Eine harmonische Ehe

Das Jodeln hat den 80 Jahre alten Fritz Kamm und seine Frau ein Leben lang glücklich gemacht - auch und gerade in schwierigen Zeiten

Die Atmosphäre ist einladend. Von den hellblauen Wänden hallen die Stimmen wider. Mitten im Raum stehen die Mitglieder des Jodelchors Heimet im Halbkreis. Jeden Dienstag treffen sich die 21 Frauen und Männer im Singsaal des Schulhauses Breite in Hinwil, einem Dorf im Zürcher Oberland, um gemeinsam zu singen. Ein Mitglied ist Fritz Kamm. Der ruhig wirkende 80-Jährige trägt ein kariertes Hemd und Jeans. Kamm ist seit 1997 dabei: "Ich singe gerne, genieße die gute Kameradschaft und die schönen Lieder." Auch zuvor haben er und seine Familie Musik gemacht. Es gibt aber noch einen anderen Grund, der ihn zum Beitritt bewogen hat. "Im Jahr 1995 starb meine jüngste Tochter, und ich bin in ein Loch gefallen. Es hat mir etwas gefehlt. Ein Jahr später bin ich dem Jodelklub beigetreten."


Zu Beginn der Chorprobe singen sich alle ein. Der Dirigent hält eine bestimmte Anzahl Finger nach oben. Alle wissen, welchen Ton sie dann zu singen haben. Harmonische Töne schweben durch den Raum. Die meisten Lieder kennen die Sänger auswendig, nur bei neueren Stücken werden Notenblätter zur Hilfe genommen. Wenn es Schwierigkeiten gibt, den gemeinsamen Ton zu treffen, nimmt der Dirigent eine kleine Mundharmonika zur Hand, damit sie ihren Klang besser finden und sich darauf abstimmen können. Auch der Flügel im hinteren Teil des Raums, auf dem eine große gelbe Ricola-Dose steht, wird ab und zu zur Hilfe genommen.


Fritz Kamm steht, von seinen Kameraden umringt, auf der rechten Seite des Halbkreises, auf dem Platz des zweiten Tenors. Die Aufstellung ist immer dieselbe, auch bei den Auftritten, denn sie ist nach den Stimmen geordnet. Die Stimme, in der Kamm singt, teilt er mit einem weiteren Mann und einer Frau. Es gibt noch den Tenor eins, die Bassstimmen und natürlich drei bis vier Jodlerinnen. "Mit unseren Liedern bereiten wir vielen Leuten eine Freude. Denen, die uns zuhören, und uns selbst natürlich auch", findet er. "Meine Frau sowie meine Enkeltochter, die auch seit zwei Jahren jodelt, kommen an praktisch alle meine Auftritte." Seine Enkelin ist 30 Jahre alt und hat als Leadsängerin in einer Band mit dem Singen begonnen. Nun singt sie den zweiten Jodel. Schon früher zeigte sich die Leidenschaft zur Musik mit der ganzen Familie. Mit seiner Frau und den vier Kindern hatte Kamm eine Musikgruppe, "Die Bachtelspatzen von Hinwil". Sie traten schweizweit auf und hatten im besten Jahr 50 Auftritte. "Der älteste Sohn spielte Trompete und Alphorn. Er hat ein sehr gutes Gedächtnis und spielte immer auswendig." Beim Gedanken an ihn lächelt Kamm. Dann richtet er sich etwas auf. "Als unsere jüngste Tochter an einer Krankheit starb, hat unsere Familienmusik nicht mehr funktioniert, die anderen Kinder wollten keine Musik mehr machen. Meine Frau und ich haben uns aufgerappelt und als Duett weiter Musik gemacht. Ich spielte Kontrabass, meine Frau Schwyzerörgeli." Das ist eine Handorgel. Auf seiner Visitenkarte ist Kamm mit seiner Frau zu sehen, den Kontrabass in der Hand und ein Lächeln auf dem Gesicht. Das Paar ist 58 Jahre verheiratet. "Leben und leben lassen. Sehen, dass man es in der Familie recht hat, und wie es in einem unserer Jodellieder heißt: Wegen ein paar Silberhärchen sind wir noch lange nicht alt, wir singen noch ein paar Jährchen, wenn es unserem Herrgott gefällt."


Die Chorprobe ist in vollem Gang, die Begeisterung der Mitglieder spürbar. Ab und zu wird ein Witz eingeworfen. Auf den Namen "Heimet" einigte man sich schnell, denn: "Alle fühlten sich einfach heimatverbunden", sagt Kamm. Ein mehrstimmiges "Jolooooo" schallt durch den Raum. "Bei schönen Liedern bekomme ich manchmal Gänsehaut. Der vorherige Dirigent sagte immer: 'Wenn es ein bisschen kribbelt, habt ihr gut gesungen.' Etwas Gefühl muss man reinbringen." Die Anzahl der Mitglieder läge normalerweise immer etwa bei 20 Personen. "Knapp die Hälfte ist aus Hinwil, die anderen sind aus Ober-Dürnten, Wald und aus sonstigen Nachbardörfern." Kamm wohnt in Hinwil. Er war früher Landwirt auf seinem Hof. Später wurde er der Sigrist in der Dorfkirche. Am besten gefiel ihm die Arbeit mit den Leuten, und die riesige Glocke faszinierte ihn. "Letztes Jahr an der Generalversammlung wurde ich zum Ehrenmitglied befördert und habe eine Treichel geschenkt bekommen." Also eine kleinere Kuhglocke. Auf die Frage, was sein Lieblingstier auf dem Hof sei, antwortet er nach einer kurzen Pause bestimmt: "Kuh. Sie ist vielseitig, frisst Gras und gibt Hausnahrungsmittel." Seine liebste Freizeitbeschäftigung war die Waldarbeit. Als ihn vor zehn Jahren der Krebs erreichte, durfte er nicht mehr im Wald arbeiten und wurde Hobbyschreiner. "Der Krebs als solcher wäre nicht sehr gefährlich gewesen, er hat mir aber den Kalk aus den Knochen gefressen. Nun habe ich einen perforierten Lendenwirbel. Der Arzt sagte, ich dürfe nicht mehr im Wald arbeiten gehen und keinen Traktor mehr fahren." Zum Glück hat er die Krankheit gut überstanden. "Soweit ist meine Lage stabil. Es ist natürlich mein Stolz, dass ich wieder singen kann."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.12.2024, S. 26 - Lilianne Schleiniger, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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