Weil man ihn fürchtet, geht man ihm aus dem Weg. Yves Müller sucht ihn auf: Er fotografiert Ossarien
Hohle Blicke füllen die Wände. Reihe für Reihe sind Totenköpfe übereinandergestapelt. In den dunklen Augenhöhlen verbirgt sich die Geschichte jedes Einzelnen. Von der Decke hängen rote Samtvorhänge, die weite Teile der Knochensammlung verdecken. Gebeine, ein Kruzifix, das über die Verstorbenen wacht, und ein großes Gemälde, auf dem die Menschen, Könige und Bettler mit dem Tod tanzen. Es ist Oktober, der Herbst ist eingezogen. Das Klima im nur spärlich beleuchteten Raum ist angenehm warm. Durch eine schwere Holztür ist das Beinhaus von der Außenwelt getrennt. Kaum ein Sonnenstrahl dringt durch die kleinen, vergitterten Fenster. "Die Realität und der Alltag sind draußen", sagt Yves Müller. Die langen, braunen Haare umrunden sein schmales Gesicht.
Inmitten der Walliser Hügel liegt Leuk. Auf 731 Metern Höhe kann man beschneite Gipfel, weite Wälder und die Rhône im Tal bestaunen. Hier ist ein spezieller Ort versteckt. Zentral im Ortsinneren steht ein Beinhaus, zu erreichen durch die Hintertür der Pfarrkirche St. Stephan. Die leichte Herbstbrise, das Rauschen großer Tannen und das Plätschern des Brunnens verstummen, sobald man den Raum betritt. Seelenruhig liegen die Überbleibsel hier für immer. "Es sind keine Fotos, die man anschaut und danach wieder vergisst. Es ist das Beinhaus an sich, das in einem Foto wirkt", sagt der Siebenunddreißigjährige. Mehr als 26.000 Bilder hat er bereits in den schaurig schönen Ossarien geschossen. "Fotos, die eine Erfahrung spiegeln und die Leute zum Nachdenken bringen." In ganz Europa sind im Mittelalter viele Beinhäuser entstanden. Müller hat mehr als 300 davon in Italien, der Schweiz, Deutschland, Tschechien, Österreich und Frankreich besucht. Seine Fotos, die er dabei aufgenommen hat, hat er in mehreren Bildbänden zusammengetragen. Zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert sind Ossarien zu einem Zuhause für viele Sterbliche geworden. Der katholische Glauben ist zu dieser Zeit stark verbunden mit der Vorstellung der Wiedervereinigung von Seele und Körper. Die sterblichen Überreste, die Knochen, müssen beim Jüngsten Gericht anwesend sein, um sich mit der unsterblichen Seele verbinden zu können. Da kein Mensch fehlerfrei ist, benötigt der Verstorbene die Hilfe der Heiligen. Die Nähe zur Kirche und damit zu den heiligen Reliquien ist wichtig. "Im Mittelalter war der Tod sehr präsent", sagt Müller. Die Friedhöfe sind überfüllt und müssen ausgehoben werden. "Religion war für die Menschen damals sehr bedeutend." Auch nach dem Tod hat der Mensch Bedürfnisse, um die sich seine Familie und die Kirche kümmern müssen. Räume, tief in der Erde und stets in der Nähe der Kirche, lösen den Platzmangel. Eine neue Form der Gedenkstätte, das Ossarium, entsteht. Ossarien sind heute hauptsächlich touristische Sehenswürdigkeiten, obwohl in Leuk der Raum bei Todesfällen im Dorf noch immer als Zwischenlager für die Leichen genutzt wird. Dann ist die Tür jedoch abgeschlossen.
"Die Welt ist viel zu laut und zu hektisch. Hier ist es ruhig, dunkel und düster. Die Leute sprechen leiser und sind respektvoll gegenüber den Toten." Ossarien sind das Ergebnis des europäischen Bestattungskultes. Der Warteraum für die Seelen. Hier bereiten sie sich vor, um dem vollkommenen Gott zu begegnen. Familien, Verwandte und Freunde kommen hierher, um für die Verstorbenen zu beten, ihre Seelen von den Sünden zu reinigen und so die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen. Der Kult der armen Seelen findet hier seinen Ursprung. "Der Totenkopf ist der Tote selbst", heißt es im Buch "Eternal rest", das Müller mit Anna- Katharina Höpflinger verfasst hat. Die Kinder kommen zu ihren toten Großeltern, erzählen ihre Sorgen und Geheimnisse, und die Mutter kann ihre Eltern berühren und drückt ihnen zarte Küsse auf die Stirn. Die Überreste sind zu jener Zeit nicht nur eine illustrative Darstellung, sondern reale, anwesende, wenn auch tote Personen.
"Beinhäuser schufen für viele einen Ort, an dem sich das Leben und der Tod verbinden. Die Angst vor dem Tod war nicht weniger, aber näher." Die düsteren Räume sind oft mit bunten Gemälden und Sprüchen verziert. "Was wir sind, das werdet ihr, was ihr seid, das waren wir", steht an der Mauer. Auf der großen Wandmalerei ist der Tanz der Toten abgebildet. Der Priester, der Hofnarr, der Adelige und der Gläubige. Der Tod reicht Arm und Reich, Jung und Alt, Krank und Gesund seine knochige Hand. Viele der Ossarien in Europa wurden ausgeräumt und werden nun für andere Zwecke verwendet. "Die Gesellschaft verdrängt den Tod", sagt Müller. Sein schwarzer Mantel bewegt sich leicht, als er die Beine überkreuzt. Einen Schädel küssen? "Ich denke, die Leute finden das komisch und gruselig." Die Ungewissheit, die der Tod mit sich bringt, macht Angst. "Wir brauchen Kontrolle, wollen alles vorhersagen und wissen, es funktioniert nicht. Man sucht seit jeher den verlorenen Sinn, doch nichts und niemand kann den Tod erklären."
Für den Siebenunddreißigjährigen, der in der IT-Branche tätig und dort für die Sicherheit und Verwaltung von Aktien der Credit Suisse zuständig ist, bilden heute Kunst und Musik den Ersatz für die Religion. "Viele finden meine Faszination an Beinhäusern merkwürdig." 2013 ist er durch den Künstler Paul Koudounaris auf die Gebeinsammlungen gestoßen. Er erzählte ihm damals von einem Buch, in dem unter anderem das Ossarium in Leuk abgebildet ist. "Eine hübsche Idee, um einen kleinen Artikel darüber zu verfassen", dachte Müller. Zusammen mit Anna-Katharina Höpflinger traten sie ein, in die Welt der Beinhäuser. Aus dem Artikel wurden mehr als 26.000 Bilder und drei Bücher. Müller und Höpflinger sind den knochigen Händen bis heute nicht entkommen. "Die Bilder sollen zum Denken anregen. Die Leute sollen Erfahrungen machen. Ein bisschen creepy ist es schon."