Denn Fremde seid ihr gewesen

Ein Leben als Jude in einer Gemeinde in Kiel - heute

Für mich geht es weniger um den Glauben als darum, das Richtige zu tun", sagt Joshua N. Der 54-jährige Ehemann und Vater einer 15-jährigen Tochter möchte anonym bleiben, weil er sich als Jude vor antisemitischen Aktivitäten gegen ihn und die Familie fürchtet.

Es ist ein bewölkter Mittwochnachmittag. Joshua sitzt an einem langen Tisch im ersten Stock des jüdischen Gemeindehauses zu Kiel. Er hat einen grau-weißen Bart und trägt eine Kippa , die jüdische Kopfbedeckung, die ein wenig an einen sehr kleinen Beanie erinnert. "Das Judentum", sagt er, "zeigt sich entgegen der Vorstellung vieler Nichtjuden in verschiedenen Formen. Ich selbst schätze mich vornehmlich als liberal und reformorientiert, in manchen Teilen aber auch als eher konservativ ein." Er sei einerseits offen gegenüber neueren Entwicklungen, wie etwa der Gleichberechtigung der Geschlechter, andererseits glaube er an die jüdischen Traditionen. Sie geben ihm Halt und Sicherheit in einer schnelllebigen Welt. Als Kantor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden gehören Tätigkeiten wie das Leiten von gesungenen Gottesdiensten und das Erteilen von Religions- und Hebräischunterricht zu Joshuas Aufgaben. Zum Erreichen dieses Berufs kann man entweder an einer Universität ein Kantoren-Studium inklusive (Opern-)Sängerausbildung oder Fortbildungen in Richtung Gottesdienstleitung absolvieren. Letztere Option war der Weg Joshuas: "Ich habe dafür Fortbildungen in Deutschland, Israel und England machen dürfen."

Seit der Neugründung der Jüdischen Gemeinde Kiel e.V. im Jahr 2004 ist Joshua Teil davon. Der Großteil der Mitglieder besteht aus nach dem Holocaust aus der Sowjetunion nach Schleswig-Holstein zugewanderten Juden. Joshua selbst ist in Nordwestdeutschland geboren und aufgewachsen und 1996 aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit nach Kiel gekommen. Die Jüdische Gemeinde ist Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, der Union progressiver Juden in Deutschland und im Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein. Heute umfasst sie etwa 260 Mitglieder. "Der Gemeinde sind nicht nur Offenheit, Flexibilität und Unterstützung von anderen Gemeinden wichtig, sondern auch eine gute Integration der zugewanderten Mitglieder", erklärt er. Zwischen 2004 und 2019 habe die Gemeinde mehrfach ihren Sitz gewechselt, seit 2019 ist sie am selben Ort, in einer Synagoge: "Immer dann, wenn die Gemeinde gewachsen war, mussten wir ein größeres Gebäude mieten, bis wir so viele geworden sind, dass wir nun ein ganzes Gebäude selbst unterhalten können." Finanziert wird die Synagoge durch obligatorische, aber an die finanzielle Ausgangssituation der Einzelnen angepasste Mitgliedsbeiträge. Gleichwohl: "Ohne die Unterstützung von der Stadt, vom Land und vom Bund wäre es nicht möglich, das hier zu betreiben."

Die Synagoge in der Waitzstraße 43 ist ein denkmalgeschütztes Gebäude, das auch von außen als jüdisches Gotteshaus erkennbar ist. In ihm wurde aktuell ein Raum für Gottesdienste im obersten Stock ausgebaut, und bald bekommt es ein neues Treppenhaus. Joshua macht eine Führung durch das gesamte Gebäude. Im Keller befinden sich neben einer Bibliothek auch Räume, in denen wöchentlich gemeinschaftliche Aktivitäten mit Kinder- und Jugendgruppen, aber auch ein Seniorentreff stattfinden. Hierfür engagieren sich Gemeindemitglieder ehrenamtlich. Gerade ist ein Raum durch einen Musical-Kurs mit etwa zehn 8- bis 13-jährigen Kindern und einem Mitte-40-jährigen Leiter besetzt. In einem anderen Raum treffen sich neun 65- bis 80-Jährige zu einem Malkurs. "Sie haben früher eine Selbsthilfegruppe für Überlebende des Holocausts organisiert, nun wollen sie mit dem Malen einen Weg finden, um hochkommende schlimme Gedanken verarbeiten zu können."

Auf die Frage, an was er glaube, antwortet er: "Es gibt Einen für mich. Im jüdischen Glauben hat ein Schöpfer alles und alle gemacht. Er weist den Menschen mit den Regeln der Tora, dem ersten Teil des Tanach, der hebräischen Bibel, den richtigen Weg." Ein Mensch müsse aber nicht zwingend gläubig sein, um das Richtige zu tun. Das besagt das in der Tora am häufigsten zitierte Gebot: "Und den Fremden sollst du nicht bedrücken. Ihr wisst ja selbst, wie es dem Fremden zumute ist, denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen." (2. Mose 23,9) Joshua deutet den Vers so: "Behandle jeden so, als wenn er dir ganz nahe steht - auch, wenn jemand obdachlos ist und stinkt. Denn wenn du selbst in so einer Situation wärst, würdest du mit Würde behandelt werden wollen." Die Tora sei wie eine Gebrauchsanweisung für uns. "Wenn alle Menschen im Sinne der Tora handeln würden, hätten wir ein friedlicheres Miteinander."

Er sagt: "Das jüdische Leben in Kiel ist im Verlauf der letzten Jahre besser integriert, sichtbarer und selbstverständlicher geworden. Jüdische Vertreter:innen werden inzwischen regelmäßig zu Religionsveranstaltungen des Landes eingeladen und dürfen Religionsunterricht in den Schulen und Diversitätsausbildungen für Lehrkräfte mitgestalten. Die Landesregierung organisiert den Runden Tisch für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus und integriert gerade lokal die nationale Antisemitismus-Strategie. Ich habe damit das Gefühl, ein Teil des Lebens hier im Land geworden zu sein. Mein 'normal' sieht aber eben ein wenig anders aus als das der meisten." Bei konkreter Nachfrage ergänzt er: "So traurig das jetzt klingt, antisemitisch angefeindet zu werden ist für Juden normaler Teil des Alltags und gehört einfach dazu."

Das zeige sich insbesondere seit Oktober 2023 mit dem Krieg zwischen Israel und der Hamas. Er bekomme Aussagen zu hören oder zu lesen wie: "Juden sind Kindermörder", "Höre, Israel, die Hunde werden dein Blut lecken" oder "Wir brauchen nicht über Antisemitismus zu reden, denn Juden werfen muslimische Kinder aus dem Fenster". "Dies kommt auch von muslimischen Menschen, mit denen ich die letzten 20 Jahre in gutem interreligiösen Kontakt gestanden habe." Allerdings erlebte Joshua schon früher derartige Vorfälle, wenn er sich durch seine Kippa auch in der Öffentlichkeit als Jude erkennbar zeigte. Ein besonders prägendes Erlebnis hatte er 2008 mit seiner hochschwangeren Frau auf dem Weg zu einer Veranstaltung in der Kieler "Pumpe". Vor dem Gebäude wurden sie von etwa 15 Männern mit den Worten "Die Juden kommen!" empfangen. Ein Teil der Gruppe griff das Paar mit vollen Bierflaschen tätlich an, sodass sie in eine Seitenstraße ausweichen mussten. Anzeige erstatten wollte Joshua nicht: "Ich dachte damals, dass die Polizei sich um so etwas nicht kümmern würde. Heute würde ich so etwas nicht nur der Polizei, sondern auch den Meldestellen gegen Antisemitismus melden." Seit diesem Vorfall gibt sich die Familie zu ihrem eigenen Schutz nicht mehr öffentlich als Juden zu erkennen und möchte dies bis zum 18. Geburtstag der Tochter so beibehalten. Und danach? "Schwierig zu sagen, vielleicht belassen wir es dann, nach den aktuellen Erfahrungen, auch einfach weiter so."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2024, Nr. 82, S. 26 - ANDRINA SOPHIA MAETZLER. Humboldt-Schule, Kiel

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