Eine Rose ist keine Rose ist keine Rose

Päonienzeit in der Rheinhessischen Schweiz - ein Besuch beim Pfingstrosenzüchter Volker Emrich: Schaugarten und Plantage mit den meisten Sorten in ganz Europa. Ausgeliefert wird erst im Herbst.

Fährt man an Hof Iben in der Rheinhessischen Schweiz vorbei und lässt das Frauengefängnis hinter sich, so kommt man nach Wonsheim, ein 900-Seelen-Dorf, umgeben von Getreidefeldern und Weinreben. Nichts Besonderes also. Trotzdem endet hier für viele Menschen eine lange Anreise. Ihr Ziel ist ein Holzstuhl, von dem die Farbe abblättert. Auf diesem klapprigen Möbelstück warten Pfingstrosen auf ihre größten Fans, die die längsten Reisen auf sich nehmen. Sie kommen aus München, Frankreich, Amerika und sogar aus Neuseeland.


Auf dem alten Stuhl steht ein schwarzer Bottich voller Pfingstrosen, die Volker Emrich im Morgengrauen geerntet und zu opulenten Sträußen gebunden hat. Die leuchtenden Blumenkelche dienen aber nur als Köder, um die Besucher in den Päonienweg zu locken. Der schmale Pfad führt in seinen Schaugarten, der eine überwältigende Auswahl verschiedenster Pfingstrosen beherbergt. Der Garten lockt Menschen an, die sich ganz dieser Blume verschrieben haben. Sie sind, genau wie Volker Emrich, der großen magenta-, kirsch- oder purpurfarbenen Explosion verfallen und kommen, um seine neuesten Züchtungen in voller Blütenpracht live zu erleben. Die Pfingstrosenfreunde flanieren mit verschränkten Händen hinter dem Rücken durch die Rabatten und lassen sich von der fulminanten Blütenwelle, die jeden Moment über ihnen zusammenschlagen könnte, mitreißen. Akribisch inspizieren sie jede einzelne Blütenzeile des Pfingstrosengartens. Sie staunen, sie entziffern ausgeblichene Namensschildchen und kreuzen ihre Auserwählten auf dem Bestellzettel an, den ihnen Emrich vor der Expedition in sein seidenzartes Blütenmeer in die Hand gedrückt hat. Trotzdem ist es ein kleines Wunder, dass Volker Emrich überhaupt zu den Blumen gefunden hat: "Für Blumen habe ich mich schon immer interessiert. Mein Traum war es auch irgendwann mal, mit ihnen zu arbeiten, aber zuerst schloss ich eine Ausbildung zum Winzermeister ab." Und dann zog die Pfingstrose an ihm vorbei und änderte alles. Schnell krempelte sie sein Leben um und verschob seinen Fokus weg von den Trauben und hin zu den Blüten. Eine Zeit mit vielen Investitionen und Reisen folgte. Unter anderem nach Neuseeland.


Dort, bei einem der wenigen anderen Pfingstrosenanbauern, tätigte er den ersten und einzigen Einkauf in Großformat, der ihm dabei helfen sollte, sein Imperium aufzubauen. "Ein Glücksfall, wie sich später herausstellte. Leider verstarb mein Kollege aus Neuseeland kurz darauf", erinnert sich Emrich. Um sich aber überhaupt um dieses neu erworbene Blütenmeer richtig kümmern zu können oder gar seine Schutzbefohlenen vermehren oder sogar veredeln zu können, benötigte es botanisches Fachwissen. Das meiste Know-how eignete sich Emrich autodidaktisch an, las Bücher und besuchte zusätzlich in den Wintermonaten den Botanischen Garten und das Botanische Museum der Freien Universität Berlin. All dies geschah in den 80er- und frühen 90er-Jahren. Parallel wandte er sein Wissen auch an. 2005 war es dann so weit: Emrich hatte seinen Bestand so weit

ausgebaut, dass er endlich auch die ersten Pflanzen verkaufen konnte. Dies geschah aber nicht so wie jetzt, in einem Schaugarten, sondern online. Und nun veredelt und kreuzt er mit Leidenschaft und Präzision und präsentiert seine neusten Kreationen in seiner großen Schauanlage. Gleichzeitig besitzt er jetzt eine Pfingstrosenplantage mit den meisten Sorten in ganz Europa. Dies lockt auch das Fernsehen an, das sich dafür interessiert, was in so einem kleinen Dorf wie Wonsheim vor sich geht. Ganze achtmal war der Pfingstrosenkönig nun schon "live". "Das führt auch dazu, dass die meisten Kunden eher von auswärts kommen", beschreibt Emrich die Auswirkungen der medialen Präsenz.


Diese Auswärtigen sind bei ihm gut aufgehoben. Mit Engelsgeduld geht er auf deren Anliegen ein und beantwortet alle Fragen, seien sie noch so banal oder komplex. Während der Blütezeit im Frühsommer kreuzen die Kunden ihre Wünsche an, aber liefern wird ihnen Emrich die heiß ersehnte Ware erst im Herbst. Das ist die beste Zeit für den Umzug von seiner Plantage in einen anderen Garten, weil sich die Pflanze dann in der Regenerationsphase befindet.


Wenn man zwischen "Leda" und "Fairview" oder "Sakurajishi" steht, fällt man in das berühmte Kaninchenloch aus "Alice in Wonderland" und landet in den honiggelb leuchtenden Pollenkränzen der bizarrsten Blütenformationen. Dann möchte man selbst 650 Euro für eine "Paeonia rockii Original" lockermachen, um sich daheim an ihrer Vollkommenheit zu erfreuen. Die Suche nach der perfekten Blüte treibt die Kunden an, ganze Vormittage lang durch seine Blütenschneisen zu schlendern und ganze Nachmittage auf Rindenmulch zu stehen, zu knien und sich zwischen hohen Gräsern und summenden Bienen in die ausgefallensten Schöpfungen zu verlieben.


Bei aller Perfektion bleibt nur der Name missverständlich. "Die Pfingstrose ist", wie Emrich mantramäßig ausführt, "eigentlich gar keine Rose, und sie blüht auch nicht an Pfingsten, jedenfalls nicht mehr, seitdem der Klimawandel den Vegetationsbeginn immer weiter nach vorn geschoben hat." Deshalb etabliert sich in Kennerkreisen langsam der botanische Name dieser Gattung: Päonie.


Dass ausgerechnet eine Blume, die so zart und empfindlich wirkt, so gut wie keine Pflege benötigt, ist ein weiterer Pluspunkt für ihre Attraktivität. Sie ist ein pflegeleichtes Blütenwunder, braucht wenig Wasser und sollte so wenig wie möglich geschnitten werden, damit sich die Triebe für eine bessere Stabilität besser untereinander verästeln. "Aber man sollte sich über den Standort Gedanken machen, denn das Ambiente ist entscheidend für das Wohlergehen der Päonien. Sie sind echte Sonnenanbeter", sagt Emrich. Aus dem Wonsheimer Päonien-Portfolio stellen sich die Kunden ihre Traumkomposition zusammen. Sie stimmen bei ihrer Auswahl verschiedene Blütezeiten aufeinander ab, wählen unterschiedliche Laubformen und kombinieren Farben, die in ihrem eigenen Garten zu einem visuellen Gesamtkunstwerk heranwachsen. "Dabei ist es das Ziel der Päonie, mit ihrer Blüte Insekten anzulocken, auf die sie angewiesen ist. Darauf verwendet sie ihre gesamte Energie", meint Emrich. Was er von Mai bis Juni in Wonsheim präsentiert, ist mehr

als ein Garten. Es ist eine prachtvolle Parade der seltensten Päoniensorten und gleichzeitig ein Abenteuer der Extraklasse, gespeist aus blühender Dramatik und Spannung.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.09.2024, S. 26 - Viktoria Lange, Lina-Hilger-Gymnasium, Bad Kreuznach

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