Die Welt wird aus den Angeln gehoben

Am Douro wird seit Generationen geangelt. Väter nehmen ihre Söhne zum Fluss mit.

Der Fluss, der in den Picos de Urbión entspringt, 897 Kilometer durch die Iberische

Halbinsel fließt, die Meseta Spaniens und den Norden Portugals durchquert, mündet als Rio

Douro bei Porto in den Atlantik. "Angeln kann man zwar überall, aber nirgendwo besser als

hier", sagt der 58-jährige, sonnengebräunte Mario Costa. Umgeben von gleichgesinnten

Männern hält er seine Angel in den Fluss. "Man braucht keine Lizenz", ergänzt der 63-

jährige João Correia de Pinto Silva, der wie ein Matrose aussieht und blaue Augen hat.

"Also schon, aber die kriegt jeder an jedem Bankautomaten." Das Angeln sei hier deshalb

so verbreitet, weil es fast nichts kostet: 8 Euro für ein ganzes Jahr, aber nur an den Küsten

Portugals. Jeder Vater kann so mit seinem Sohn am Wochenende angeln gehen. Dabei

bedeutet "Küste", dass man so weit am Douro angeln darf, wie das Salzwasser bei Flut

flussaufwärts reicht, also bis 15 Kilometer landeinwärts zur ersten Staumauer. Das Angeln

an Süßwasserflüssen im Landesinneren kostet 12 Euro pro Jahr. Die jeweilige Lizenz wird

auf das Handy geschickt, und hin und wieder wird überprüft, ob die Angler sie auch wirklich

besitzen. Beim Fischen ohne oder mit der falschen Lizenz drohen Strafen von 100 bis 2000

Euro.

Ein weiterer Grund für die Verbreitung ist laut João der portugiesische Mindestlohn, der bei

ungefähr 700 Euro liegt. Da die meisten Angler Rentner sind, ist es für sie nicht nur ein

unterhaltsamer Zeitvertreib. Sie sparen mit jedem Fisch auch noch Geld. Junge Leute gibt

es fast keine. Obwohl Mario noch nicht in Rente ist, kommt er so oft wie möglich zum Fluss.

"Bloß ein bisschen angeln, einen Fisch nach Hause bringen, dann fehlt nur das Salz, und

das Abendessen ist serviert", sagt einer der anderen Angler, der die Abendsonne genießt. In

einer Stunde wird sie hinter der Ponte de Arrábida versinken, die den Douro zwei Kilometer

vor der Mündung in den Atlantik überquert.

"Am besten fischt man zwischen Ebbe und Flut", sagt der mit einem weißen Bart wie ein

Seemann aussehende Manuel Almeida mit seiner tiefen, rauen Stimme. "Dann sind die

meisten Fische und Angler hier. Viele mögen es, nachts zu fischen, man fängt einige

Fische, und die Aussicht ist einfach besser." Die letzten 22 Kilometer des Douros, bevor er

ins Meer mündet, sind nicht nur Süß-, sondern auch Salzwasser. Den Bereich, wo sich

beides vermischt, nennt man Brackwasser. Es reicht bis zum Damm Barragem Crestuma

Lever. Die Fische, die João, Manuel, Mario und die anderen fangen, sind Salzwasserfische.

Laut ihnen gibt es Seebrassen, Wolfsbarsche, Seezungen, Flunder und Aale, wobei

Letztere seit Kurzem nur noch mit einer speziellen Lizenz geangelt werden dürfen.

"Die Fische mögen lieber kaltes Wasser, bei warmem hauen sie ab", erklärt Manuel

lachend. Manche Angler benutzen selbst gebaute Halter aus Schraubzwingen für ihre

Angeln, andere nutzen die wenigen Löcher, die von der Stadt im Boden eingelassen

wurden. Daneben gibt es einige Felsen, auf denen Angler ihre Rute auswerfen. Beim

Angeln am Douro gibt es laut Manuel kein Richtig oder Falsch, man macht das, was man

möchte und wie es sich gut anfühlt.

Auf einer der Bänke neben dem Fluss, rund drei Kilometer von der Mündung entfernt, sitzt

João. Obwohl Angler ihre Ruhe ungern unterbrechen, erzählt er: "Mein Traum war schon

immer ein eigenes Fischerboot." Beim ersten Mal, als er mit seinem Vater angeln ging, war

er zwölf und verliebte sich direkt in die Kunst des Fischens. Als er 13 Jahre alt war, fing er

an zu überlegen, wie er das zum Beruf machen könnte. Da wäre ein Fischerboot perfekt

gewesen. Doch der Traum ging nie in Erfüllung. Die Lizenzen und Ausrüstung konnte er

sich nicht leisten. João wurde Mechaniker. Während er erzählt, geschieht das, worauf alle

hier oft stundenlang warten: Ein Fisch hat angebissen. Sobald sich der dünne Nylonfaden

spannt, rufen die anderen: "Olha, olha!" Und: "Olha João, essa é tua" ("schau mal, João,

das ist deiner"). João blickt mit einem Grinsen auf den Fluss. Oft sei es schwer zu

erkennen, ob es nur die Strömung oder ein Fisch ist, der den Faden spannt, doch dieses

Mal ist es ein Fisch. Mit Kraft zieht João seine Angel gen Himmel und kurbelt zugleich

schnell an der Rolle. Als der Fisch dann zu sehen ist, ruft er mit Stolz: "Um Robalo", ein

Wolfsbarsch.

In dem vom Meer bis zum zehn Kilometer entfernt reichenden Bereich können an manchen

Tagen rund 40 Angler gesichtet werden. Die meisten sind noch viel weiter entfernt und

baden ihre Würmer im Süßwasser. Nach einem Schwätzchen mit seinen Kollegen erzählt

João, dass er jedes Wochenende zum Douro gehe, manchmal mit Freunden, manchmal

allein. Er erinnert sich an die Zeit mit seinem Vater, der ihm die Freude am Angeln ins Herz

pflanzte. Obwohl der schon vor mehr als zehn Jahren gestorben ist, fühle es sich für ihn

jeden Tag, den er am Douro verbringe, wie gestern an. Als João gefragt wird, wie man denn

damit anfängt, ruft ein anderer: "Einfach eine Angel kaufen und los geht's." Die

Gemeinschaft ist für viele Angler zu einer Art Familie geworden. Rui ist 51 Jahre alt und

Bauarbeiter. Alle stimmen ihm zu, als er sagt, dass sie zum Entspannen herkommen, weil,

egal ob jung, alt, Anwalt oder Bauarbeiter, alle trinken nachts ihren Super Bock, das

bekannteste portugiesische Bier. Sie genießen den Douro und alles, was mit ihm kommt.

João Silva wundert sich, dass er bis jetzt noch nie eine Frau beim Angeln gesehen habe, bis

auf seine Tochter. Er hat zwei Kinder, eine Tochter, Alexandra, 31 Jahre, und einen Sohn,

Ricardo, der 27 ist. Obwohl es in der Familie Tradition war, dass alle Männer mit dem Vater

angeln, zeigte von Anfang an nur die Tochter Interesse. Oft begleitet sie João. "Und wenn

dann mal ein großer Robalo aus dem Fluss gezogen wird, dann freuen sich alle mit, so als

wäre es unser aller Fisch, als wären wir hier Teil der Familie Rio Douro."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.09.2024, S. 26 - Artur Schmidt, Deutsche Schule zu Porto

zurück