Die Gäste gehen die Wände hoch

Das Berggasthaus Aescher liegt spektakulär - und im Trend. Filmstar sorgt für Insta-Hype.

Haare wehen, Hosen flattern, es rauscht in den Ohren. Der Wind weht so stark, dass er beinahe das eigene Körpergewicht trägt. Es ist ein wettertechnisch turbulenter Sonntag. Auf der Terrasse des Aescher, eines kleinen Berggasthauses mitten im Schweizer Alpstein, drückt die Sonne durch. Ein atemberaubendes Panorama erstreckt sich. Blicke schweifen auf umliegende Berge und Täler, eine Weite, die man selten zu Gesicht bekommt. Aufgrund der einmaligen Lage, Natur und Berglandschaft hat der Aescher in den vergangenen Jahren Besucher aus der ganzen Welt angezogen. Das Berggasthaus klebt auf 1454 Meter über Meer an einer Felswand. Am Ende der kleinen Terrasse fällt der Berg steil ins Tal. Der Aescher wurde um 1860 gebaut. Er gehört zu den ältesten Berggast-häusern der Schweiz. Die jetzige Pächterin Melanie Gmünder begrüßt in ausgeprägtem Appenzeller Dialekt. "Hets dii nüd de Beg abigluftet?" Die 33-jährige Wirtin trägt ein T-Shirt, obwohl der Raum ziemlich kalt ist. Ihren linken Arm zieren markante Tattoos. Der einzige beheizbare Raum des Aescher ist die Gaststube. In den Zimmern, in denen die Angestellten übernachten, steigt die Temperatur Anfang der Saison im Mai nur knapp über den Gefrierpunkt.

Gmünder ist gelernte Offsetdruckerin. Sie hatte keine Verbindung zur Gastronomie, bis sie auf einem Festival ihren jetzigen Geschäftspartner Gallus Knechtle, einen innovativen Koch, kennenlernte. Die junge Appenzellerin musste lange überdenken, ob sie bereit war, diese Challenge auf dem Berg anzunehmen. 2019 wagte sie den Schritt. Mit stolzer Stimme sagt sie: "I ha maga gern Heruseforderige, i gang gern a mini Grenze." Ihr ist es wichtig, ein gutes Team um sich zu haben, auf das sie sich verlassen kann. Zum Team, das für sie wie eine zweite Familie ist, gehören zehn Festangestellte und vier bis fünf Aushilfen. Außerdem wird sie auf dem Berg von ihren Eltern und ihrem Lebenspartner tatkräftig unterstützt. Das Schönste an ihrer Arbeit sei, wenn sie glückliche Gäste davonwandern sieht. Mit strahlenden Augen fügt sie hinzu: "De Aescher isch für mii en wahnsinns Platz. I ha gern Lüüt, i han gern, wenn öppis lauft." Bei Touristen steht der Aescher hoch im Kurs. Er ist schnell erreichbar und trotzdem abgeschottet. Das Gasthaus ist von der Bergstation der Ebenalpbahn zu Fuß in 15 Minuten zu erreichen. Das Holzhäuschen besitzt nur drei Außenwände. Die hinterste Wand bildet der Fels, der weit über das Haus ragt. Das macht das Gasthaus für Gmünder magisch und zum Kraftort. Mit einer rauen, dunklen Stimme sagt sie: "Du hesch Berge, du hesch Natur, du gsehsch in Seealp-see abi und du hesch ebe die Fölswand, wo mengmol au chli streng cha sii."

Die Wirtin sitzt vor dieser Felswand. Sie trägt mittellanges, schwarzes Haar, ihr dunkles Augen-Make-up betont ihre blauen Augen. Ein funkelndes Zungenpiercing fängt das Licht ein. Ihr Auftreten wirkt selbstbewusst und weit weg von konventionellen Erwartungen. Sie erzählt, dass sie sich manchmal wünscht, sie könnte hinters Haus gehen. Durch die Felswand steht man immer an der Front, selbst in den Zimmern hört man jeden Ton von nebenan. Man hat keinen Rückzugsort. "De Stee chan ä Sege sie, aber au en Fluech."

Bereits um 9 Uhr sind alle Tische in dem Raum, der Platz für 70 Personen bietet, besetzt. Es ertönt fröhliches Geplapper der Gäste in verschiedenen Sprachen. An einem Tisch sitzt eine Geburtstagsgesellschaft. Als das Lied "Happy Birthday" erklingt, stimmen immer mehr Gäste ein, bis die ganze Hütte mitsingt. Auf dem Tisch stehen kleine, von Hand geschnitzte Holzkühe aus Astgabelungen, sogenannte "Beechüe". Es riecht nach Kaffee und altem Stein. Durch Ritzen zwischen Fels und Holz strömt Sonnenlicht. Hält man die Hand dazwischen, ist ein kühler Lufthauch spürbar.

Während hundert Jahren gehörten vor allem Einheimische und Bergwanderer zu den Gästen. Schlagartig änderte sich die Situation, als das Gasthaus 2015 auf der Titelseite des Magazins "National Geographic" erschien. Kurz darauf besuchte der Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher das Gasthaus. Melanie Gmünder sagt: "Denn het de Insta-Hype ahgfange ond alls isch viral gange." Von einer Saison auf die andere wurde das Gasthaus berühmt, und ein Ansturm von Gästen aus aller Welt überflutete das Häuschen. Sie betont: "Carwis sind Asiate, Amis und internationali Tourischte cho. Vo em Chlapf uf de ander hets sichs ganz fescht veränderet." Gmünders Vorgänger haben den Aescher über 30 Jahre traditionsbewusst geführt, und zum Beispiel noch von Hand Kartoffeln für das traditionelle Gericht, die Schweizer Rösti, geschält. Für die Pächterin war klar, dass ein neues Gastronomiekonzept nötig war. Heutzutage arbeitet der Aescher mit einer Systemgastronomie. Die Gerichte werden im Tal zubereitet und bei minus 40 Grad schockgefroren mit der Ebenalpbahn in die Nähe des Aescher hochtransportiert. Dadurch kann das Gasthaus trotz winziger Küche viele Gäste mit einer breiten selbstgekochten, regionalen Speisenauswahl bewirten. Die Ware muss mühsam auf engen Pfaden durch die Wildkirchlihöhle, in der einst Bären, Höhlenmenschen und Einsiedler gehaust haben, zum Gasthaus transportiert werden. Weil der Transport äußerst kostspielig ist, wird darauf geachtet, möglichst sparsam mit dem Material umzugehen. Das Aescher-Team spart an Wasser, WC-Papier und vielem mehr. Die Wasserversorgung erfolgt größtenteils über die Wildkirchlihöhle. Dort tropft das Regenwasser in ein Reservoir und wird dann per Leitung ins Gasthaus transportiert. An einem gut besuchten Tag verbraucht der Aescher rund 3000 bis 4000 Liter.

"Me wäss nie, wa dobi passiert", sagt Gmünder nachdenklich. Man kann sich nie sicher sein, ob die Ebenalpbahn wegen Wind und Wetter fährt. Somit kann sie kaum einplanen, wie viele Gäste zu erwarten sind. Es sei herausfordernd, das Team über sieben Monate auf engem Raum bei guter Stimmung zu halten. Sie freut sich, wenn sie auch am Ende der Saison ihre Mitarbeiter noch lachend oder pfeifend antrifft. Für sie sind die schönsten Tage, "wenns richtig pumped". Dann fällt sie am Abend müde ins Bett und weiß, dass sie vielen Gästen ein unvergessliches Erlebnis beschert hat. "Da git brutal Energie und macht mega Freud." Es gibt auch schräge oder komplizierte Gäste. Gmünder hat viel erlebt, von Asiaten in Flipflops und Absatzschuhen bis hin zu Amerikanern, die sich nach der Tiefgarage erkundigt haben. Sie berichtet von einer Influencerin mit 300.000 Followern, die die Terrasse an einem schönen Tag für ein Fotoshooting für sich allein reservieren wollte. Der Insta-Star konnte nicht verstehen, warum das nicht möglich sei und dass sich der Aescher diese Werbung entgehen lassen wollte.



Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2024, Nr. 100, S. 26 - Johanna Aegerter, Kantonsschule Trogen

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