Auf Frühschicht mit der Abfallbeseitigung der Stadt. Der Müll ist gelassen, die Mitarbeiter sind es auch.
Vier Uhr früh an der Langstrasse in Zürich. Auf den Fenstersimsen stehen leere und volle Getränkebecher. Abfalleimer quellen über. Die Arbeit des Teams der Stadtreinigung Zürich beginnt. Vorwischen, Durchfahrt der Putzmaschine, leeren der Mülleimer. So geht es bis 10 Uhr abends, 365 Tage im Jahr. "Auf diese Weise kommen jährlich circa 9000 Tonnen Abfall für die Stadt Zürich zusammen", erläutert Niels Michel. "Das mag sich nach viel anhören, doch die Kollegen in der Verbrennungsanlage können mit dieser Menge das Feuer nur etwa zwei Wochen am Brennen halten."
Niels Michel ist seit 14 Jahren Mitarbeiter von ERZ Entsorgung + Recycling Zürich, einer Dienstabteilung der Stadt Zürich. Er ist zuständig für Freiwilligenarbeit und Qualitätssicherung. "Sauberkeit ist ein Zustand, der ohne Intervention nach Unordnung strebt. Ist Ihr Zimmer einmal sauber, kann es ohne Intervention Ihrerseits nicht noch sauberer, sondern nur noch unordentlicher werden." Er schmunzelt. Um die Stadt Zürich sauber zu halten, müssen 200 Mitarbeiter im Jahr 274.287 Arbeitsstunden leisten, und die Steuerzahler der Stadt 21 Rappen täglich bezahlen. Insgesamt ist das laut Michel eine Summe von 36 Millionen Franken jährlich.
Leere Wodkaflaschen werden achtlos auf den Boden geworfen, Pizzaschachteln und andere Verpackungen zieren die Gehwege, Exkremente liegen auf Parkplätzen, das gezeichnete Partyvolk scheint nichts zu bemerken. Mit dem Besen werden die Abfälle auf die Straße gefegt, um anschließend von der Putzmaschine aufgenommen zu werden. Ein beißender Geruch steigt in die Nase. Für die nächsten acht Stunden ist dies der Arbeitsplatz der zehnköpfigen Putzmannschaft. Alle von ihnen besitzen ein dickes Fell und bleiben in jeder Situation gelassen, professionell eben. Neben den sieben Männern gehören auch drei Frauen zum Team, für jede von ihnen ist es der zweite Bildungsweg.
"Ich unterstelle niemandem, mutwillig Littering zu betreiben", sagt Niels Michel. "Meiner Meinung nach hängt es viel mehr mit Gedankenlosigkeit und unserem Umfeld zusammen. Mit wem bin ich unterwegs, wann bin ich unterwegs, bin ich ange- oder betrunken?" Aufgrund von äußeren Faktoren können die Mitarbeiter von ERZ gut abschätzen, wo wie viel Abfall vorzufinden sein wird. Zwei Wochen nach dem Zahltag wird die Langstrasse noch vermüllter sein als üblich. Hat es hingegen in der Nacht von Samstag auf Sonntag geregnet, so wird sie verhältnismäßig sauber sein.
Weil Konsumgüter fast rund um die Uhr verfügbar sind, steigt auch die Menge an Abfall. Zum Beispiel am dreitägigen Stadtfest "Züri Fäscht", das alle drei Jahre während des Sommers stattfindet. "Während dieses Festes werden 2,5 Prozent des gesamten jährlichen Abfalls gesammelt", erklärt Michels. Es zählt zu den Veranstaltungen, die am meisten Abfall produzieren, da die breite Menge noch intensiver zum Konsum animiert wird. Auch der Take-Away-Boom in den 1980ern ließ die Menge an Müll rasant in die Höhe steigen. "Es findet einfach mehr Leben im öffentlichen Raum statt als früher. Das hat doch auch einen gewissen Wert. Ich meine, sollen wir alle wieder nach Hause schicken?" Michel seufzt: "Wir als Stadtreinigung haben in dieser Hinsicht die Kehrseite der Medaille erwischt."
Trotz der gelben Leuchtwesten ist man für die Menge unsichtbar. Clubbesitzer stellen ihren Abfall dezent vor ihre Türen. Blöde Sprüche lässt man über sich ergehen. Der zweite Durchgang durch die Langstrasse erfolgt. Es ist ihr nicht anzusehen, dass sie bereits einmal gewischt wurde. Neben dem unachtsamen Partyvolk trifft man auch auf das erwachende Kleinbürgertum, das sich über die immer noch herrschende Unordnung der vergangenen Nacht beschwert.
"Erst vor Kurzem wurde ich gefragt, warum wir als Stadtreinigung nicht einfach streiken. Für zwei Wochen oder so, damit jeder sehen könnte, wie Zürich ohne euch aussehen würde." Michel schüttelt den Kopf: "Das würde nur dazu führen, dass noch mehr Abfall umherliegen würde, denn Abfall zieht weiteren Abfall an. Die von uns gereinigten Plätze implizieren unsere Normen. Wir wollen, dass es sauber bleibt." Auch der Tourismusverband Zürich stehe schnell beim ERZ auf der Matte, wenn die Stadt nicht sauber ist. Touristen, die sich beschweren, kommen nicht mehr nach Zürich. "Zudem hätten wir bei fast 450.000 Einwohnern schnell Zustände wie im Mittelalter. Abfall zieht weiteren Abfall an, die Unhygiene würde rasch zunehmen, und Ratten würden sich da und dort zeigen." Er verzieht sein Gesicht: "Lassen Sie einmal einen Abfallsack für zwei Wochen in Ihrer Garage stehen, danach lebt er."
Eine Frau nähert sich der Truppe: "Ihr seid wertvoll mit allem, was ihr für unsere Gesellschaft tut." Die ERZ organisiert immer wieder freiwillige Aktionen. Sei es nun mit Firmen, die ihr soziales Engagement nachweisen wollen, oder mit Personen, die soziale Verantwortung übernehmen wollen. Michels Gesicht hellt sich auf: "Natürlich gibt es Ausnahmen, doch die kommende Generation ist sich unserer Probleme bewusst. Ich habe zwei Herzensthemen in meinem Leben, und eines davon ist Abfall. Ich freue mich, wenn ich freiwilligen Helfern ein gutes Gefühl nach ihrer Arbeit vermitteln kann und sie mit dieser Erfahrung nach Hause gehen können. Man muss sich jedoch immer bewusst sein, dass wir als Stadtreinigung die Bevölkerung nicht erziehen können." Mit jeder Aktion begibt sich Michel von Neuem auf Schatzsuche. Man findet alles, vom Drogenbunker bis zum Tauchsieder. "Erst letzte Woche habe ich hinter einem Gebüsch einen brandneuen Schlagbohrer mit Quittung gefunden."
Elf Uhr morgens. Die Schicht der ersten Truppe nähert sich dem Ende. Man ist erschöpft, obwohl sich der Abfall in Grenzen hielt an diesem Samstagmorgen. Die allermeisten Spuren der gestrigen Nacht wurden von der Stadtreinigung beseitigt. Bis zwölf Uhr werden auch die Überreste der Klimademonstration beseitigt sein. Für zwei Minuten erstrahlt die Stadt in neuem Glanz.