Die große Lust am Jung sein

Im Psychologischen Club Zürich begegnet man dem Jung'schen Analytiker Andreas Schweizer.

Gelassen tritt Andreas Schweizer in das kleine, gemütliche Zimmer des Psychologischen Clubs Zürich. Zu seiner Geschichte schreibt er auf dessen Homepage: "Der Psychologische Club Zürich wurde 1916 durch Mr. und Mrs. McCormick-Rockefeller, Emma und Carl Gustav Jung und die um sie versammelten Zürcher Vertreter der Komplexen Psychologie gegründet. Dabei war das Clubhaus von Anfang an das wohl wichtigste Gefäß, in welchem C. G. Jung viele seiner Ideen in zahlreichen Seminaren und Vorträgen vorgelegt hatte, bevor er diese in seinen Büchern publizierte. Nach der Trennung von Sigmund Freud ist hier ein Raum entstanden, in welchem sich die Analytische Psychologie, wie sie später genannt wurde, fruchtbar und im Austausch mit Fachleuten der verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen sowie im Beisein von Analytikern und Analysanden entfalten konnte."

Hier nimmt Schweizer Ratsuchende entgegen und arbeitet, wie Jung vor vielen Jahren, an neuen Werken. Er setzt sich in den alten, bequemen Ledersessel. Ein einladendes Grinsen, das die Lachfalten, die das Alter mit sich bringt, erscheinen lässt, schmückt sein Gesicht. Gekleidet in einem legeren Hemd, die zwei obersten Knöpfe geöffnet, und in gemütlicher Cordhose ist der Jung'sche Analytiker zum Gespräch bereit.

Schweizer hat seine Faszination für die Jung'sche Psychologie in seiner Jugend entdeckt. Damals stand er in Kontakt mit Dora Kalff, die die Sandspieltherapie im deutschsprachigen Raum eingeführt hat, eine psychotherapeutische Methode, bei der durch die Gestaltung eines Kastens mithilfe von Figuren und Miniaturen Gedanken und Komplexe ausgedrückt werden können. Kalff war es, die ihm die erste Jung'sche Literatur präsentierte und so sein Interesse förderte. Seine Ausbildung begann Schweizer in Basel und Zürich, wo er in den Siebziger- und Achtzigerjahren Theologie, Religionsgeschichte und später auch Ägyptologie studierte. Anschließend absolvierte er ein postgraduales Studium in Ghana. "Mein Aufenthalt in Ghana war das Lehrreichste an meiner gesamten Ausbildung", meint Schweizer, der den Psychologischen Club Zürich zwischen 2006 und 2022 als Präsident leitete. Er empfiehlt jedem, der die Möglichkeit hat, die Welt zu erkunden und Neues, das unserer westlichen Ordnung auch mal widersprechen mag, zu entdecken. Solche Erfahrungen könne man nicht in einem Hörsaal sammeln.

Der 77-Jährige arbeitet seit mehr als 40 Jahren mit Träumen und sagt, es sei ihm dabei noch nie langweilig geworden: "Das Spezielle an den Träumen ist deren Individualität. Ich habe sicher Hunderte von Träumen gehört, aber nie zweimal denselben. Das macht für mich die Traumdeutung so spannend." Genauso individuell wie die Träume seien auch deren Deutungen. Der Jung'sche Traumanalytiker besteht darauf, im Verlauf einer Deutung alle Muster außer Acht zu lassen. Das Wichtigste, um gemeinsam auf eine treffende Traumdeutung zu kommen, sei das Verhältnis zwischen dem Therapeuten und dem Träumenden. "Eine Beziehung, ein Wohlfühlgefühl, muss entstehen, um Träume deuten zu können. Dabei hilft bereits ein geschützter, intimer Raum, wie der, in dem wir uns gerade befinden", erklärt Schweizer. Der Träumende zeigt sich authentisch und verletzlich, er erklärt sich dazu bereit, sein Unbewusstes besser kennenzulernen. Für dieses Vertrauen und die enge Zusammenarbeit sei Schweizer immer dankbar.

Doch was passiert, wenn so ein Vertrauen nicht auf Anhieb entsteht? Nach jahrzehntelanger Erfahrung akzeptiert Schweizer dies gelassen. Er nimmt die Tatsache an, dass die Jung'sche Traumdeutung keine absolute Therapieform ist, sie kann nicht jedem helfen. "Man ist nicht immer erfolgreich. Ich kann nicht jeden von der Traumdeutung überzeugen, und das ist auch nicht mein Ziel." Oft seien Menschen von den Symbolismen der Träume überfordert, nicht bei jedem könne man durch die Arbeit mit dem Unbewussten auf einen prospektiven Pfad stoßen. Allerdings sieht dies Schweizer nicht als Scheitern an: "Manche Leute brauchen nun mal eine strengere Struktur als jene, die die Jung'sche Traumdeutung bieten kann. Ich halte nie jemanden fest, der nicht selbst von der Wirkung der Jung'schen Traumdeutung überzeugt ist."

Bemerkt Schweizer, dass ein Traum besonders schockierende Inhalte enthält, die dem Träumenden, sofern seine Persönlichkeitsstruktur noch zu labil ist, schaden könnten, kann es dazu kommen, dass er dem Patienten die gefährlichen Trauminhalte verschweigt. Jedoch können genau diese Inhalte den Träumenden auch am meisten auf dem Weg zur Selbstfindung helfen. Je nach Einschätzung des Jungianers könne man sich also auch langsam an die Inhalte des Traums herantasten. Somit überfordere man den Träumenden nicht, könne aber dennoch eine Lösung finden. "Auch ich hatte Träume, die ich mehrere Jahre nicht verstanden habe. Plötzlich, manchmal sogar Jahre später, habe ich sie dann verstanden."

Er ist sich der Kritik an Jungs Lehre bewusst. Der Hauptkritikpunkt an Jungs Forschung sei das fehlende empirische Vorgehen. Schweizer erkennt, dass Jung nicht gleich empirisch geforscht hat, wie es heute im Feld der Psychologie verlangt wird, sieht dies aber nicht zwingend als Mangel. Er schätzt die Freiheit, die der Analytiker in der Traumdeutung habe, und ist sogar der Meinung, dass die gezwungene Empirie die Psychologie nicht immer weiterbringe. "Statistik tötet die Seele", meint er. "Anstatt ein Mensch mit einer Geschichte ist man nur noch ein Fall von vielen."

Der Jungianer ist von der Welt ohne strenge Grenzen und Vorgaben begeistert, wofür die Traumwelt ein exzellentes Beispiel sei, denn in Träumen gibt es, nach der Lehre Jungs, weder Raum noch Zeit. Zudem zeigt Schweizer ein Interesse für diejenigen, die sich in unserer Ordnung nur schwer zurechtfinden können, er nennt sie "Outcasts". Lange hat sich Schweizer mit rebellischen Jugendlichen aus einer Wohngemeinschaft auseinandergesetzt, darunter auch Kriminelle und Drogenabhängige. Natürlich gab es auch besorgniserregende Gewaltausbrüche und weitere Vorfälle, doch Schweizer berichtet von einer Humanität, die kaum woanders zu finden sei: "Solche Menschen haben nichts mehr zu verlieren; sie freuen sich über jedes bisschen Vertrauen, das man ihnen schenkt. Diese Menschlichkeit hat mich immer zutiefst berührt."

Abschließend meint Schweizer: "Wer sich für die Bedeutung seiner Träume interessiert, muss sich nicht gezwungen fühlen, diese direkt mit einem Fremden zu besprechen. Es kann bereits helfen, bestimmte Traummotive zu googeln und das Geträumte festzuhalten. Ob man dann tatsächlich zu einem Traumanalytiker geht, ist eine andere Frage. Viele Menschen schämen sich für ihre Träume, da freue ich mich immer besonders, denn meistens überbringen genau solche Träume eine unerwartet positive Botschaft."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2024, Nr. 94, S. 26 - LOLA FÜRER. Kantonsschule Kreuzlingen

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