In Wädenswil gibt es das kleine Schirmmuseum von Hermann Müller, dem letzten Schweizer Schirmmacher. Ein Schirm soll Kaiserin Sisi gehört haben.
Etwas abgeschirmt vom Zentrum der Zürcher Stadt Wädenswil befindet sich das Schirmmuseum von Hermann Müller. Dort reiht sich ein Prachtstück an das andere, in allen Farben und Formen, vom einfachen Taschenschirm bis hin zum edlen Schirm aus Elfenbein und Seide. Sogar einen Schirm, der für die Kaiserin Sisi angefertigt worden war, kann man dort begutachten: Dessen Henkel aus Elfenbein hält den Stoff aus beigefarbenem Tüll. Der Stoff ist übersät mit aufwendigen beigen Blumenstickereien, die sparsam mit Grün, Orange und einem zarten Rosa ergänzt werden. Er sieht aus wie ein Miniaturkleid einer Märchenprinzessin. Ob dieses Prachtstück tatsächlich im Besitz von Sisi war, bleibt ein Geheimnis.
Verschiedenste Griffe aus wertvollen Materialien sind ausgestellt, die meisten davon handgefertigt. "Schirmhenkel aus Elfenbein waren ein Statussymbol. Wer sich dies nicht leisten konnte, griff zu silbernen Griffen", erklärt Müller. "Die normale Gesellschaft besaß Schirme mit Holzgriffen. Kirschbaum und Rosenholz waren sehr hart und etwas teurer. Buche oder Kastanie wurden am häufigsten verwendet." Beim Schirmstoff kam gewöhnlich Baumwolle zum Einsatz. "Die etwas besseren Leute leisteten sich aber gerne einen edleren Stoff, bestehend aus einem Gemisch von Baumwolle und Seide."
Hermann Müller und seine Frau bewahren gemeinsam das Geheimnis des Schirmbaus. Er ist 86 Jahre alt, war sein Leben lang Schirmmacher und darf sich stolz als den letzten Schirmmacher der Schweiz bezeichnen. "Ich bin zwischen Schirmen aufgewachsen, und die Werkstatt meines Vaters kannte ich besser als unsere eigene Wohnung." Seine Berufswahl wurde ihm also in die Wiege gelegt, und er ist stolz darauf. "Ich hatte das Glück, eine Schneiderin zu heiraten, so konnten wir zu zweit den Beruf ausüben." Seine Lehre hat Müller 1956 abgeschlossen. Zusammen mit seiner Frau Monika Müller-Spiess, 88 Jahre alt, hat er dann Schirme von Hand gefertigt, bis die beiden 2002 in Rente gingen. "Mein Beruf wurde zu meinem Hobby", sagt Müller.
Über die Jahre haben sich Schirme angehäuft, die sie von seinem Vater, von Freunden oder von Kunden geschenkt bekommen hatten. Jahrelang bewahrte Hermann Müller die Schirme in einem Karton auf. Aber eines Tages beschloss er, sie in seiner ehemaligen Werkstatt aufzuhängen, so entstand das Museum. "Weder mein Vater noch ich haben je einen Franken für Schirme ausgegeben, die im Schirmmuseum stehen", bemerkt Müller stolz. "Handgelenk mal Pi befinden sich circa 50 bis 70 Schirme in meinem Museum." Die ältesten Exemplare stammen aus dem 17. Jahrhundert. Viele bis zu 200 Jahre alte Schirme sind zu sehen. Dabei handelt es sich oft um kleine Sonnenschirme aus Frankreich, die das Gesicht vor den Sonnenstrahlen schützen sollten.
Freundlich wird man begrüßt, wenn man das kleine Museum betritt. Trotz der weißen Haare ist das Ehepaar noch immer fit und munter. Er trägt einen Pullover über seinem Hemd, sodass nur noch der Kragen herausschaut. Die Brille ergänzt dann den klassischen, gepflegten Look. Während er seine noch immer zahlreichen, geraden Haare sauber nach hinten gekämmt trägt, hat seine Frau ihre knapp schulterlange Haarpracht mit einem Haarreif geschmückt.
Man merkt schnell, dass Hermann Müller eine kleine lokale Berühmtheit ist, und auf alle typischen Reporterfragen weiß er eine Antwort. Seine Frau blüht ebenfalls auf, sobald es um Schirme geht. Mit Liebe haben die Müllers ihr Leben lang Schirme gefertigt. "Ein Highlight war die Anfertigung von Schirmen für das Opernhaus Zürich, die an Auftritten verwendet wurden", erzählen sie stolz. "Und wir fertigten Schirme für eine Modeschau in Nairobi, das war 1975." Die Geschichte des Schirms ist alt. Die ersten entstanden bereits vor Christus. Der Schirm entwickelte sich zu einem edlen Accessoire und diente dem
Schönheitsideal der Blässe. Erst im 17. Jahrhundert soll sich das Schutzdach vor der Sonne in einen Regenschirm gewandelt haben. "Der Schirm sollte dabei zum Kleid und zum Schal passen; einmal habe eine Frau sogar einen Schirm passend zu ihrem roten Cabriolet bestellt", erzählt Müller schmunzelnd. Seine Frau bestätigt die Vorliebe der Frauen für schön gemusterte Stoffe und zeigt ihre Lieblingsexemplare. Herr Müller erklärt, wie die Männer zu den Schirmen standen: "Grundsätzlich trug man einen schwarzen Schirm, aber das Wichtigste war, dass Schirm und Stock zusammengehörten."
1964 kamen die ersten Taschenschirme auf den Markt. Der günstige Preis wurde zur Bedrohung für das Fachgeschäft Müller, denn der Preis für den Stoff eines einzelnen handgefertigten Schirms war allein so hoch wie ein ganzer maschinell gefertigter Billigschirm. Das Fachgeschäft Müller musste reagieren. Hermann Müller erinnert sich, dass er wie der Milchmann von Tür zu Tür gegangen sei, mit dem Spruch: "Grüezi, haben Sie Schirme zum Reparieren?" So konnte er sich neue Aufträge ergattern.
Die Hälfte der verkauften Schirme waren Haustürgeschäfte. Mit der Zeit begann er in seinem Auto seine neuen Schirme mitzuführen und sie in den Wohnungen seiner Kunden vorzuführen. Die Leute kannten ihn mit dem Schirm unter dem Arm, und kaum war er da, wurden die Nachbarn zusammengerufen, um gemeinsam die Schirme zu begutachten.
Außerdem wurde das Angebot erweitert: "Fachgeschäft für Lederwaren, Reise-Artikel und Schirme" lautete der neue Name, im Sortiment waren sogar Gartenmöbel. Vor allem die Gartenschirme waren beliebt. In all den Jahren sind die Müllers den Schirmen treu geblieben. Mit einem Lächeln sagt er: "Das Einzige, was man am Schirm kritisieren darf, ist, dass ein Glöckli fehlt, das klingelt, wenn man den Schirm stehen lässt."