Die alten Herren stauben ab

In Bietigheim-Bissingen wollen Senioren den Nachwuchs für Modelleisenbahnen begeistern.

 

Alle drei Sekunden blitzt auf dem Marktplatz von Zwingenstein das Handy eines Mannes im blauen Hemd auf. In dem von Weinbergen umgebenen Dorf findet gerade ein rauschendes Fest statt. Zwischen den lieblichen Fachwerkhäusern dreht sich ein Ochse am Spieß über der leuchtenden Glut. 47.000 Ziegel mussten sie zum Decken der Dächer aus Grafikkarton ausschneiden und einzeln aufkleben, erinnert sich Thomas Atzig. Das fiktive Städtchen Zwingenstein ist ein Teil der Vereinsanlage "HP-Spinne" der Eisenbahnfreunde Bietigheim-Bissingen. Ein kompletter Raum mit der Größe eines Klassenzimmers wird von der Modelleisenbahnstrecke eingenommen, die von den verschneiten Hängen des Schwarzwaldes bis zu den steinigen Weinbergen des Neckartals verläuft.

 

Eine halbe Welt ist im Maßstab 1:87 aus Holz, Styropor und Schienen entstanden. Ganze Wälder reihen sich an steilen Felshängen, und moderne, erleuchtete Bürotürme stehen entlang der Strecke. Die Anlage wird von handbemalten Plastikfigürchen bewohnt, die ihrem Alltag in der künstlichen Landschaft nachgehen. Ihre Anzahl kann man nur schätzen, sie geht in die Hunderte. "Wenn du alles aufschreiben willst, was der sagt, wird das ja ne halbe Doktorarbeit", meint Vereinskollege Siegfried Schmegler schmunzelnd über Atzig, der begeistert die Details der Anlage aufzählt. Die beiden ergrauten Herren sind gerade dabei, die Anlage für die nächste Ausstellung in Schuss zu bringen. Der Staub, "der größte Feind des Modellbauers", könnte die Maschinen schädigen, so muss alles erneut kontrolliert werden.

 

Seit 1982 besteht der Verein, der heute um die 70 Mitglieder hat. Über diese Zeit habe sich der Modelleisenbahnbau radikal verändert, berichtet Atzig. Als der 65-jährige, stämmige Herr vor mehr als 40 Jahren an der Gründungsversammlung des Vereins teilnahm, lief die Steuerung der Eisenbahnen noch komplett analog. Nun gibt es spezielle Computerprogramme. Und ein 3-D-Drucker ermöglicht es, Bauteile herzustellen, die nicht im Handel erhältlich sind. Andererseits habe die Popularität des Modellbaus über die Jahre merklich abgenommen. "Früher hatte jeder Bub eine Modelleisenbahn. Diese Zeiten sind vorbei." Während der Pandemie habe die Begeisterung für den Modellbau wieder zugenommen, da viele mehr Zeit zu Hause verbracht hätten. Auch die Umsätze der Modellbauunternehmen seien dadurch gestiegen.

 

Um ihren Verein vor dem Aussterben zu bewahren, wurde eine Jugendgruppe eingerichtet. Mit dem Renteneintritt übernahm Atzig die bis dahin vernachlässigte Jugendarbeit. Auf eine Onlineanzeige hin meldeten sich innerhalb eines Jahres sechs Jungen zwischen acht und zwölf Jahren. Jeden Mittwoch verbringt die Gruppe unter der Leitung des großen Mannes nun zwei Stunden, in denen sie die Techniken des Modellbaus erlernt. "Die kommen vom Gymnasium, die haben vorher noch nie eine Laubsäge in der Hand gehalten", sagt Atzig über einen Teil seiner Gruppe. Einen Werkunterricht, in dem Schüler handwerkliche Fähigkeiten erwerben können, gebe es ja leider nicht mehr. Über die Ränder seiner eckigen Brille beobachtet er aufmerksam, wie Benjamin, der zur Gruppe gehört, seinen Schnee-Streckenabschnitt mit Kunstschnee bestäubt. Die geräumige Werkstatt ist bis zur Decke mit akribisch beschrifteten Boxen vollgestellt. "Kork", "Industriegebäude", "Schraubenzieher" und unzählige weitere Bauteile. Alle lagern in hohen Regalen. Bei den vielen Kleinteilen sei das Ordnunghalten eine echte Schwierigkeit. Als Atzig Anfang 2023 die Jugendgruppe übernahm, war er erst einmal drei Monate mit Aufräumen beschäftigt.

 

Neben Nachwuchsproblemen und dem Ordnunghalten muss der Verein auch Lösungen für finanzielle Herausforderungen finden. Die 40 Euro Mitgliedsbeitrag pro Person und Jahr würden kaum die Stromkosten decken. Die würden oft unterschätzt. Zwar verbrauchen LEDs weniger Strom als früher die Glühbirnen, bei der schieren Menge kommt aber ein ganz schöner Betrag heraus. Um die 300 LEDs haben sie in einer grünbläulich beleuchteten Höhle unterhalb der Anlage verbaut, schätzt Atzig. Die Ausstellungen, die dreimal pro Jahr stattfinden, bieten eine bessere Möglichkeit für Einnahmen. Mit fünf Euro Eintritt pro Person und so vielen Besuchern, dass man "von hinten kaum die Bahnstrecke sehen kann", wird die Kasse wieder gefüllt. Das Geld ist dringend nötig, denn Modellbauzubehör hat seinen Preis. Das 1102 Teile umfassende Bauset von "Schloss Bran", besser bekannt als das Schloss Draculas, an dem Atzig gerade, und wie er meint, voraussichtlich für die nächsten zwei Jahre, arbeitet, kostet im Internet stolze 569,95 Euro. Der Ochsengrill auf dem Marktplatz von Zwingenstein ist für 67,95 Euro zu haben. Die hohen Preise für fertige Bauteile sind der Grund, warum der Verein viel selber baut. Man müsse eben kreativ sein, sagt Atzig, und zeigt, dass die Fische im ausgehärteten Modellwasser in Wirklichkeit silbern angesprühte Kümmelsamen sind.

 

Zudem muss der Verein Miete für sein Vereinsheim zahlen. Das am Ortsausgang der baden-württembergischen Stadt gelegene ehemalige Spindellager wird dem Verein vom Werkzeughersteller Bessey zur Verfügung gestellt. Dadurch profitiert der Verein vom günstigeren Industriestrom. Jedoch musste das Spindellager nach dem Einzug erst einmal drei Jahre umgebaut werden. "Die Hälfte der Vereinsmitglieder ist damals abgesprungen, weil die lieber im Modellbau tätig sein wollten", erinnert sich der gelernte Schreiner und Dekorateur Atzig. Nun ist das zweistöckige Vereinsheim ein Paradies für Modellbauer mit mehreren Werk- und Ausstellungsräumen. Sogar ein Restaurant für die Ausstellungstage im Stil einer alten Bahnhofswartehalle hat dort Platz. Auch für eine gute Isolierung wurde gesorgt, was die etwas stickige und ziemlich warme Luft, die einen leichten Lösungsmittelgeruch mit sich trägt, erklärt. An den Wänden sind alte Plakate und Straßenschilder der Deutschen Bahn angebracht. Noch mehr davon finden sich im kleinen, vollgestellten Archiv.

 

Als gemeinnütziger Verein hätten sie auch einen Bildungsauftrag, erklärt Atzig, was der Grund ist, warum sie alte Modellbaumagazine, Fotos und weiteres aufbewahren. Diese sind auch nützlich, um Informationen zu bestimmten Modellen oder Bahnstrecken nachzuschlagen. Dabei müsse nicht jeder alles können und wissen "sonst werd' ich noch verrückt", sagt Atzig. Jeder spezialisiert sich auf verschiedene Bestandteile des Modellbaus, die Vereinsmitglieder nennen es "Hobby im Hobby". Manche fahren am liebsten, anderen macht die Elektronik oder das Lackieren am meisten Spaß. "Da, guck!", Thomas Atzig deutet auf die grün-bläulich beleuchtete Höhle unterhalb der Bahnstrecke, in der gerade eine Gruppe Minions versucht einen Klumpen Gold zu stehlen. "Die wissed ned, dass des Katzegold ist", sagt er lächelnd in breitem Schwäbisch.

 


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2024, Nr. 110, S. 26 - Nora Scharmann, Deutsche Schule zu Porto

zurück