Die Unbekannte verschwindet nicht einfach

Über die in Celje geborene deutschsprachige Schriftstellerin Alma M. Karlin. Leicht zu übersehen. Verfolgt. Vergessen. Wieder entdeckt.

Sie war für den Literatur-Nobelpreis im Gespräch.

Die kleine Frau mit dem dunklen Pagenkopf war leicht zu übersehen. Eines Tages machte sie einen Ausflug in die slowenischen Alpen. In Bohinjska Bistrica war der "Autobus für Schulkinder bestellt", schreibt Alma Maximiliane Karlin. "Und als ich ausstieg, wurde ich sofort gefragt, ob ich zu den Schulmädchen gehörte - so günstig ist eine schlanke Linie und ein wenig Länge." Das war 1934. Karlin war Mitte vierzig und hatte bereits große Spuren hinterlassen. "Es heißt sogar, Selma Lagerlöf habe vorgeschlagen, sie für den Literatur- Nobelpreis zu nominieren. Trotzdem wurde Alma bald für ein halbes Jahrhundert fast völlig vergessen", erzählt Jerneja Jezernik. Die 1970 in Celje geborene Autorin und Übersetzerin kennt die Geschichte von Karlin genau. "Ich musste im Gymnasium eine Seminararbeit schreiben", erzählt sie. "Das muss in den 80er- Jahren gewesen sein. Die Lehrer kannten Karlin überhaupt nicht. Ich musste richtig recherchieren, fast schon detektivisch." Karlin schrieb auf Deutsch, slowenische Dokumente gab es kaum. Sieben Bücher von Karlin hat Jezernik schon auf Deutsch neu oder erstmals herausgegeben, 17 Bücher ins Slowenische übersetzt und drei Biographien über sie verfasst. Vieles sei aber noch nicht aufgearbeitet. "Mich hat ihre Geschichte sofort fasziniert. Heute würde man sagen, Alma war ein Freak.

Sie war anders, selbstbewusst, wissbegierig, eine freiheitsliebende, unabhängige Frau."


1889 kam Karlin in Celje, damals Cilli und Teil von Österreich-Ungarn, zur Welt. Die Familie lebte in gutbürgerlichen Verhältnissen und sprach Deutsch. Das Kind hatte bei der Geburt einen sogenannten Wasserkopf, eine leichte Lähmung der Schulter und ein "falsch eingehängtes" Auge, wie sie selber schrieb. Aber Alma zeigte bald großes Talent und Willenskraft. Als Frau konnte sie damals kein Abitur machen. Sie studierte privat auf Lehramt Französisch und Englisch in Görz und vor dem Ersten Weltkrieg weitere Fremdsprachen in London, mit einem Examen in acht Fremdsprachen. "Alma M. Karlin - Mit Bubikopf und Schreibmaschine um die Welt" ist der Titel der ersten deutschen Biographie, die Jezernik 2020 veröffentlichte. Die 1,65 Meter große, behinderte Frau war 1919 allein zu

einer Weltreise gestartet. "Sie hatte kaum Geld", schreibt die Biographin, "aber bereiste alle Kontinente. Dabei halfen ihr ihre Sprachkenntnisse, ein Wörterbuch, ihre Schreibmaschine Erika, ihr Mut und ihr Selbstbewusstsein." Durch Reiseberichte für deutsche Zeitungen und als Sprachlehrerin habe sie Geld verdient. "An der deutschen Botschaft in Japan hatte sie eine gut bezahlte administrative Stelle und kam in Kontakt mit vielen japanischen Künstlern. Vielleicht war Japan auch deshalb ihr Lieblingsland", vermutet Jezernik. Aber vor allem habe Karlin bescheiden bei einfachen Menschen gelebt, die sie besser kennenlernen wollte. Natürlich war sie Krankheiten, wie der Malaria, und anderen Gefahren ausgesetzt. "In Peru entkam sie nur knapp einer Vergewaltigung. Das hat wohl auch dazu geführt, dass sie ihr Leben lang keine ernsthafte Beziehung zu Männern aufbauen konnte. Insgesamt war ihr Körperkontakt offenbar sehr unangenehm."


Ende 1927 kam Karlin zurück nach Celje, weil ihre Mutter im Sterben lag. Ihre Reiseerlebnisse verarbeitete sie nun in vielen Büchern: "Einsame Weltreise" (1929), "Im Banne der Südsee" (1930), "Erlebte Welt" (1933). "Dadurch wurde sie zwischen den beiden Weltkriegen zu einer der meistgelesenen Reiseschriftstellerinnen in deutscher Sprache und bis heute zur erfolgreichsten Autorin Sloweniens in der Geschichte." Trotzdem wurde sie bald verfolgt und fast vergessen. Sie hatte sich früh gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen, auch indem sie dem Journalisten und Gegner des Hitler-Regimes Hans Joachim Bonsack Zuflucht bei sich gewährte. Als Celje von den Nazi-Truppen besetzt wurde, wurde Alma verhaftet. Nur mit Glück entging sie der Deportation in ein Konzentrationslager. Dabei habe ihr Thea Schreiber-Gammelin mit ihren Kontakten geholfen, eine deutsche Malerin aus Kühlungsborn, die Karlin während ihrer Literaturtournee durch Deutschland im Radio sprechen gehört hatte, dann in Celje besuchte und von da an mit ihr partnerschaftlich zusammenlebte. Nur durch Thea sei Alma wieder freigekommen. "Aber weil sie auch den Kommunismus ablehnte, stand sie buchstäblich zwischen den Fronten. Und obwohl sie Schutz suchend sogar zu den Partisanen gegangen war, wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg wie vieles, was deutsch war, abgelehnt und geschnitten", sagt Jezernik. Alma musste ihren Besitz verkaufen, verarmte, wurde mit Thea als lesbisches Paar verspottet und zog mit ihr in ein abgelegenes Weingartenhäuschen oberhalb von Celje, ohne Strom und fließendes Wasser. Außerhalb Jugoslawiens sei sie aber noch immer bekannt gewesen. 1950 starb Karlin in dem Gartenhäuschen an Brustkrebs ohne medizinische Versorgung. Ihre Partnerin hatte ihr nur Schmerzmittel besorgen können. Thea lebte bis zu ihrem Tod 1988 allein in dem kleinen Haus. Bauern aus der Nachbarschaft halfen mit Lebensmitteln. Als Gegenleistung übergab Thea ihnen Teile aus dem Nachlass von Karlin. Die meisten Manuskripte und Souvenirs von Almas Reisen aber gab sie an das Regionalmuseum Celje und die Slowenische National- und Universitätsbibliothek in Ljubljana. "Ähnlich wie Max Brod für Franz Kafka ist Thea Schreiber-Gammelin eine Art literarische Witwe für Alma Karlin gewesen", sagt Jezernik.

Nur dadurch habe nach der Unabhängigkeit Sloweniens Karlin und ihre Bedeutung wieder entdeckt werden können.


Das Häuschen verfiel, bis das Institut für das kulturelle Erbe Sloweniens und die

Stadtgemeinde Celje sich darum kümmerten. Schüler des Schulzentrums Celje sammelten Geld und arbeiteten mit, um das Haus zu restaurieren. Mit dem Grab der beiden Frauen auf dem Friedhof in Svetina ist das Haus heute Teil der Denkmäler in der Region, zu denen Jezernik Besucher aus aller Welt führt. Ausgangspunkt der Wanderung auf Karlins Spuren sind die wenigen Reste des Elternhauses in Celje. Eine Gedenktafel erinnert an die heute wieder berühmte Bürgerin der Stadt. In die Karlin-Ausstellung im Regionalmuseum Celje kommen Besucher aus aller Welt, darunter viele Forscher. "Alma war physisch eingeschränkt, aber geistig grenzenlos unterwegs. So ist sie für viele Frauen ein Vorbild geworden und hat unser Land weltweit bekannter gemacht." Jezernik findet es schade, dass Karlin noch nicht Schullektüre geworden ist. Vor dem Celjer Bahnhof steht seit 2010 eine lebensgroße Bronzestatue. Sie zeigt Karlin, wie sie 1927 von ihrer Weltreise zurückkehrt, mit Hut, wehendem Mantel, energischem Schritt und Blick, und mit ihrer Schreibmaschine Erika.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.09.2024, S. 26 - Julija Adamic, Ela Falez, Viktoria Navodnik Discimus Lab, Videm pri Ptuju

zurück