die Familie am Flughafen Zürich ein, wo Verwandte sie jubelnd mit Plakaten begrüßen. Die Mutter meint: "So lange zusammen zu sein und sich gegenseitig auszuhalten war die größte Herausforderung."