In München lädt Herbert Lipah zum Buxenstopp ein. In seinem kleinen Laden zieht er den Bayern die Lederhose an.
Nichts ahnend treten drei junge Frauen über die Türschwelle, beeindruckt schauen sie sich um. "Ich war mit meinen Cousinen aus Amerika in der Gegend spazieren", erzählt eine, "da haben wir diesen Laden gefunden." Es müssen die in der Mittagssonne glänzenden Frakturlettern "Königlich Bayerischer Lederhosenwahnsinn" sein, die die Neugierigen in Herbert Lipahs Stube treiben. "Willkommen im einzigen Museum der Welt, wo du alles kaufen kannst", erklärt der Besitzer stolz. Staunend und amüsiert schlendern die Besucherinnen entlang der sich türmenden Lederhosen, stets unter dem Blick des Märchenkönigs Ludwig II., dessen Porträt über ihren Köpfen thront. Kaufen tun die drei am Ende nichts, doch gibt ihnen der Lederhosenkönig noch eine Postkarte mit auf den Weg, sein Blick sagt: "Hat mich gefreut, vielleicht sieht man sich ja auf der Wiesn."
Wenige Stunden zuvor steht Lipah nicht etwa in bayerischer Tracht, sondern in Bäckerbekleidung und grüner Schürze an der Türschwelle; der Laden- oder Museumsaufbau steht an. In der gut wohnzimmergroßen Stube sammelt und verkauft der selbstgelernte Antiquar seit drei Jahrzehnten historische Trachten. "Ich hab mir damals eine schöne Gegend gesucht, wo es ruhig ist, die Leute nett, einfach griabig", erinnert sich der gebürtige Münchner. Griabig? "Gemütlich, angenehm, von netten Menschen umgeben", erklärt er den bayerischen Begriff, den er hier zum Lebensmotto ausgebaut hat. Seine Trachtensammlung liegt in der Borstei, jener idyllischen Altbausiedlung am Olympiapark, deren Bewohner er wie Familie grüßt. Dass er mit all seinen Gästen per Du sei, verstehe sich.
Der Arbeitstag des Lederhosensammlers beginnt mit dem Einsortieren von Neuzugängen - wobei "neu" ihren Status im Laden, nicht das Alter der ledernen Geschichtsstücke meint, die er aus Privatbesitz kauft. Ruhig geht er auf den Stapel zu und wirft sein Kennerauge darauf. Das alpenländische Gewand sei nicht nur eine Leidenschaft, sondern auch eine Wissenschaft. "Die hier ist aus den 20er-Jahren, sparsam bestickt, aber mit phantastischem Hirschleder", erkennt er und reiht das Stück auf der Kleiderstange ein. Bei der zeitlichen Einordnung helfe einerseits die Abnutzung der ursprünglich tiefschwarzen Färbung, andererseits der Stil, der sich mit den Jahrzehnten änderte. Die nächste. Ein Bischofsstab ziert die österreichische Hose, von der er schwärmt, sie sei "butterweich". Beim Einsortieren blitzt ein goldenes Tattoo einer gekrönten Lederhose, das Logo des Ladens, auf seinem rechten Unterarm auf. Die nächste. Eine Hose aus den 50er-Jahren, noch dunkel und mit auffälligen Knickspuren - dies sei in der Nachkriegszeit in Mode gewesen. Die nächste. Lipah sieht einen durchlöcherten Riemen und lacht. "Na da schau her, hier hat sich eine Maus eingefressen." Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: "Für dieses Stück verlange ich ein bisschen mehr." Und so wächst die Sammlung, die bereits weit über 2000 Hosen umfasst. Von den gut 500 Stücken seiner Privatsammlung ganz zu schweigen. Die Preisspanne fängt im mittleren dreistelligen Bereich an, ist aber nach oben praktisch offen, besonders für jene "besonders gut eingetragenen" Lederhosen. Seine älteste Hose ist, wie zur Krönung, zentral und erhöht ausgestellt, auf die dort aufgedruckte Jahreszahl 1866 verweist Lipah mit Stolz. Anfangs sei er noch persönlich auf die Suche nach den historischen Trachten gegangen, nun melden sich Verkäufer von selbst und verleihen den Stücken einen persönlichen Bezug. Obwohl es zurzeit eine hohe Nachfrage nach Trachten gebe, sei ihm wichtig: "Das Geld steht bei mir immer an zweiter, an dritter Stelle." Früher hatte der Laden auch unter der Woche geöffnet und ein größeres Team beschäftigt, nun lasse er es lockerer angehen, öffne nur noch am Wochenende, heute mit seinem Freund und Mitarbeiter Hans. Seit fast 50 Jahren sei er selbständig. Mit dem Lederhosenwahnsinn habe er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.
Sein Herzensprojekt hat sich herumgesprochen. Leute jedes Alters gehen ein und aus, oft nur für einen neugierigen Blick oder um den Anekdoten des selbsternannten Lederhosenkönigs zu lauschen. Gegen zwei Uhr tritt ein Paar herein. "Wir haben auf Instagram von diesem Laden gelesen", beginnt die Deutsch-Italienerin Claudia, die mit ihrem Freund Fritz auf Lederhosenjagd sei. Beide Ende 50, Eigenbezeichnung "innerlich jung geblieben", erzählen von ihrer Anfahrt aus Speyer und dem Coldplay-Konzert, das sie herführe. Auf ihre Frage, ob es denn hier einen Chef gebe, hat Lipah nur gewartet. "Einen Chef gibt es nicht, höchstens einen König, der bin I!", verkündet er und führt in sein Reich. Was für ein glücklicher Zufall, dass heute eine Kostümbildnerin zu Besuch kommt. "Herbert kenne ich seit vielen Jahren", sagt Renate Schönian. Damals habe sie authentische Trachten für die BR-Serie "Dahoam is Dahoam" gesucht und in Herbert erst einen kompetenten Verkäufer, dann einen Freund gefunden. "Die steht dir wunderbar, Fritz", coacht sie freudig weiter, bis die Pfälzer fündig werden: für sie eine petrolfarbene Frauenlederhose aus den 50er-Jahren, für ihn eine knielange Hose im traditionell braunen Lederton, verziert mit feinen Blüten- und Tiermotiven. Ans Gehen denken sie noch lange nicht, Lipah verteilt eine neue Runde Bier und Brotzeit, er mag es eben griabig. "Das ist meine erste Lederhose", bekennt Claudia, was Lipah sichtlich freut.
Fragt man Lipah, ob er sich an seine ersten Lederhosen erinnert, beginnen seine Augen zu leuchten, noch bevor er in den Erzählfluss gerät. Er schildert eine Zeit, in der die Tracht kaum getragen, die Tradition in Vergessenheit geraten war. Es sei die Auer Dult gewesen, der Münchner Jahrmarkt mit Volksfestambiente, wo er sich 1982 zum ersten Mal in eine Hose verliebt habe. "Mein Herz hat gelacht, als ich dort die erste Lederhose gesehen habe." "Fetzig" sei er auf der nächsten Dult mit ihr aufgetreten, und schon war er süchtig nach den Hosen und dem Lebensgefühl. Wie viel er für diese Hose verlange? "Unverkäuflich", lautet seine Antwort. "Ganz und gar unverkäuflich."