Multikulti-Ehen haben Hürden zu meistern. Zwei deutsch-portugiesische Bündnisse.
Für einen Deutschen tanzt du aber ganz gut Latino", sagt eine Portugiesin zu Karlheinz Giselbrecht in einer Bar in Lissabon. Damit beginnt für ihn 2001 ein neuer Abschnitt im Leben. Der damals 46-jährige, sportliche Allgäuer lernt beim Tanzen zu kapverdischer Musik die 40-jährige Teresa Branco Gonçalves kennen. Eigentlich hat er zu dem Zeitpunkt beschlossen, nach vier Jahren Schuldienst an der Deutschen Schule Lissabon nach Deutschland zurückzukehren. "Aber schon an dem Abend war klar: Ich geh nicht mehr weg", erinnert er sich. Sie seien eben in einem Alter gewesen, in dem man sich entscheiden müsse. "Es hat einfach gepasst", sagt der heute 69-Jährige mit den dunkelgrauen Haaren. Dann sei alles ganz schnell gegangen. Kaum hatten sie sich im Oktober kennengelernt, zogen sie im Februar zusammen und wollten im Mai heiraten. "Doch die deutsche Bürokratie war das Problem." Sie habe mit Formularen und Vorschriften ihre Hochzeit bis zum November verzögert.
Auch Ulrich Kamien, ein ehemaliger Lehrer an der Deutschen Schule zu Porto, der aus dem Wendland stammt, hatte seine Schwierigkeiten mit dem Verwaltungsapparat. Als er mit Mitte dreißig im Jahr 1987 die gleichaltrige Portugiesin Maria Eugénia Simóes Pereira Conde heiraten wollte, stand ihm ein Berg aus Papieren im Weg. Mit Grauen erinnert er sich an die zuständige Beamtin. Acht- oder neunmal waren er und seine Verlobte bei ihr, und immer hätten irgendwelche Angaben, Daten oder Unterschriften gefehlt. Als eine halbe
Woche vor der Hochzeit dann immer noch etwas gefehlt habe, hätten sie "Krawall" gemacht. Da sie alle Unterlagen vorgelegt hatten, habe er sich im Nachhinein gefragt, ob das, was gefehlt habe, vielleicht ein Briefumschlag mit einigen Escudo-Scheinen war.
Auf einem Ausflug nach Ponte de Lima, einer Kleinstadt im Norden Portugals, hatte sich Kamien, der damals als Journalist bei einer kleinen Zeitung in Schleswig-Holstein arbeitete, ein Jahr zuvor in seine spätere Ehefrau verliebt. Die ganze Fahrt über hätten sie sich auf der Rückbank des Autos angeregt auf Englisch über die Konsequenzen des Mordes am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme unterhalten. "Damals wusste ich noch nicht, dass Maria Eugénia in der Schule auch etwas Deutsch gelernt hatte. Wir haben auf Englisch gesprochen, weil sie ihr Deutsch nicht für gut genug hielt, um sich mit mir zu unterhalten", sagt der Mann mit den grau-grünen Augen und dem ergrauten Haar. Als ihr Sohn Tomás drei Jahre später geboren wurde, entschieden sie sich trotzdem, dass die Haussprache Deutsch sein sollte. Da die Familie in Porto lebte, würde ihr Kind sonst kein Deutsch lernen.
Heute spricht der 35-jährige Sohn beide Sprachen gleich gut. "Er wechselt auch mal mitten im Satz die Sprache", berichtet Kamien, der an der Deutschen Schule zu Porto von 2007 bis zu seinem Ruhestand 2020 Deutsch und Geschichte unterrichtete. Eigentlich hatte er nach seinem Lehramtsstudium in Deutschland eine journalistische Ausbildung begonnen. Jedoch war es für Kamien nicht möglich, in Portugal als Journalist zu arbeiten, so kehrte er zu seinem ursprünglichen Beruf zurück. Für Portugiesen, die Deutsch lernen, hat er einen Grammatikband "Aus Fehlern wird man klug!" verfasst. Im Gegensatz zu Maria Eugénia sprach Karlheinz Giselbrechts Frau Teresa, nachdem sie drei Jahre in Hamburg gelebt und dabei viele Kurse besucht hatte, fließend Deutsch. Manchmal korrigiere sie ihn sogar: "Nach der Präposition 'nach' kommt doch Dativ", erzählt er lachend.
Die beiden waren 40 und 46 Jahre alt und beschlossen, ein Baby zu adoptieren, das bilingual aufwachsen sollte. Ihre Tochter Jessica war, als sie mit acht Jahren zu ihnen kam, dann aber zu alt, um Deutsch noch als Muttersprache zu lernen. Die Eltern schickten sie auf die Deutsche Schule Lissabon, an die ihr Vater acht Jahre lang, von 1997 bis 2005, als Auslandsdienstlehrkraft für Mathematik, Geographie und Informatik entsandt war. Danach ließ er sich in Deutschland beurlauben, um als Ortslehrkraft mit portugiesischem Vertrag an der Deutschen Schule Lissabon weiterzuarbeiten. "Nach fünf Jahren als Ortslehrkraft in Lissabon musste ich jedoch an eine Schule in Deutschland zurückkehren, um meinen Beamtenstatus nicht zu verlieren", erklärt Giselbrecht.
In den folgenden drei Jahren, in denen die Familie in Freiburg lebte, lernte das Mädchen auf einem Gymnasium schnell Deutsch und spricht es nun fließend. Die Gespräche zu Hause nennt Giselbrecht, der beim Reden ab und an portugiesische Wörter einstreut, "um caos total", ein komplettes Chaos: "Ich frage etwas auf Portugiesisch, und meine Frau antwortet auf Deutsch. Ich wollte während der Zeit in Deutschland aber unbedingt zurück nach Portugal." Obwohl Jessica lieber in Freiburg bleiben wollte, beschloss die Familie. nach
Porto zu ziehen, da es dort an der deutschen Schule Bedarf für seine Fächerkombination gab und er damit ein zweites Mal als Beamter entsandt werden konnte. Bis heute halten ihn "Liebe und Lieblingssport", das Windsurfen, im Land, das ihm bei seinem ersten Besuch 1997 noch völlig fremd erschien. Heute lebt er mit seiner Frau in Oeiras bei Lissabon und hat nach seiner Pensionierung vor knapp sechs Jahren ein Häuschen in Viana do Castelo, 60 Kilometer nördlich von Porto, gekauft und renoviert, sodass er zum Windsurfen im Norden ein Standquartier hat. Für Ulrich Kamien war die Entscheidung, in Portugal zu leben, nicht so selbstverständlich. Als er 1986 zum ersten Mal nach Portugal kam, "war es noch ein komplett anderer Ort". In sein Reisetagebuch notierte er: "Ich kann mir nicht vorstellen, in diesem Land zu leben." Etwa hundert Kilometer Autobahn habe es damals gegeben und ramponierte Nationalstraßen. "Auch mit dem Essen hatte ich so meine Schwierigkeiten", erinnert sich Kamien, der im Gegensatz zu seiner Frau nichts mit Fisch anfangen kann. "Die Supermärkte waren alles andere als super!" Monatelang habe der passionierte Hobbykoch, der meist daheim kocht, nach Tomatenmark gesucht. Er verzieht bei der Erinnerung an den Senf, den es damals gab, das Gesicht.
Trotz seiner Schwierigkeiten blieb das Ehepaar auf Wunsch seiner Frau in Portugal. "Ich war nicht so an einen Ort gebunden, und meine Frau ist Einzelkind und wollte sich um ihre Eltern kümmern. Die portugiesische Familie hat viel, viel mehr Einfluss als die deutsche Familie." In Deutschland könne man sich von seiner Familie lösen, in Portugal sei dies ein Ding der Unmöglichkeit. Kamien berichtet, dass eine Bekannte seiner Schwiegereltern diese aufgefordert habe, sich von ihrer Tochter zu trennen, da sie unverheiratet mit ihm, einem Ausländer, zusammen sei. Für die Schwiegereltern sei eine derartige Einmischung überhaupt nicht infrage gekommen. Nicht nur die Familien, auch die portugiesischen Frauen an sich seien anders, "viel explosiver als deutsche Frauen", meint Giselbrecht. "Ich mache einen Blödsinn, und schon geht's los!" Dies sei aber nicht der Grund gewesen, warum er sich in Teresa verliebte. "Ich war einfach reif dafür."