Auf den Spuren des Schriftstellers der Romantik bei einer Tour durch Berlin
Ein alter Schriftsteller, der ein paar Bücher geschrieben und ein paar Opern komponiert hat und der immer noch Stoff fürs Abi liefert. Was macht den Typen so besonders, dass man seinetwegen eine Tour durch Berlin machen muss? Es hat 30 Grad, und eine Klasse aus Kiel befindet sich auf den Spuren von E. T. A. Hoffmann. Die Führung mit Michael Bienert beginnt in einem Innenhof der Staatsbibliothek, Unter den Linden 8. Bienert hat schon einige Bücher über Menschen geschrieben, die Berlin prägten - oder denen umgekehrt die Stadt ihren Stempel aufgedrückt hat. In der Staatsbibliothek steht eines der beiden Berliner Hoffmann-Denkmäler. Eine Sandsteinfigur, in den 1970er-Jahren geschaffen von der Künstlerin Carin Kreuzberg. Früher stand die Statue woanders, wurde aber demoliert und dann umgesetzt. Die Statue zeigt Kopf und Brust Hoffmanns, zu seinen Füßen ein nacktes Pärchen und auf seiner Schulter eine gekrönte Schlange.
"Unter den Linden" entlang ist alles hell und freundlich. Ausgerechnet hier entsteht eine von Hoffmanns ersten Horrorgeschichten: "Das öde Haus". Eine aus dem Fenster eines in der Nähe gelegenen Hauses ragende Hand soll ihn im Vorbeilaufen inspiriert haben. Der Dichter folgert, dass es in dem Haus spuken muss und dort eine vom Wahnsinn geplagte alte Dame wohnt. "Das ist das Besondere an Hoffmanns Literatur", erzählt Bienert, während sich ein paar Tauben auf dem Platz niederlassen, um die Sonne zu genießen. "Er schreibt Horrorgeschichten an Schauplätzen wie diesem, wo man es nicht erwarten würde." Schon allein eine Horrorgeschichte zu schreiben ist zu Hoffmanns Zeiten, zumindest in Deutschland, revolutionär. Die Psyche des Menschen wird gerade zu einem spannenden Forschungsthema. In der Romantik war es bis dahin angesagt, über schöne Dinge zu schreiben: über Liebe und die Natur zum Beispiel, oder die Liebe zur Natur oder Liebe in der Natur. Finstere Szenarios, verfluchte Häuser oder Menschen, die wahnsinnig werden, findet man eher nicht. Hoffmann nutzt diese Motive.
1798 zieht er zur Ausbildung nach Berlin. Sein Hauptberuf ist Jurist. Nachdem er einige Jahre in Posen gearbeitet hat, kehrt er 1807 nach Berlin zurück. Die politische Lage ist schwierig, von der Besetzung durch Napoleons Truppen und den Befreiungskriegen geprägt. Bald verlässt er Berlin erneut und zieht nach Bamberg. "Dass sein künstlerisches Leben vor allem in Berlin aufgeblüht ist, war aufgrund verschiedener Faktoren möglich", sagt Bienert. "Er fand dort Freunde, mit denen ein künstlerischer Austausch und gegenseitige Unterstützung möglich waren. So ist ein Brief von ihm erhalten, in dem er den Freund Adelbert von Chamisso bittet, Bücher aus der Königlichen Bibliothek für ihn zu besorgen." Ende 1808 ziehen die französischen Truppen aus Berlin ab. Jahre später, 1814, bietet sich Hoffmann die Möglichkeit, in Berlin wieder am Kammergericht zu arbeiten. Dort schreibt er oft Gutachten zugunsten politisch Verfolgter. "Er ist also nicht nur schriftstellerisch seiner Zeit voraus", schließt Bienert. "Bis heute ist er ein Vorbild für Juristen und Juristinnen."
Was für Hoffmanns Karriere ebenfalls wichtig ist: Es gibt das Königliche Schauspielhaus, für das er komponiert. 1816 gelingt ihm in Berlin der Durchbruch mit der Oper "Undine", die zu Ehren des Königs Friedrich Wilhelm III. im Schaupielhaus am Gendarmenmarkt uraufgeführt wird. Es ist ein prunkvolles Gebäude, von Säulen gestützt und mit Statuen verziert.
Weiter geht's, vorbei am Salon von Rahel Varnhagen in der Mauerstraße. Mit den Salons, in denen man sich trifft, um intelligente Diskussionskultur zu pflegen, kann Hoffmann eher weniger anfangen, wie Bienert ausführt. "Stattdessen gibt es satirisch geschilderte Szenen, wo Dichter ihre Werke gelangweilten Salonbesuchern vortragen." Neben seiner künstlerischen Tätigkeit widme Hoffmann sich am Abend dem Alkohol. Im Lokal Lutter & Wegner verkehre er so gerne, dass sein Porträt auf die Flaschen der gleichnamigen Sektmarke gedruckt wurde. Nicht selten habe man ihn angetrunken angetroffen. Aber möglicherweise hat das ja seine Kreativität angekurbelt? Schließlich haben heute etliche Rockstars mit Alkoholproblemen zu kämpfen - und sicher auch Autoren von Horror-Bestsellern.
Jedoch ist der Alkohol nicht der Grund für Hoffmanns frühen Tod. Über diesen erfährt man mehr an der Ecke Taubenstraße/Charlottenstraße. An diesem letzten Wohnsitz endet nicht nur sein Leben, sondern auch die Tour. Hier schrieb, oder besser diktierte, er seine letzten Texte. "Er diktiert, weil eine Erkrankung des Nervensystems langsam, aber sicher seinen ganzen Körper lähmt. Infolgedessen stirbt er schon im Alter von 46 Jahren", sagt Bienert.