Eigentlich ist sie eine Einzelgängerin

Christine Thürmer geht ihren Weg. Die "meistgewanderte Frau der Welt" hat schon mehr als 60.000 Kilometer zurückgelegt.

 

Nur weil etwas anstrengend oder schwierig ist, heißt das nicht, dass es mir nicht gefällt", sagt Christine Thürmer. Im Volkshaus Zürich wird sie gleich eine Show vor 600 Besuchern starten, in der sie von ihren Wanderungen berichtet. Alles ist mit Plakaten, Flyern und Fotos geschmückt. Die 56 Jahre alte Frau hat braunes, halblanges Haar, eine schmale Brille und ein rundliches Gesicht. Sie wurde in Forchheim geboren, lebt heute in Berlin oder, wie sie sagt, "hauptsächlich im Zelt". Die studierte Diplomkommunikationswirtin wandert inzwischen ausschließlich. Sweatshirt und Jeans lassen sie bescheiden aussehen. "Ich sehe nach allem aus, aber nicht nach dem, was ich mache", sagt sie. Doch sie hat die Energie, den Willen und die Ausstrahlung eines Teenagers. Sie will Neues entdecken und tut dies. Sie lebt ihren Traum, dank ihrer Ausdauer, ihres Konsumverzichts und ihrer ausreichenden finanziellen Mittel, die sie einem früheren Job und ihrer Sparsamkeit zu verdanken hat.

 

Wie ist sie auf das Wandern gekommen? Erstmals traf sie zufällig im Juli 2003 Langstreckenwanderer in den USA, sogenannte Thruhiker. Sie wandern eine lange Strecke. Thürmer konnte sich das gar nicht vorstellen, da die Wanderer so normal aussahen. "Aber sie haben so ein Glück ausgestrahlt." Am Anfang habe sie sich gar nicht getraut. Zwei Vorfälle haben sie zum Wandern gebracht: Ihr wurde die Stelle in der Unternehmenssanierung gekündigt, und ein guter Freund hatte einen Schlaganfall und kam ins Pflegeheim. Da wurde ihr klar: "Die wichtigste Ressource ist nicht Geld, sondern Zeit, weil man Zeit nicht planen und verändern kann." Ihr wurde bewusst, sie muss jetzt loslaufen oder nie. 2004 war ihre erste Wanderung. Auf dieser bekam sie den Trailnamen "German Tourist". Seither wandert sie sechs Monate am Stück und macht dann sechs Monate Pause. Auf ihrer Homepage bezeichnet sie sich als "die meistgewanderte Frau der Welt" und listet auf, dass sie 37.500 Kilometer mit dem Rad, 7000 Kilometer mit dem Boot und 62.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt habe.

 

Sie hat viel erreicht, obwohl sie sich dies als Kind nie vorstellen konnte. Thürmer war eine typische Einser-Schülerin. Nur in Sport hatte sie immer eine 4. Auch ihre Familie war sportlich nie sehr aktiv. Im Rückblick meint sie: "Geil, ich habe alles richtig gemacht." Obwohl sie sich selbst auch als gemütliche Hausfrau, kinderlos und unverheiratet beschreibt, will sie vielen Menschen Mut machen, das zu tun, was sie wollen. Sie kommt beim Wandern in den Flow, die Zeit steht still. "Bei mir geht es beim Wandern nicht um die Landschaft, sondern um die Freiheit und das intensive Gefühl."

 

Das Wort Langeweile kennt sie nicht. Mit Hörbüchern und Podcasts lenkt sie sich ab, wenn sie weiß, es kommt eine "blöde" Strecke. Bevor es hell wird, ist sie schon auf den Beinen und wandert, bis es wieder dunkel wird. Dann schlägt sie ihr Zelt auf und übernachtet dort. An einem Tag ist sie mehr als 14 Stunden unterwegs mit ein paar Pausen. Auf ihren Wanderungen begegnen ihr kaum Menschen. Ab und zu trifft sie Leute in Dörfern. Doch eigentlich ist sie eine Einzelgängerin - im wahrsten Sinne des Wortes. Ob sie sich gesünder fühlt, könne sie nicht sagen, da sie jeden Tag vier Tafeln Schokolade isst und haufenweise Fertigprodukte. Sie will die Vorurteile brechen, dass man immer nur Gesundes essen soll. "Das Körpergefühl ist ein ganz anderes, wenn man wandert." Sie fühlt sich einfach so lebendig wie nie.

 

Vor einer Wanderung solle man sich einen fixen Start- und Endpunkt suchen. Man brauche auch eine Regel, wie man wandert. Und wenn das nur ist, dass man bis zum Schluss durchhält. Am Ende soll man das Gefühl haben: "Ich habe es geschafft." Thürmer hat einzigartige Erfahrungen gemacht. Der Michinoku Coastal Trail an der Küste Japans, die 2011 von einem Tsunami zerstört wurde, war so eine. Der Weg wurde von der Regierung gebaut, um die zerstörte Gegend wieder zu beleben. "Es war emotional und mitnehmend, jeden Tag diese Gedenkstätten zu sehen, wo 20.000 Menschen ihr Leben verloren haben und eine Viertelmillion obdachlos wurde. In meinen Gedanken war ich immer bei diesen Dramen, die sich dort abgespielt haben."

 

Zweimal ist sie durch die USA gewandert, von der mexikanischen Grenze bis zur kanadischen. Außer der Arktis und Afrika war sie schon auf allen Kontinenten unterwegs. Davon gefällt ihr Osteuropa am besten, allein schon wegen der atemberaubenden Landschaft. Die schönste Strecke war für sie die Via Transilvanica. Die Strecke ist mit 1400 Meilensteinen markiert. Jeder einzelne wurde von einem rumänischen Kunststudenten gestaltet. Das macht sie zur längsten Ausstellung der Welt.

 

Thürmer hat auch gefährliche Situationen erlebt. In Australien brach sie beim Wandern unerwartet in eine unterirdische Höhle ein, weil ein alter, nicht mehr betriebener Kanalweg nach tagelangen Regenfällen unter ihr zusammensackte. Sie überschlug sich mehrfach. In der Höhle war alles voller Schlamm, der ihr wohl das Leben rettete. "Ich hatte Glück, dass ich mir nicht den Kopf anschlug. Sonst würde ich wohl nicht mehr hier sitzen." Sie betont, sie gehe ganz bewusst Risiken aus dem Weg.

 

Die Vorbereitung ist besonders wichtig. Jeweils ein Viertel der Zeit vom Wandern benötigt sie dafür. Zuerst braucht sie eine Idee. "Da lege ich meine Route fest, wo genau ich entlanggehen will." Dann folgt eine Feinplanung. "Ich lege fast jeden Meter der Route fest und speichere diese auf meinem Handy." Zuletzt kommt die logistische Planung: Sie recherchiert "Läden, in denen ich auch mal neue Ausrüstung, zum Beispiel Schuhe, kaufen kann". In manchen Gebieten sind die Einkaufsläden nirgends eingezeichnet. "Da muss ich manchmal mit Google Maps die Straßen abfahren." Einmal in der Woche macht Thürmer einen Ruhetag. Da bleibt sie in einem Hotel.

 

Ihr Rucksack wiegt nur fünf Kilogramm. In ihm befindet sich ihre ganze Ausrüstung: Schlafsack, Isomatte, Kochgeschirr, ein zweiter Satz Kleidung, Regensachen sowie Sonnencreme und Kopfschmerztabletten. Das Smartphone ist ihre Verbindung zur Heimat und immer dabei. Sie beschreibt sich selbst als "minimalistisch", da sie ja das ganze Gewicht Monate mit sich tragen müsse.

 

Thürmer hat in ihrem früheren Job gut verdient. Ein rentables Hobby von ihr ist der Aktienmarkt, bei dem sie auch schon mal einen Totalverlust erlitten hat. Doch: "Man kann nie etwas komplett falsch machen." Sie fand immer: "Je mehr man verdient, desto höher werden die Ansprüche. Die Glücksschwelle steigt, und die meisten Leute haben dann Abstiegsängste." Das Budget, das ihr pro Wanderung zur Verfügung steht, ist etwa 1000 Euro im Monat. Darin enthalten sind: Essen, Ruhetage, neue Ausrüstung, An- und Abreise, Fixkosten, Handyvertrag und Einlagerungskosten ihrer Sachen.

 

Ihre vier Bücher sind Bestseller. Was plant sie? "Ich habe noch 30 Jahre vor mir", lacht sie. Sie will unbedingt noch eine Wanderung in Transsilvanien machen. 41 Länder hat sie bis jetzt erwandert. Nach dem Wandern würde sie eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin interessieren, weil ihr die Geschichte mit ihrem Freund, der einen Schlaganfall erlitten hatte, sehr zu Herzen ging. "Wenn man etwas wirklich will, sollte man jetzt damit beginnen und nicht darauf warten, bis etwas geschieht."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2024, Nr. 144, S. 26 - Caroline Seibold, Kantonsschule Trogen

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