In Sofia steht die Skulptur "Gandhi mit einer Ziege" des Bildhauers Ivan Rusev. Er erschuf auch "Die Marmorstadt der Künste".
Ein Haus im Zentrum von Sofia. Auf den ersten Blick nichts Auffälliges in dem ruhigen Viertel Izgrev. Graue Wolken am Himmel. Ein enger Weg. Ein kleiner Hof. Weiße Wände. Eine Tür. Eine geschwungene Treppe führt in einen Raum voller Skulpturen. Ivan Rusev schaltet in seinem Atelier das Licht an und bereitet sich auf die Arbeit vor. Der 69-Jährige reinigt seinen Tresen und krempelt die Ärmel hoch. Rusev ist durchschnittlich groß, grauhaarig und einer der berühmtesten Bildhauer Bulgariens. "Es ist Zeit für etwas Kunst", sagt er und lacht. Sein Gesicht sieht nachdenklich, aber glücklich und aufgeregt aus.
Die Liebe zur Kunst hat Rusev von seiner Mutter Maria Ruseva geerbt, die Malerin war. Sein Vater, ein Professor für Veterinärmedizin, hatte großen Respekt vor der Kunst und unterstützte seinen Sohn und seine Frau bei ihren Interessen. Rusev studierte an der Nationalen Kunstakademie in Sofia und schloss sein Studium im Jahr 1979 ab. Seitdem schafft er zahlreiche Skulpturen für öffentliche Räume und Museen in Bulgarien sowie in vielen anderen Ländern. Zu Rusevs bekanntesten Werken gehört eine Skulptur von Mahatma Gandhi in einem der meistbesuchten Parks in Sofia - dem Südpark. "Bei wichtigen Verhandlungen begleitete Gandhi stets seine kleine Ziege als Symbol der indischen Freiheit und Unabhängigkeit. Deshalb habe ich beschlossen, sie in das Denkmal einzufügen", erklärt der Bildhauer. Rusev bekommt mehrere Preise und Auszeichnungen, darunter den Staatspreis für Kunst im Jahr 1986. Er ist Mitglied der Bulgarischen Künstlervereinigung und nimmt an internationalen Ausstellungen und Symposien teil. Eines seiner großartigsten Projekte heißt "Die Marmorstadt der Künste". Es liegt am Fuße des Pirin-Gebirges in der Nähe des Dorfes Ilindentsi, 155 Kilometer südlich von Sofia. 1998 beginnt die Entstehung des Parks. 80 Projekte umfasst er von Künstlern aus 22 Ländern, darunter Bulgarien, Österreich, Indien, Japan und den USA. Das nötige Material für die Skulpturen wird aus den nahe gelegenen Marmorsteinbrüchen geliefert. "Bei einem Besuch der Steinbrüche während meiner Studienzeit war ich von deren Ausmaßen beeindruckt", erinnert sich Rusev. "Daher gibt es in allen meinen Werken ein gemeinsames Schlüsselelement - den Marmor aus dem Dorf Ilindentsi."
Die Idee der Marmorstadt ist, eine Harmonie zwischen Natur und Kunst darzustellen. "Die Natur ist einer der größten Lehrer. In ihr ist der Ausdruck klar und wirkungsvoll", sagt Rusev. Die Werke sollen die Landschaft nicht dominieren, sondern im Einklang mit der Welt um sie herum sein. Dieses außergewöhnliche Artzentrum bietet seinen Besuchern keine luxuriösen Bedingungen. Es bringt ihnen das wahre Wesen des Schöpfers näher. Kunstliebhaber kommen hierher und genießen ihren Aufenthalt.
Am Anfang muss Rusev viele Hindernisse überwinden, um das Gebiet in Ilindentsi zu erwerben. Für die Realisierung des Projekts benötigt er die Zustimmung der Einheimischen. "Ich erinnere mich, dass ich für ein paar Tage in meinem Studio in Sofia ein Modell aus Ton und Styropor angefertigt habe." Der Bildhauer fotografierte diesen Prototyp der Marmorstadt und fuhr ins Dorf. Dort versammelte er die Menschen im örtlichen Kino: "Glauben Sie mir, mit der Kraft der Kunst mache ich Ihr Dorf berühmt." Einige Leute verstanden und unterstützten seine Idee. Andere befürchteten, dass ihre Ziegen nirgendwo grasen könnten. "Die vorbeiziehenden Tiere sind Teil des Entwurfs, aber es war für die Bewohner nicht leicht zu verstehen, wovon ich spreche", lacht Rusev. Heute respektieren sogar die Zweifler Rusevs Schöpfung.
Seine Kunst erreicht viele Teile der Welt, auch Deutschland. Seine Werke sind in zahlreichen Galerien und in renommierten Ausstellungen zu finden. So auch in der Sammlung Ludwig in Aachen. Die Sammlung umfasst zeitgenössische Kunst sowie die wichtigsten Strömungen und Trends des 20. Jahrhunderts. Das Motiv der Natur ist immer in Rusevs Werken präsent. "Kunst wird immer ein Teil meines Lebens sein. Das Wichtigste ist vor allem der Wunsch. Ich habe ihn seit meiner Kindheit. Später wurde mir klar, es handelt sich nicht nur um die Arbeit als Bildhauer. Sich selbst zu provozieren, sich von den eigenen Kreationen überraschen zu lassen: Das ist die Kraft der Kunst."