Ein Syrer schuf einen kulinarisch-kulturellen Austausch in Berlin
Friedliches Schlürfen und lebendige Gespräche: Ein sonnenbeschienener Bürgersteig im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg wird an diesem Sonntagnachmittag die Bühne für kulturellen Austausch. Die Requisiten: bauchige Becher in verschiedenen Formen und Farben, metallene Strohhalme, heißes Wasser und Mate-Pulver aus dem brasilianischen Urwald. Schauspieler gibt es keine, denn egal ob aus Argentinien, Iran, Rumänien oder Syrien: Die Teilnehmer des Events sind einfach sie selbst.
Einer davon ist Oday Alkhateeb. Der 31-Jährige rief vor einem Jahr gemeinsam mit den Gründern der Meta-Mate-Bar und dem Verein "Über den Tellerrand" ein Event ins Leben, das sich dem koffeinhaltigen Aufgussgetränk widmet. "Alle zwei Monate findet es direkt vor der Bar statt, immer unter einem anderen Motto", erklärt der gebürtige Syrer. Heute steht die Entdeckung der brasilianischen Mate-Tradition Chimarrão im Fokus. Alkhateeb trägt schlichte Jeans, blau-weiße Sneaker und einen Dreitagebart. 2019 kam er nach Berlin und stieß kurz darauf auf "Über den Tellerrand". Durch gemeinsames Kochen, aber auch Gärtnern, Imkern, Musizieren oder Sprachenlernen werden Menschen mit und ohne Fluchterfahrungen zusammengebracht und zu einem lebendigen Austausch angeregt - unabhängig vom Geldbeutel und finanziert durch Spenden. "Für mich bedeutet Integration, eine Community zu finden. Ich muss meine Kultur und meine Sprache nicht vergessen, ich kann sie immer mit anderen teilen. Die beste Integration ist ein zweiseitiger Prozess", erklärt Alkhateeb.
Am Anfang seiner ehrenamtlichen Tätigkeit beim Verein stand im Jahr 2022 das Peace-Café für ukrainische Menschen. Neben geselligem Beisammensein wurden ukrainische Rezepte gekocht, um den Geflüchteten das gleiche Gefühl des Willkommenseins zu vermitteln, das er drei Jahre zuvor selbst bei "Über den Tellerrand" fand: "Ich kannte niemanden, zwischen mir und den anderen Menschen gab es eine Mauer. Über die Freundin meines Bruders bin ich dann auf den Verein gestoßen und konnte diese Mauer aufbrechen." Das sei besonders in Großstädten wie Berlin schwierig. "Sonst wirst du verrückt. Du wohnst jahrelang in einer Wohnung und weißt nicht, wer hinter den anderen Türen wohnt. Durch den Verein habe ich lustigerweise eine Freundin kennengelernt, die in meiner Straße wohnt. Seitdem kommt sie oft vorbei, um mit mir einen Film zu schauen oder Mate zu trinken."
Was in England die Teatime oder in Deutschland das Kaffeekränzchen ist, das ist in Ländern wie Argentinien, Brasilien, Syrien oder Libanon der Mate-Tee. Auf Hockern und Klappstühlen sitzen an diesem Tag mehr als ein Dutzend Neugierige im Kreis, in der Mitte steht eine Kerze. Darüber beugen sich in sattem Grün die Äste einer Linde. Sie passen farblich zum erdig-bitteren Mate-Getränk, das in einem braunen Becher mit verziertem Sockel herumgereicht wird. Schlürfen ist ausdrücklich erlaubt, um zu signalisieren, dass man nicht hineinspuckt. "Viele wissen, dass das Getränk aus Südamerika kommt", meint Alkhateeb. Tatsächlich ist es durch Migrationsbewegungen bis in den Nahen Osten gelangt. "Dort ist es mittlerweile ein wichtiger Teil der Kultur. Im Gegenzug haben die Südamerikaner die Alfajores, ein traditionelles arabisches Gebäck, übernommen." Auf dem Tisch stehen diese und weitere Kekse mit Sesam und Pistazien. Daneben glänzen die mit filigranen Schmetterlingen verzierten Bombas, die typischen Trinkhalme.
Die Teilnehmer können ihren eigenen Mate-Aufguss ausprobieren. Neben dem grünen Pulver können sie dafür auch getrocknete Mate-Blätter verwenden, beides in Bioqualität und fair gehandelt. Nachhaltigkeit liegt auch seiner großen Familie aus einem Dorf in Syrien am Herzen. Als junger Erwachsener zog Alkhateeb nach Aleppo und später nach Homs, um Maschinenbau zu studieren. In der Gegend war der Krieg sehr präsent. "In meiner Zeit dort als Student habe ich Leute gesehen, die aufeinander geschossen haben, das war schwer", erinnert er sich. In seinen grünen Augen sind Trauer und Nachdenklichkeit zu erkennen. "Wir haben aber immer versucht, nach unseren Möglichkeiten weiterzuleben."
Nach seiner Flucht arbeitete Alkhateeb zunächst drei Jahre lang bei Edeka und besuchte parallel einen Sprachkurs. Mittlerweile ist er bei Tesla angestellt. Er selbst hat keinen Führerschein, sondern fährt jeden Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Grünheide. Dort arbeitet er im Produktionsbereich. Am liebsten beschäftigt er sich mit Design. "Dann entwirfst du etwas, und die Maschine macht alles für dich." Bald muss das Geld für drei weitere Familienmitglieder reichen, seine Schwester und die nachziehenden Eltern. Für die Zukunft hat er sich vorgenommen, seinen Master zu machen. Momentan fokussiert sich der Maschinenbauer auf seinen Beruf und das Ehrenamt. Er zeigt ein Video, in dem Menschen Dabke, einen arabischen Tanz, vorführen. "Wir machen einen Kreis, fassen uns an den Händen und tanzen zusammen." In einem anderen Video strahlt er in die Kamera und erklärt die Zubereitung von Fatteh, einem traditionellen arabischen Gericht.
Und noch eine weitere Leidenschaft nahm Alkhateeb mit. Ob im Siebengebirge, in der Sächsischen Schweiz oder im Odenwald: Kein Gipfel ist vor ihm sicher. Vor einigen Monaten verschlug es ihn ins Allgäu. Im Gepäck: ein Gaskocher, eine Kanne mit Wasser und ein Kilogramm Mate-Blätter. "Ich kann Kleidung und Essen zu Hause lassen, aber nicht meinen Mate. Nach acht Stunden Wandern und Klettern habe ich ihn auf 2000 Meter Höhe getrunken. Das war mein schönster Sommermoment."
Er steht auf, um Stühle zu verschieben, damit der Fußgängerweg wieder frei wird. Ein aromatischer Duft von Mate, Kräutern und Harz strömt aus der Bar und erinnert an ein Lagerfeuer. Alkhateeb begibt sich auf den Heimweg. "Inzwischen kann ich durch die Stadt laufen oder U-Bahn fahren und sehe nicht nur unbekannte Gesichter. Jetzt ist Berlin meine Heimat."