Der natürlichste Vorgang der Welt

Sue Barratt arbeitet als Hebamme in einem Geburtshaus im Zürcher Oberland.

Betritt man das Geburtshaus Zürcher Oberland, so schlägt einem eine Welle an Geborgenheit entgegen. Das große Haus am Rande von Bäretswil wirkt einladend. Warme Farben wie Rot und Gelb, hölzerne Akzente und eine ruhige Atmosphäre ziehen sich durchs Gebäude. Die Geburtszimmer sind mit Geburts-Pool, Sprossenwand und Bett ausgestattet. Alles ist gemütlich eingerichtet mit Kerzen, Bildern und farbigen Vorhängen. Sue Barratt, eine Frau mittleren Alters mit kinnlangen, hellen Haaren, arbeitet seit 15 Jahren als Hebamme hier. Sie selbst hatte ihre Kinder im Geburtshaus geboren, so wurde ihr Interesse für den Hebammenberuf geweckt. "Das Geburtshaus soll sich wie ein Hotel anfühlen", sagt sie, denn die Geburt wird hier als der natürlichste Vorgang der Welt angesehen, und so sollen sich die Frauen auch fühlen. Der Partner wird in den Prozess eingebunden. "Entscheidungen werden meist vom Paar und nicht nur von der Frau getroffen." Zwei Geburtszimmer hat das Haus, falls beide belegt sind, kann man einen dritten Raum zu einem weiteren umwandeln. Im Stockwerk darüber sind die Einzelzimmer. Dort verbringen die frischgebackenen Mütter meist mit ihren Partnern ihr Wochenbett. Das dauert hier in der Regel fünf Tage, im Spital sind zwei üblich. Alle Zimmer haben Namen: "Olive", "Hagebutte" oder "Rose". In den jeweiligen Farben sind sie gestaltet. 

 

Der Wunsch nach einer natürlichen Geburt mit möglichst wenigen Interventionen ist einer der Hauptgründe, weshalb werdende Eltern hier ihr Kind bekommen wollen. Die Kosten werden, wie im Spital, von der Krankenkasse übernommen. "Jede Gebärende hat eine Hebamme, die für sie zuständig ist", erklärt Barratt. "Das ermöglicht eine sehr intensive Betreuung." Die Kundschaft ist vielfältig. Mit diesen heterogenen Persönlichkeiten muss eine Hebamme umzugehen wissen. Geduld und Offenheit sind neben viel Ruhe und Durchsetzungsvermögen wichtige Anforderungen für den Beruf. Barratt empfindet diese bunte Mischung an Menschen als bereichernd. "Die Arbeit, umgeben von Frauen und mit der Frau im Fokus, gefällt mir sehr. Man arbeitet viel mit jungen Frauen und ist im Austausch auch mit jungen Kolleginnen." Obwohl hier jährlich rund 200 Babys zur Welt kommen, sind Geburten für Barratt kein Alltagsgeschäft. "Geburten, die einem speziell bleiben, sind solche von Frauen, die man schon vor der Schwangerschaft kannte oder mit denen man befreundet ist. Aber grundsätzlich bleibt jede Geburt einmalig." 

 

An diesem Dienstagmorgen ist das Haus leer. "Letzte Woche war das Haus noch ganz voll", sagt Barratt. Seit einigen Jahren sei es schwierig geworden für die Geburtshäuser und auch für die Hebammen allgemein, denn die Geburtenziffern sänken. Die fixen Ausgaben bleiben jedoch gleich, egal, wie viele Frauen und Babys gerade hier sind. Die 20 Hebammen und das weitere Personal müssen bezahlt werden. Im ersten Stock befindet sich das "Nest". Ein großer Raum mit vielen Fenstern, einem Tisch und Sofa. Hier treffen sich die Familien, tauschen sich aus und verbringen Zeit. Außerdem gibt es noch Zimmer für die Schwangerschaftskontrollen sowie ein Zimmer mit einer Liege für Massagen oder andere Behandlungen. Eine ganzheitliche Betreuung der Frauen ist hier ein Anliegen, dazu zählen auch Akupunktur und pflanzliche Medizin. Gleichwohl sei es dem Geburtshaus wichtig, wissenschaftsbasiert zu arbeiten, betont Barratt. Man kann Medikamente einsetzen, die klar durch eine Medikamentenliste definiert sind. Auch sonst gibt es eine Reihe von Regeln, die im Sinne der Sicherheit der Mütter und Babys eingeführt wurden. Es werden keine Zwillingsgeburten, Geburten von Babys mit Missbildungen oder sonstige risikoreiche Geburten durchgeführt. Sind bei einer Frau während einer vorherigen Geburt Komplikationen aufgetreten, schaue sich ein Hebammenteam sehr genau an, ob eine weitere Geburt durchgeführt oder abgelehnt wird. Es gibt aber auch die Möglichkeit, nur das Wochenbett im Geburtshaus zu verbringen. Gibt es wider Erwarten Komplikationen, so wird mit der Verlegung ins nur sechs Minuten entfernte Gesundheitszentrum Zürcher Oberland nicht gezögert. Die 200 Geburten im Jahr verlaufen zum allergrößten Teil ohne Probleme. Verlegungen passieren fast immer vor der Geburt. "In den allermeisten Fällen können die Frauen noch mit dem Auto verlegt werden, und es ist keine Ambulanz nötig." Falls Probleme auftreten, werden Medikamente verabreicht, bis der Krankenwagen da ist.  

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Dezember 2024, Nr. 299, S. 26 - Erin Meyer, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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