Deutsch ist doch nicht jugendfrei

Die heutige Jugendsprache ist schon weird - oder nicht? Eine Professorin für Deutsche Sprache und Schweizer Jugendliche klären auf. Eltern und Lehrer sehen schnell alt aus.

Man könne schon sagen, dass die Jugendsprache zur Abgrenzung diene, es sei aber wichtig, es auch anders zu betrachten, meint Christa Dürscheid. Die 64-Jährige trägt eine schwarze Bluse mit einem orangen Kragen, dazu eine goldene Kette mit einem Unendlichkeitszeichen als Anhänger. Ihre blonden Haare sind schulterlang und wellig.

Dürscheid kommt aus Deutschland und ist seit mehr als 20 Jahren an der Universität Zürich Professorin für Deutsche Sprache mit dem Schwerpunkt auf Gegenwartssprache. "Es dient viel mehr der Identitätsstiftung innerhalb der Gruppe und dass man ein Wir-Gefühl schaffen kann." Man übernehme Sprechweisen der Gleichaltrigen. Das geschehe sowohl aktiv, damit man Teil der Gruppe ist, als auch passiv. "Die Akkommodation findet statt, man passt sich einfach an." Denn man möchte ja nicht ausgeschlossen werden.


Jana Maletic, eine 17-jährige Schülerin der Fachmittelschule in Trogen, findet es ebenfalls komisch, "wenn mo so Wörter oder Jokes als Jugendliche denn nie verstoht oder nie solchi Usdrück benutzt und nur perfektes, korrektes Dütsch redt". Es sei, wie wenn man jemandem einen Witz erklären müsse, oder ein Meme. Und das sei dann schlichtweg nicht

mehr lustig.


"Dass Jugendliche mit Jugendlichen eine andere Sprachform haben, ist normal und völlig okay, das haben wir Erwachsenen auch, je nachdem wo wir uns bewegen", erklärt Dürscheid. Es sei in dem Sinn nur ein Soziolekt, mit einer Abgrenzung durch das Alter. Auch die Anglizismen seien nichts Neues. "Früher hat man zwar andere verwendet, aber nicht weniger." Schließlich seien ja auch viele Ausdrücke an der Universität auf Englisch, etwa die Bezeichnung mancher Studiengänge. Jana nimmt das jedoch anders wahr. Sie hätte gedacht, "dass d Jugendsproch erscht so viel Englisch drin het, sit Social Media so beliebt isch".


Die Schülerin hat mittellanges, braunes Haar in der gleichen Farbe wie ihre Augen. Seit ihrem dritten Lebensjahr lebt die Bosnierin in der Schweiz. Sie mag es, über Sprache zu reden. Für ihre Lehrerin hat sie sogar einen "Jugendsprache-Duden" gemacht. "Döt hemmer eifoch paar Usdrück, wo mer oft bruched, ufgschriebe und sie sozege übersetzt i chli formelleres Dütsch", berichtet sie mit strahlenden Augen. Sie würde sich selbst nicht als "hipp" bezeichnen, sie sieht sich eher als "e cooli, e lässigi". "E geili Sau chönt me au sege", sagt sie und lacht laut. Sie und ihre Freundinnen mögen es, ältere Wörter wiederzuverwenden, zum Beispiel "knorke". "Sowas het mo zwar früehner benutzt, aber i find, me chas immer no sege oder halt wieder."


Dürscheid kennt dieses Phänomen. Es gebe Untersuchungen, die besagen, dass "Jugendliche, gerade um einen eigenen Sprachgebrauch zu haben, auf Ressourcen zurückgreifen, die früher verwendet wurden". Denn die Wörter, die aktuell und gerade "in" sind, haben ein Ablaufdatum. Jana bestätigt: "Alles het so sini area, d Wörter sind eifoch ab mne gwüsse Punkt nümme im Trend." Würde man heute also noch 'Rizz' oder 'Side eye' sagen, ist sich Jana sicher, "me wör direkt en Side eye becho, also en abwertende, komische Blick vo de andere". Jana findet auch, dass die Jugendlichen, die unter 16 oder über 19 Jahre alt sind, das noch nicht oder schon nicht mehr richtig mitbekommen. Sie verstünden nicht, wann ein Wort nicht mehr "viral" ist. Für sie bezieht sich die Jugendsprache auf eine ganz bestimmte Altersgruppe. "Es gibt verschiedene Szenen innerhalb der Jugendsprache, und die Bezeichnung 'Jugendsprache' an sich, die wir umgangssprachlich verwenden, ist nur der Obergriff", bestätigt Dürscheid. Auch Jana findet, "es git grossi Unterschied, zum Bispiel redet die Ländlichere für mi eher chli wie Buure im Verglich zu dene vonere Stadt". Von Deutschland zur Schweiz zeigen sich vor allem bei den Anglizismen Unterschiede, erklärt Dürscheid. "Penalty, Corner, Goalie, das sagt man in Deutschland nicht." Ansonsten scheint die Jugendsprache ziemlich ähnlich zu sein. Der 15- jährige Lev Bärtsch meint: "Ich denke, jede het die gliche Jugendwörter, weil hald alli Wörter vom Internet chömed, aber mengisch cha sie, dass ei Jugendwort biz geändert wird". Er findet, "d'Jugendsproch e cooli Sprach, weil es verschiedeni Wörter git, wo hald spannender gmacht worde sind."


Die zwei Jahre ältere Jana Lauper, die auch die FMS in Trogen besucht, hat eine kritischere

Sichtweise: "Es git au Jugendlichi, wo nur no Jugendwörter im Wortschatz hend und au gfühlt kein grade Satz meh chönd sege. Aso gad, wenn sich d'Lüüt wönd krass fühle, redets nur no so mit Jugendwörter, wells denn 'cooler' sind. Aber i find, da tönt denn mega komisch und mo chas au übertriebe." Ribana Lengwiler, ebenfalls 17 Jahre, findet, "dass es genug Wörter gibt, um sich auszudrücken, wieso kompliziert, wenn es einfach geht?" Momentan beliebt sei "Hölle nein". "Da seit mer, wen mer öppis nöd guet findet", erklärt der 14-jährige Julian Wildhaber. Ein weiterer Ausdruck ist "plus oder minus Aura". Wenn jemand was Gutes oder Lustiges macht, sagt man zu ihm "plus 100 Aura". Finn Nyima Sailer ergänzt: "Das Gleiche gilt auch andersherum." Der bekommt dann "minus 100 Aura". Viele Jugendliche wissen selbst nicht, wann ein Wort nicht mehr beliebt ist. Am besten verwende man es, meint der 14-jährige Noah Lieberherr: "Sobald denn öper komisch luegt oder d' Stirn runzlet, weiss mo, dass für dä Wort langsam s'letschti Stündli gschlagä hät."


Es gibt auch ältere Menschen, meistens die Lehrer oder Eltern, die Jugendsprache sprechen oder es zumindest versuchen. "I find da scho sehr unagnehm", gibt Jana offen zu, "will me merkt eifoch, dass es uf chrampf isch, voll erzwunge statt dass mo eifoch redet".

Dürscheid versteht Jana. Das geschehe aber gar nicht mit böser Absicht, betont sie. "Es ist ein Annäherungsversuch, aber natürlich kann man sagen, es ist peinlich oder sogar anbiedernd." Man solle es aber auch positiv sehen, schließlich versuche man so nur auf die andere Person einzugehen. Dürscheid nennt das Akkommodation. Auch die Medien tun das und werben mit jugendlichen Ausdrücken für sich. "Es ist natürlich für die Jugendlichen sofort klar, dass ein Produkt beworben wird und sie als Zielgruppe besser angesprochen werden sollen." Dürscheid habe einmal eine solche Werbung für ein Hotel gesehen. Dabei ging es um die absichtlich andere grammatikalische Struktur. "Sie müde? Wir Zimmer", stand da. Heuchlerisch findet Dürscheid das nicht, man versuche nun mal aufzufallen. Und das Ziel ist ja, dass Werbung im Kopf bleibt.


Ist die Jugendsprache wirklich so eine große Bedrohung, wie manche behaupten? Dürscheid meint: "Ich weiß jetzt nicht genau, was denn da die Sorge ist, die dahintersteckt." Klar, durch Posts, Kommentare und die sozialen Medien könne die Art, wie man schreibt, stark beeinflusst werden. Man dürfe aber nicht vergessen, "dass deswegen nicht plötzlich die Fähigkeit verloren geht, auch formell und korrekt einen Aufsatz schreiben zu können".

Einige Jugendwörter seien sogar im Duden vertreten. Dürscheid erzählt mit einem Schmunzeln, sie habe das selbst schon verwundert. Sie las einen Text eines Studenten, und da stand, dass man sich ja "muten" könne. "Das heißt doch stummschalten, habe ich mir gedacht und habe es überprüft. Tatsächlich steht es bereits im Duden und sogar mit einem Verweis, dass 'muten' in der Tontechnik genutzt wird."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.11.2024, S. 26 - Sara Fiore, Kantonsschule Trogen

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