Erika Wilhelmer hatte in ihrem Leben so viel Schwein, dass sie ein Museum dafür einrichtete. In Stuttgart stehen 50.000 Schweine-Exponate. Es gibt einen kleinen Wildschweinwald und einen Raum mit "versauteren" Stücken. Die Sammlung der Gastronomin ist auch bei chinesischen Touristen beliebt.
Erika Wilhelmer ist ihre 82 Lebensjahre lang saufleißig gewesen. Mehr als 50.000 Exponate, alles rund ums Schwein in allen Formen, hat die Frau mit den knallroten Haaren gesammelt und immer das Schöne im Schwein gesehen. Ihr Lebenswerk kann man im Schweinemuseum Stuttgart, dem größten seiner Art, betrachten. Die 58-jährige Manuela Thiel ist seit der Eröffnung des Museums 2010 als Mitarbeiterin dabei. Sie hat ihre hellen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, trägt dunkle Kleidung und wirkt selbstbewusst. Thiel arbeitet auch im benachbarten Restaurant, dem "Stuttgarter Schlachthof". Sie kannte die 2022 verstorbene Schweineenthusiastin Wilhelmer gut, und sie kennt auch die Geschichten vieler Schweine in dem Museum.
Im Lokal sind die Decken mit fliegenden Schweinen bemalt, goldene Lampen hängen herab. Die Wände sind grün oder mit blauen Kacheln verziert und mit Gemälden geschmückt. Das Motiv des Schweins ist überall zu finden. Das Schwein kann man dort auch konsumieren. Auf die Frage, ob Wilhelmer Probleme damit hatte, ihr geliebtes Schwein zu servieren, meint Thiel: "Nein, sie war ja Gastronomin. Aber sie hat auf die artgerechte Haltung geachtet." Dass sich alles ums Schwein dreht, merkt man schon vor dem Gebäude. Draußen stehen mehrere Schweinestatuen, fliegende Exemplare befinden sich auf dem Vordach, und es steht sogar eine Straßenbahn in Gestalt eines riesigen Schweins vor dem Schlachthof.
Thiel erzählt von den Anfängen. Mit 10.000 Exponaten nahm die Geschichte in Stuttgart ihren Lauf, doch das Schweinemuseum gab es auch schon zuvor. In Bad Wimpfen, etwa 50 Kilometer nördlich von Stuttgart, wurden viele Exponate von 1989 bis 2009 in kleineren Räumlichkeiten ausgestellt. Als der Platz nicht mehr ausreichte und man den Schlachthof in Stuttgart erworben hatte, konnten sie in ihr neues Zuhause umziehen. Wilhelmer wollte den Schweinen mit dem Museum und dem Schlachthof "ein Denkmal setzen".
In Asien gilt das Schwein als Glücksbringer, was für viele Touristen von dort ein Grund sei, das außergewöhnliche Museum zu besuchen. Die Lage in der Nähe anderer Sehenswürdigkeiten und Museen sei ebenfalls ein Grund für dessen Beliebtheit bei Besuchern. "Andere fokussieren auf die Landwirtschaft", in den 17 Themenräumen geht es mehr um "Kunst, Kultur und Kitsch".
Abdrücke von Schweinebäuchen, ein Schweineklavier, das "Pigano", Schweinedinos und viele weitere Exponate sind überall verteilt. Ein ganzer Raum ist kleinen Schweinefiguren gewidmet, die in Setzkästen aus Holz verteilt sind. Ein Besucherliebling ist die Plüschpyramide. Sie besteht aus etlichen Plüschschweinen, die zu einem Kegel aufgebaut wurden, der in einem verspiegelten Zimmer steht, in dem sich Münzen und Geldnoten von Besuchern auf dem Boden angesammelt haben. Der Boden des Wildschweinwaldes ist weich, das Licht gedimmt und Naturgeräusche werden abgespielt. "Es soll sich anfühlen, als ob man gerade im Wald spazieren ist", erklärt Thiel. Durch kleine Sichtfenster können Wildschweine aus Plüsch, Holz und Metall betrachtet werden. Mehrere Hundert Sparschweine werden in einem Tresor aufbewahrt. Im Labor steht ein Schweineskelett. Und auf gespanntem Stoff vor einem Fenster sieht man die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Schwein als Embryonen. Einen "Schweine-Udo-Lindenberg" gibt es im Casino, wo sich alles rund ums Glücksspiel dreht.
Die "versauteren" Exponate sind in einem abgedunkelten Kämmerchen "zur geilen Sau" ausgestellt. Der rot gekachelte Raum ist der mit Abstand kleinste. Auf einer Informationstafel geht es um das Schwein als Sexualsymbol. Den Redewendungen ist ebenfalls ein Raum gewidmet. An den mit Holz verkleideten Wänden stehen Ausdrücke wie "fressen wie ein Schwein", "Drecksau" oder "des jukt koi Sau!". Schnell wird klar, dass das Schwein oft mit Schlechtem assoziiert wird und in der westlichen Welt nicht immer wertgeschätzt wird. Dass das Schwein auch für positive Konzepte, etwa Fruchtbarkeit, stehen kann, zeigen Infotafeln. In einem Raum mit einer Sonderausstellung zum chinesischen Jahr des Schweins sind die Wände rot, auf einer Weltkarte am Boden sind die Länder eingezeichnet, in denen das Schwein gegessen wird. Auf Postern wird erklärt, welche Bedeutung welches Tier im Tierkreis hat.
In einer Führung erfährt man Hintergrundinformationen, zum Beispiel zu Luise, dem Polizeischwein, das 1987 nach Jahren im öffentlichen Dienst in Pension ging. "Die war so wie ein Polizeihund, aber halt ein Schwein. Die hat rumgeschnüffelt, wie ein Hund auch. Die Luise hat sogar Rente gekriegt, Polizeirente", erzählt Thiel amüsiert. Luise war ein Wildschwein und wurde zum Aufspüren von Drogen und Sprengstoff genutzt. Sie ist auch in mehreren Fernsehsendungen aufgetreten. Das Kinderbuch über dieses einzigartige Schwein steht zwischen vielen anderen Büchern in der Bibliothek, in der sich eine Vitrine mit Schweinedinos befindet. Es handelt sich um kleine Dinofiguren, dessen Köpfe durch solche von Schweinen ersetzt wurden. Die Vitrine sei ein Favorit bei den Kindern.
Die Vielfalt der Exponate ist überwältigend. Einige wurden speziell angefertigt und kommen aus aller Welt. Manche Stücke hat Erika Wilhelmer in Auftrag gegeben, so wie das "Pigano": eine schwarze Schweinefigur, in der sich nach Aufklappen des Rückens ein funktionierendes Piano befindet. Das Lieblingsstück der Sammlerin sei aber die Straßenbahn aus Basel gewesen, die für eine Werbeaktion der Basellandschaftlichen Kantonalbank angefertigt wurde. Erika Wilhelmer habe jedem ihrer Freunde den Auftrag gegeben, ihr ein Schwein aus dem Urlaub mitzubringen. Es wurde auch viel gespendet.