Er fiel den Slowenen in die Hand

Mit dem Handball und seinen Spielern hat sich das Städtchen Celje einen internationalen Ruf erworben.

 

Genau 53.586 Menschen erlebten im Januar in Düsseldorf das Eröffnungsspiel der Handball-EM zwischen Deutschland und der Schweiz. Weltrekord. "Ich glaube, jeder hätte dort gerne mitgespielt", meint Tilen Kodrin. Der 1,92 Meter große, 88 Kilogramm schwere Linksaußen der slowenischen Handballnationalmannschaft gewann bei der WM 2017 mit seinem Team Bronze. Über die EM 2024 in Deutschland sagt er: "Die Atmosphäre bei jedem Spiel war großartig. Wir haben selbst einige großartige Spiele gespielt." Slowenien belegte den sechsten Platz. Geboren wurde Kodrin 1994 in Celje. "Für Slowenien ist Celje eine große, sogar die drittgrößte Stadt", erklärt Matija Kovac. "Wir sind eine 15-Minuten-Stadt, weil alles sehr nahe liegt. 50.000 Menschen leben hier." Der 34-jährige Architekt ist seit Dezember 2022 Bürgermeister von Celje. Mit seiner Partnerin und ihrer kleinen Tochter lebt er in der Altstadt. Celje hatte schon in der Römerzeit eine große Bedeutung. Verkehrstechnisch günstig auf halbem Weg zwischen Wien und Venedig gelegen, wurde es lange durch die Familie der Grafen von Cilli geprägt. Kovac ist stolz darauf, dass die Stadt "heute familienfreundlich und zukunftsorientiert ist. Celje hat großes wirtschaftliches Potential, ist aber auch ein Tor zur Natur. Gerade arbeiten wir an einem Projekt, hier eine grüne Stadt zu entwickeln."

 

Die Stadt Celje lebt und atmet Handball. Das Team Pivovarna Lasko Celje prägt diesen Sport seit Jahrzehnten in Slowenien. Natürlich kommen auch aus anderen Landesteilen hervorragende Handballer. Aber es gibt kaum einen slowenischen Nationalspieler, der nicht in Celje geboren wurde oder nicht wenigstens zeitweise dort gespielt hat. Das hat mit einer langen Tradition schon seit jugoslawischen Zeiten, aber auch mit der Jugendarbeit zu tun. Kovac ist selbst kein Handballer, aber er hat als Junge schon mitgefiebert, als die Profis aus Celje 2004 die Handball-Champions-League gewannen. Im selben Jahr wurde die Handball-EM in Slowenien ausgerichtet. Die damals in Celje gebaute Zlatorog Arena für 5191 Zuschauer gilt aufgrund ihrer Architektur und der besonderen Atmosphäre vielen als eine Art Handballtempel.

 

Die Stadt fördert auch andere Sportarten. "Aber das Profiteam der Männer ist unser Aushängeschild", meint Kovac. "Und unsere Handball-Akademie, aus der viele Spieler kamen und kommen, die zu den besten und bekanntesten in Europa und der Welt gehören." Die EM-Teilnehmer Blaz Blagotinsek, Klemen Ferlin, Kristjan Horzen, Domen Novak und Miljan Vujovic spielen in der deutschen Bundesliga, "in der stärksten Liga der Welt", meint Kodrin. "Vor zwei Jahren bin ich nach acht Jahren Profi in Celje nach Gummersbach gewechselt, weil ich diese Handballerfahrung machen wollte, mich in jedem Spiel mit starken Spielern aus der ganzen Welt zu messen." Zwar sei es anfangs mit dem nassen Wetter und dem Essen etwas schwierig gewesen, aber "Gummersbach hat eine lange europäische Handballtradition. Die Fans haben mich sehr freundschaftlich aufgenommen. Gummersbach ist auch eine Handballstadt und etwa so groß wie Celje. Das Leben dort ist für mich, meine Freundin und unseren Hund nahezu perfekt."

 

Kodrin war einer Anfrage des isländischen Trainers Guðjón Valur Sigurðsson gefolgt, "von dem ich auf und neben dem Spielfeld sehr viel lernen kann". Das gilt ähnlich auch für Urban Lesjak. Der 33-jährige Handballtorwart wurde ebenfalls in Celje geboren und spielte acht Jahre für das Celjer Profiteam. "Aber dann habe ich mit 28 Jahren wegen des berühmten spanischen Trainers Carlos Ortega entschieden, für Hannover-Burgdorf zu spielen." Auch Lesjak suchte die Herausforderung, "in jedem Bundesligaspiel überrascht zu werden, weil die Teams alle so stark sind, dass fast jeder jeden schlagen kann. Man muss immer alles geben, steht immer im Rampenlicht." Schwierig sei es für ihn nach dem Wechsel aus Celje gewesen, viermal nacheinander verloren zu haben. "Aber daraus habe ich gelernt, Niederlagen zu akzeptieren und daraus für das Leben etwas mitzunehmen." Auch Lesjak gewann bei der WM 2017 Bronze und war ebenfalls bei der EM 2024 dabei. Im Spiel gegen Norwegen wurde er zum "Player of the Match" gewählt. "Wir kommen zwar aus einem kleinen Land", sagt Lesjak, "aber wir haben so viele hervorragende Spieler und so großen Teamgeist, dass wir als Mannschaft an guten Tagen jedes andere Team schlagen können."

 

Lesjak ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Mittlerweile spielt er für RK Eurofarm Pelister in Nordmazedonien. Der 1,87 Meter große und 95 Kilogramm schwere Athlet wollte unbedingt weiter international spielen, Hannover-Burgdorf hatte damals seine sportlichen Ziele aber zurückgeschraubt. Auch sprachlich ist der ständige Ortswechsel für ihn und die Familie kein Problem. "Wir haben in Hannover im Alltag schnell Deutsch gelernt. Und für kleine Kinder ist es sowieso kein Problem, Sprachen zu lernen und Kontakte zu knüpfen." Für Lesjak gehört die Freundschaft zum deutschen Nationalspieler Timo Kastening zu den intensivsten: "Wir telefonieren heute noch fast jede Woche." Kodrin ergänzt: "Mein Gummersbacher Kapitän Julian Köster ist auch ein guter Freund. Es ist phantastisch, so viele internationale Spieler, ihre Sprachen und Kulturen kennenzulernen." Kodrin und Lesjak sind sich noch nicht sicher, was sie nach der internationalen Karriere machen werden. Sie sehen aber eine gute Zukunft für den Handball in Celje. "Die Handballakademie arbeitet hervorragend und bietet Jugendlichen attraktive Möglichkeiten", sagt der Bürgermeister. In Celje werden manche vielleicht sogar schon als Handballer geboren. Mai Marguc zum Beispiel. Der 18-jährige Schüler ist 1,89 Meter groß, 84 Kilogramm schwer und besucht das Gymnasium Celje-Center mit der Fachrichtung "Erzieher in der Vorschule". Marguc gilt als beliebter, sehr guter Schüler, obwohl er viel Unterricht verpasst und diszipliniert viel nachholen muss, weil er bereits für den Celjer Profiklub in der Champions League spielt. Schon sein Großvater war Torwart, auch die beiden älteren Brüder sind Handballer. Der älteste, Gasper Marguc, spielt seit Jahren in der slowenischen Nationalmannschaft und für den ungarischen Spitzenklub KC Veszprém. "Gegen Gasper und sein Veszprémer Team habe ich schon gespielt. Er hat mir vor dem Spiel noch Tipps gegeben. Wir haben dann mit Celje zwar verloren, aber ich habe fünf Tore geworfen", sagt der jüngste der Marguc-Brüder stolz. Er will Profi werden.

 

Sein Vorbild ist der dänische Superstar Mathias Gidsel, der für die Füchse Berlin spielt. Für Marguc steht das Team im Vordergrund. "Als Handballer bist du nur so gut wie der schlechteste Spieler im Team. Deshalb muss jeder auf jeden aufpassen." Als Kapitän der slowenischen Jugendnationalmannschaft war Marguc beim Olympischen Jugendfestival in Maribor 2023 bester Torschütze des Turniers und holte mit seinem Team die Silbermedaille. Bei der U-20-Handball-EM im Juli in Celje wird er als jüngster Spieler im slowenischen Team dabei sein.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.06.2024, Nr. 132, S. 26 - Nika Rezman, Larisa Spur, Matic Krasovec. Discimus Lab, Videm pri Ptuju

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