Ein Bauer wandert vor 30 Jahren aus der engen Schweiz ins weite Kanada aus, um dort sein Glück zu suchen.
Ich habe schon fast vergessen, wie schön die Schweiz ist.“ Steff Kunz schmunzelt. „ich habe gar nicht gemerkt, dass ich so lange weg war.“ Nun ist er zurück, für zwei Wochen, zu Be such. Er sitzt i m Lesesessel, wirkt eher klein, aber kräftig, seine Gesichtskonturen sind deutlich gezeichnet. Er trägt ein grünes T-Shirt, Jeans und einen Gürtel mit Kuhmotiven. Vor 30 Jahren ließ Kunz die Schweiz hinter sich. Im Alter von 26 Jahren war er bereit für ein Abenteuer im fremden Kanada. Heute besitzt er einen landwirtschaftlichen Betrieb in Saint-Eugène, Ontario, der aus vier Farmen, 168 Hektar Land und über 100 Milchkühen besteht. in der Schweiz wäre das niemals möglich gewesen. „Auf dem Hof meines Vaters fehlte der Platz.“ Noch nach dem Abschluss seiner landwirtschaftlichen Lehre war sich Kunz sicher, dass er später den Hof zusammen mit seinem Vater führen würde. Der Hof, am Rande des Zürcher Dorfes Hinwil gelegen. Alles klein und überschaubar. Mit der Zeit wurde beiden jedoch klar: Es gibt nicht genügend Platz für Vater und Sohn. Der Hof steht in einer urbanen Gegend, wo die Landwirtschaft immer mehr verdrängt wird. Dort, wo vor 40 Jahren direkt hinter dem Hof der Staat die Bundesautobahn 15 gebaut hatte, die seither mit leisem Rauschen die idylle des Ortes trübt. „Als ich dann auf einer Reise nach Kanada kam, sah ich die vielen Möglichkeiten.“ im Kanada der 1990er-Jahre waren die Preise für ein Hektar Land um ein Vielfaches niedriger als in der Schweiz. „Natürlich habe ich ausführlich übers Auswandern nachgedacht. Auch weil meine damalige Freundin nicht so weit wegwollte.“ Deshalb schauten sich die beiden Farmen in Frankreich an. „Aber die Höfe dort sahen alle sehr trostlos aus.“ Es kommt zum Bruch zwischen dem Paar. Kunz reist ein erstes Mal als Praktikant nach Kanada, um Einblicke in das Arbeitsleben zu bekommen und um Englisch zu lernen. „Mein Traum ist es immer gewesen, ,z’buure‘, einen Landwirtschaftsbetrieb zu führen.“ Kanada ist für Europäer seit jeher ein beliebtes Ziel fürs Auswandern. Kunz hatte Angst, dass er kein Visum bekommt. „Ich war in Bern zu einem Gespräch, und als ich ging, hatte ich gemischte Gefühle.“ Trotzdem erhielt er das Visum. Weshalb ihn Ottawa damals ins Land gelassen hatte, versteht er bis heute nicht. „Ich kenne jedoch andere, die Ähnliches erlebt haben.“ Mit dem angesparten Geld von seinem Lohn und dem Startkapital, das er von seiner Familie geschenkt bekam, kaufte er 1994 in Ontario für mehr als eine halbe Million kanadische Dollar seine erste Farm. Achtzig Hektar groß, das sind etwas mehr als hundert Fußballfelder. Nicht sonderlich viel für kanadische Verhältnisse. Aber es war ein Anfang. Um mehr Umsatz zu erzielen, pachtete Kunz zusätzliches Land. „Der Pachtvertrag war ein Handschlag. Es gab kein Papier, kein Büro. Ich pachtete das Land 30 Jahre lang nur durch einen alljährlich wiederholenden Handschlag.“ 2018 kaufte Kunz das Land. Immer wieder halfen Praktikanten aus der Schweiz aus. So wie er es selbst einmal getan hatte. Auch Arbeiter aus Mittelamerika kommen auf seinen Hof, um gutes Geld für ihre Familien zu verdienen. Und doch hätte es der sehr selbstsicher auftretende Kunz nicht allein geschafft. Immer wieder war er auf seine kanadische Frau Linda und andere angewiesen. „Im Gegensatz zu dem, was viele Menschen denken, lebe ich nicht fernab der Zivilisation. Die nächste Ortschaft ist vielleicht sechs Kilometer entfernt“, merkt er mit einem Schmunzeln an. Überlebenskampf in der rauen Wildnis: Fehlanzeige. „Inzwischen sind auch hier die Preise hoch. Hauptsächlich wegen der vielen europäischen Einwanderer.“ Der Traum weicht dem, was damals in der Schweiz bereits Realität war. Kleinere Höfe werden von größeren übernommen, der Landwirtschaft fehlt der Nachwuchs. Dennoch kann sich Kunz kein anderes Leben vorstellen: „Ich wollte mein eigener Chef sein. In der Schweiz war das nicht möglich. In der Schweiz war ich immer scheu, in Kanada nicht mehr.“ Nachdenklich sagt er: „Die größte Belastung war für mich nie die Distanz. Es war der finanzielle Druck.“