Aus Zürich zog es den Juristen nach Brasilien, um dort eine Farm zu betreiben.
Es später nicht bereuen." Das sagte sich der damals 41 Jahre alte Johann Schicht, als er 2007 nach Brasilien auswanderte. Er übernahm dort die Farm seines Vaters, die etwas heruntergekommen war, da niemand mehr aus der Familie dort wohnte und sie nur extensiv bewirtschaftet worden war. Schicht kündigte seine sichere Stelle als Anwalt in Zürich und ließ alles hinter sich. Johann Schicht wurde 1965 geboren und verbrachte seine frühe Kindheit in der Nähe von Zürich, als sein Vater, ein Ingenieur, 1974 von seinem damaligen Arbeitgeber nach Brasilien entsendet wurde. In Rio de Janeiro, wo die Familie damals wohnte, besuchte Johann die Schweizerschule und lernte Portugiesisch. 1977 erwarb der Vater im entlegenen Indianópolis, im Bundesstaat Minas Gerais, einen landwirtschaftlichen Betrieb, die Fazenda Seriema. Damit erfüllte er sich einen lang gehegten Traum.
Durch einen Bekannten und die Verkettung einiger Zufälle hatte der Vater von der Region erfahren, die in den Siebzigerjahren erschlossen und urbar gemacht wurde. Von da an verbrachte die Familie ihre Ferien dort. 1980 wurde Johann aufs Internat in Davos geschickt. Seine Eltern kehrten zwei Jahre später in die Schweiz zurück, da Brasilien mittlerweile in eine tiefe Rezession geschlittert war. Johann zog zu ihnen nach Zürich und machte die Matura. Dann studierte er Jus, wurde Anwalt und arbeitete als Rechtskonsulent in verschiedenen Konzernen, unter anderem bei der Swissair. Nach dem Grounding und Ende der Swissair im Jahr 2001 nahm er sich eine Auszeit. Der Gedanke an die Fazenda ließ ihn nicht mehr los. 2007 entschied er, sich nach Brasilien auszuwandern, um die Fazenda zu sanieren und fortan als Musterbetrieb zu bewirtschaften. Außerdem war da noch Miranda, eine Lehrerin aus dem Dorf, in die er sich ein Jahr zuvor verliebt hatte. Heute sind die beiden verheiratet und haben zwei Kinder, Isabelle, 11 Jahre, und André, 7 Jahre. Es war nicht immer einfach, und Schicht hatte sich vieles anders vorgestellt. Als er noch Anwalt war, träumte er oft, wohl etwas naiv, davon, den Tag vor allem damit zu verbringen, auf dem Rücken eines Pferdes sein Vieh einzutreiben oder mit einem großen Traktor den Acker zu bearbeiten. Tatsächlich sitzt er heute während 80 Prozent seiner Arbeitszeit im Büro vor dem Computer, wo er Excel-Listen ausfüllt, etwa darüber, welche Kühe was gefüttert bekommen. Daneben gibt es allerlei Administratives zu erledigen wie die Preisverhandlungen mit Saatgut-Lieferanten oder die Überwachung der Kühe. Seit Kurzem sind diese mit einem Chip ausgestattet, um deren Gesundheitszustand zu kontrollieren. Dennoch ist er froh, nicht mehr als Anwalt zu arbeiten. So müsse er nur seine eigenen Probleme lösen und nicht auch diejenigen anderer Leute.
Seine Farm umfasst rund 900 Hektar Land, 70 Prozent davon sind Ackerland, der Rest ist Wald. Für brasilianische Verhältnisse ist die Fazenda Seriema ein mittelständischer Betrieb, der aber um ein Vielfaches größer ist als ein durchschnittlicher Betrieb in der Schweiz mit etwa 21 Hektar. Auf den Feldern wird Soja und Mais angepflanzt. Zusätzlich produziert Schicht mit rund 400 Kühen täglich rund 12.000 Liter Milch. Er beschäftigt 25 Mitarbeiter. Im Dorf heißt es, er sei ein beliebter Arbeitgeber. Das Einkommen der Angestellten liegt über dem lokalen Durchschnitt, umgerechnet 600 bis 900 US-Dollar monatlich. Er hält sich an das Arbeitsgesetz, was im ländlichen Brasilien keine Selbstverständlichkeit ist. Seine Angestellten arbeiten pro Woche nur die gesetzlich vorgeschriebenen 44 Stunden. Deswegen beschäftigt der Betrieb 20 Prozent mehr Mitarbeiter als vergleichbare Farmen. Entsprechend effizienter muss gewirtschaftet werden. Dank der guten Arbeitsbedingungen seien seine Arbeiter im Schnitt besser und motivierter als anderswo. Das zahle sich aus. In seiner Freizeit frönt Schicht einem Hobby, das den Brasilianern eher fremd ist: seiner Märklin-Modelleisenbahnanlage, die nach jedem Schweizer Aufenthalt und dem obligatorischen Besuch eines Spielwarengeschäfts ausgebaut wird und zum Leidwesen seiner Frau mehr Platz beansprucht. Ab und zu spielt er gerne Fußball, so gut es halt noch gehe. Er sei ja nicht mehr ganz taufrisch, bemerkt er. Fit hält er sich mit Joggen und Krafttraining. Als er noch in der Schweiz lebte, ging Schicht gerne in die Oper und in Museen. Das komme klar zu kurz. Er sei aber alles in allem glücklich in Brasilien und fühle sich hier weniger eingeengt als in der Schweiz. Wobei er einiges vermisse: seine Verwandten und Freunde sowie typische schweizerische Gerichte wie Fondue, Raclette oder Bratwurst mit Rösti. Auch fühle er sich nicht vollständig integriert, da die kulturellen Unterschiede zwischen der Schweiz und Brasilien groß seien.
Ob die Kinder später einmal den Hof übernehmen, ist noch völlig offen. Das wäre schön, sofern sie das wirklich wollen, sind sich die Eltern einig. Zur Familie gehören vier Katzen und drei zugelaufene Hunde: Pluto, Pantera und Mister Spock, der den Namen seinen spitzen Ohren zu verdanken hat. Mister Spock begleitet sein Herrchen auf Schritt und Tritt. Sogar wenn sich Johann Schicht mit dem Auto kilometerweit von der Fazenda entfernt, dauert es nicht lange, bis Mister Spock auftaucht. "Spock findet mich überall - er muss ein eingebautes GPS besitzen."