Ein Notar bleibt immerdar

Auf Empfehlung seines Vaters wurde Walter Böhringer Notar.


Wenn man bei den meisten pensionierten Menschen zu Besuch ist, sitzen sie gemütlich mit einem Kaffee in der Hand am Esstisch, unterhalten sich über ihr Leben oder sitzen auf der Couch und schauen das ZDF. Diesen Ablauf höchstens zeitweise unterbrechend durch einen kurzen Spaziergang in der Natur. Nicht so aber, wenn man den ehemaligen Notar Walter Böhringer in Heidenheim besucht. Der 79-Jährige sitzt stattdessen hinter einem seiner Schreibtische und schreibt wieder an einem Buch mit oder bereitet sich für ein Seminar vor, für das er durch ganz Deutschland reisen darf. Wahrlich nicht der typische Alltag einer pensionierten Person.


Doch wie kam Notar Böhringer eigentlich auf die Idee, den Berufsweg des Notars einzuschlagen? Auf diese Frage antwortet er: "Zu meiner Zeit gab es noch keine öffentlichen Studien-Informationen. 'Boys und Girls Day' gab es noch nicht. Mein Vater hatte als Ingenieur für das Vermessungswesen großen Kontakt zu den Notariaten, kannte die Arbeit der Bezirksnotare und empfahl mir diesen Beruf. Ich vertraute ihm und wählte dieses Berufsziel." Über ein Merkblatt über die verschiedenen Tätigkeiten bei der Justiz wurde er endgültig überzeugt. In diesem Flyer stand, dass man nach Leuten sucht, die Freude an einer lebensnahen Tätigkeit und Sinn für vielfältige Aufgaben der Justiz innerhalb der Gemeinschaft haben. Dies fand der junge Walter Böhringer ansprechend und begann mit seinem Notarexamen. Nach seinem Examen hatte er nach eigener Aussage das Glück, dass zufällig eine Stelle als Notarvertreter in seinem Heimatort Heidenheim, einer mittelgroßen Stadt in Baden-Württemberg, offen war.


Während seiner Laufbahn wechselte er zwar oft seine Arbeitsstelle, doch alle Orte blieben im Landkreis Heidenheim. Dadurch konnte er die familiäre und soziale Umgebung aufrechterhalten. Nun könnte sich die Frage stellen, ob er seinen Beruf im Laufe des Lebens hätte wechseln wollen, da er bei seiner Berufsentscheidung ja sehr auf seinen Vater vertraut hatte. Auf diese Frage antwortet Böhringer mit einem klaren: "Nein. Ich habe ein gutes Notarexamen abgelegt. Es hat mich gefreut, mein theoretisches Wissen dann in die Praxis umzusetzen. Das funktionierte ganz gut, deshalb hatte ich niemals den Gedanken, den Beruf zu wechseln."


Was waren diese Ereignisse, bei denen er sein Wissen praktisch einbringen konnte? Als Beispiele nennt Böhringer als Erstes die Wiedervereinigung Deutschlands, bei der er seit Sommer 1990 in den neuen Bundesländern jahrelang als Praxishelfer und Ausbilder für

Richter, Notare und Grundbuch-Rechtspfleger im Rahmen der Partnerhilfe des Landes Baden-Württembergs für den Freistaat Sachsen eingesetzt wurde. Als weiteres Beispiel nennt er sein Mitwirken bei den Gesetzesvorschlägen zur Transformation des sowjetischen Bodenrechts in ein marktwirtschaftlich orientiertes Liegenschaftsrecht. Auch eine indische Regierungsdelegation durfte er im Auftrag des Auswärtigen Amtes zur Einführung eines Grundbuchsystems beraten, und in der Mongolei waren ebenso seine Erfahrungen bei der Einführung des Grundstücksrechts gefragt. Walter Böhringer ist also nicht nur ein Notar, der am heimischen Schreibtisch aktiv war, sondern er gab seine Erfahrungen an viele Menschen weiter. Er selbst betrachtet sein Wirken als Hilfe zur Selbsthilfe.


Bei so viel Arbeit fragt man sich, ob er dabei überhaupt noch Zeit für andere Dinge hat beziehungsweise hatte? Nach eigener Aussage anscheinend schon. Er engagiere sich seit über fünf Jahrzehnten im Ehrenamt und in verschiedenen gemeinnützigen Organisationen des Sports und der Lebensberatung. Für ihn sei es selbstverständlich, sich auch bürgerschaftlich einzubringen. Gleichzeitig bemängelt er aber, dass man heute immer weniger Zeit für andere habe. Außerdem habe sich das Anspruchsdenken der Menschen verändert. Die Übernahme eines solchen Ehrenamtes bedeute auch die Übernahme von Verantwortung, und wenn man einmal sein Ehrenamt abgeben wolle, finde man keinen Nachfolger, bemerkt er. Wahrscheinlich deshalb ist er heute noch Kurator bei der Sporthilfe für Jugendliche des Heidenheimer Sportbunds.


Wie schon erwähnt, ist Walter Böhringer nicht ein gewöhnlicher Pensionierter, sondern er arbeitet heute noch. Warum macht man diese Arbeiten dann überhaupt noch, obwohl man es nicht nötig hätte? Böhringer sagt: "Mein Beruf ist mir zum Hobby geworden. Meine Tätigkeit in der Wissenschaft und Lehre fasziniert mich immer noch. Als Honorarprofessor der Dualen Hochschule Baden-Württemberg gebe ich gerne noch mein Wissen an Menschen weiter. Außerdem schreibe ich zusammen mit anderen Kollegen Fachbücher, wo wir die Anwendung von Gesetzen kommentieren und dem Praktiker Anwendungshilfen geben. Profitabel sind die Buchhonorare allerdings nicht."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.08.2024, S. 26 - Maximilian Pfrommer, Rosenstein-Gymnasium, Heubach

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