Die Kleidung wirkt uniform

Die akademische Tracht ist in Portugal noch nicht in der Mottenkiste

Mitten in der Altstadt von Porto bietet sich oft ein faszinierender Anblick, der in die Welt von Hogwarts, der legendären Zauberschule aus den Harry-Potter-Geschichten, entführt. Überall laufen junge Leute in akademischen Uniformen mit Umhängen und Roben durch die Straßen. Es ist nicht obligatorisch, diese Traje académico zu tragen, aber viele ziehen sie freiwillig jeden Tag an, besonders die Medizin- und Jurastudenten. Die Tracht besteht aus einem schweren, schwarzen, Umhang, der bis zum Boden geht und an dem verschiedene Universitäts- und Reiseabzeichen sowie Bänder aufgenäht werden können. Dazu kommen Schuhe, Socken, Krawatte, Hose und Weste - für Frauen ein Rock, der bis unterhalb der Knie reicht, und das alles in Schwarz, ein weißes Hemd und wahlweise eine Mütze. Die Ingenieurstudentin Sara Carvalho erklärt, dass die Kosten vom gewählten Paket abhängen, einschließlich der Anzahl der Hemden und des Stils der Aktentasche. Das emblematische Geschäft "A Toga" verlangt als Sonderangebot im Schaufenster 120 Euro für einen kompletten Damen- und 170 Euro für einen Herrenanzug. Es wurde 1990 gegründet und war das erste in Portugal, das sich ausschließlich der akademischen Konfektionskleidung widmete, zu einer Zeit, als die Kleidung noch von Schneidern maßgeschneidert wurde.


"Die Anzüge sind schwarz, weil dies früher der billigste Stoff war", erklärt Sara. Die Umhänge zieren oft aufgestickte Embleme mit unterschiedlichen Bedeutungen: sei es der Heimatort, der Fußballverein, dem sie die Treue halten, oder die Hochschule, die sie besuchen. Die Farbe des kleinen Emblems auf dem Umhang gibt an, welchen Studiengang man gewählt hat: So ist das Emblem für Medizin gelb, für Jura rot, für Wirtschaft und Management rot- weiß und für Naturwissenschaften hellblau.


Solcherlei Trachten haben in Portugal eine lange Geschichte. Sie zeigen an, dass ihre Träger Teil einer akademischen Gemeinschaft sind. "Sie hatten auch die Funktion, die Gleichheit unter den Studenten zu fördern, unabhängig von ihrem sozialen oder wirtschaftlichen Hintergrund. Heute werden sie eher der Tradition wegen getragen", sagt der Medizinstudent Guilherme Furtuoso, der diese Kleidung täglich anzieht. Laut ihm tragen etwa 15 Prozent der Studierenden regelmäßig Tracht, insbesondere bei studentischen Festen und Aktivitäten wie etwa der Praxe. Der Prozentsatz liege an seiner Fakultät im Alltag bei etwa 30 Prozent und zu Spitzenzeiten wie zu Beginn und am Ende des Studienjahres bei über 50 Prozent. Das liege daran, dass die Studenten seiner Fakultät aufgrund der langen Studiendauer diese Tradition mehr schätzen und sich durch sie näherkommen wollen. Die Tradition findet sich in ganz Portugal, aber sie ist stärker im Norden verwurzelt, insbesondere an den älteren Universitäten, etwa in Coimbra und Porto.


Studenten, die an der "Praxe" oder an einer "Tuna" teilnehmen, empfinden eine gewisse Verpflichtung zur Tracht. Bei der "Praxe", einem jahrhundertealten Einführungsritus, begleiten Veteranen die Studienanfänger beim Übergang ins Universitätsleben. Eine "Tuna" hat die Aufgabe, das Gemeinschaftsgefühl an einer Fakultät durch Singen und Musizieren zu stärken. Um Teil dieser Gruppe zu werden, hat Guilherme angefangen, Gitarre zu lernen. Beide Aktivitäten machen die Traje zu einem Symbol für Kameradschaft und Tradition, meint der Student im ersten Semester. Sara sieht das ähnlich: "Es ist eine Ehre, Teil dieser Tradition zu sein." Sie stellt jedoch klar: "Im Idealfall sollte ich sie jeden Tag tragen, aber da die Schuhe nicht sehr bequem sind und das Outfit selbst auch unangenehme Seiten hat, gehe ich nicht immer in voller Montur zur Uni. Ich trage sie an zwei bis drei Tagen pro Woche." Im Ingenieurstudium, in dem zweckmäßige Kleidung angesagt ist, tritt Sara eher als Ausnahme in Erscheinung. Sie betrachtet es als Zeichen ihrer Individualität und ihres Mutes, sich in ihrem akademischen Umfeld abzuheben.


Guilherme trägt seine schwarze Tracht jeden Tag. Er hat nur einen kompletten Anzug, aber mehrere weiße Hemden, und er wäscht seinen Anzug, wann immer er kann, entweder am Abend oder am Wochenende. "Wenn ich durch die Gänge der Universität gehe und auf einen anderen Studenten treffe, der ebenfalls so gekleidet ist, egal welchen Alters, sprechen wir uns einfach an, aufgrund der Traje." Da können dauerhafte Freundschaften entstehen. "Traje bringt Menschen zusammen."


Die Ursprünge der Traje gehen auf kirchliche Gewänder zurück, beeinflusst durch die Rolle der Kirche in der Bildung und im Leben der Studenten. Eine Besonderheit, die die Kirche eingeführt hat, ist die Vorliebe für ungerade Zahlen bei Knöpfen, Schuhlöchern und Emblemen. Diese Vorliebe hat ihre Wurzeln in der christlichen Symbolik, in der ungerade Zahlen als etwas Besonderes gelten. Die Zahl 1 steht für Gott, die 3 für die Dreifaltigkeit, und die 7 gilt als vollkommen.


Im Laufe der Zeit wurden die Kostüme umgestaltet und vereinheitlicht, um Unterscheidungen zu vermeiden, die sich aus den sozialen und wirtschaftlichen Unterschieden zwischen den Studenten ergeben könnten. Mit der Veröffentlichung des ersten Gesetzes über die akademische Praxis im Jahr 1957 wurden Regeln aufgestellt, die die Gleichheit und die Beseitigung jeglicher Zeichen von Reichtum auf den Kostümen garantieren sollten. "Die Verwendung von Schmuck ist nicht erlaubt. Die Nägel dürfen nicht lackiert werden, und die Schuhe müssen schwarz und flach sein. Auch die Art und Weise, wie das Outfit getragen wird, kann variieren, je nachdem wie viele Schüler angemeldet sind oder bei welchem Lehrer man Unterricht hat", erklärt Sara und zeigt ihre Nägel und Ohren, die sie mit Klebeband abklebt, um ihren Nagellack und ihre Ohrringe nicht zu zeigen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.12.2024, S. 26 - Francisca Chow Lapa, Deutsche Schule zu Porto.

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