Er nimmt die Beine in die Hand

Auch wenn ich mal nicht gewinne, ist es kein Weltuntergang. Ich kann immer in einer Niederlage auch etwas Positives sehen, daraus lernen und mich verbessern." Im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, einer international anerkannten Spezialklinik für Querschnittgelähmte in der Schweiz, hat der Weltklasseathlet Marcel Hug gerade sein tägliches Training absolviert.


Hug ist 38 Jahre alt, sportlich gekleidet, schlank, hat kantige Gesichtszüge, einen

muskulösen Oberkörper, kurze braune Haare und ein sympathisches Lächeln. Er ist in Pfyn in der Nähe von Frauenfeld geboren und im Kanton Thurgau aufgewachsen. Hug wurde mit einem offenen Rücken, Spina bifida, geboren und ist seit seiner Geburt auf den Rollstuhl angewiesen. Heute wohnt er in Nottwil. Er ist unverheiratet und hat keine Kinder. Seine Ausbildung hat er als Kaufmann abgeschlossen, doch ist er heute nur noch im Profisport tätig. Schon als Kind ging Hug in den Rollstuhlklub, wie andere Kinder ins Fußballtraining. Dort hat er viele Sportarten ausprobiert, die ihm alle viel Spaß gemacht haben. Eines Tages brachte seine Sportleiterin einen alten Rennrollstuhl mit, den er sofort testen musste. "Mir gefiel das schnelle Fahren unglaublich gut, und ich wollte diese Sportart auf jeden Fall weiterbetreiben." Als Kind konnte er sich nicht vorstellen, einmal so erfolgreich zu werden. "Ich habe immer davon geträumt, eine Goldmedaille zu gewinnen, aber so viele Erfolge mit Weltrekorden und paralympischen Goldmedaillen waren für mich unvorstellbar. Meine physischen Einschränkungen habe ich nie wirklich als Nachteil agesehen. Natürlich konnte ich nur mit Stöcken gehen, doch trotzdem machte ich bei fast allen Sportarten mit." Es gibt heute viele Möglichkeiten, als Rollstuhlfahrer an Sportanlässen teilzunehmen. Hug hat viele Erfolge erkämpft. Bei den Weltmeisterschaften gewann er 13 Goldmedaillen, davon drei 2023 in Paris, und er siegte in den Marathons von Berlin, London, Boston, Chicago, New York und Tokio. Auf allen Kontinenten konnte er bereits Rennen fahren, sodass er beinahe den Überblick verloren hat.


"Meine wesentlichsten Erfolgsfaktoren, um zu gewinnen, sind neben den körperlichen Voraussetzungen wie den langen und starken Armen für eine optimale Kraftübertragung auf die Räder meine gute sportliche Konstitution und vor allem die große Unterstützung meiner Familie und meines persönlichen Umfelds." Selbstverständlich würden auch Disziplin und viel Training dazugehören. "Die Freude am Sport, die schon von klein auf da war, ist aber der eigentliche Schlüssel zum Erfolg."


Sein allererstes Rennen hatte er mit zehn Jahren. Er machte bei einem Marathon am Sempachersee mit, in der Schülerkategorie. Vier Kilometer musste er mit dem Rennrollstuhl fahren. "Es war sehr eindrücklich, an einem so großen Event teilzunehmen, an dem auch viele Profisportler teilnahmen. Alles war von der Polizei abgesperrt. Bei dem Straßenrennen hatte ich einen Zusammenstoß mit einem anderen Athleten und bin gestürzt. Der Pneu wurde abgerissen. Doch trotz dieses Unfalls konnte ich mich wieder aufsetzen, weiterfahren und noch gewinnen. Für mich war das ein unbeschreibliches Erfolgsgefühl."


Sechs Weltrekorde hat er aufgestellt: über 800, 1500, 5000 und 10.000 Meter sowie im Halbmarathon und Marathon. "Wie viele Male ich meine Weltrekorde schon selbst gebrochen habe, kann ich nicht sagen", meint er lachend. Seine Lieblingsdisziplin ist das Langstreckenrennen, vor allem der Marathon. Kurze Strecken fährt er nur selten. 2004 in Athen war sein erstes Rennen bei den Paralympics. Bei den Paralympics konnte er bis jetzt zwei Bronze-, vier Silber- und sechs Goldmedaillen gewinnen. "Es ist auch etwas Emotionales, weil man viel investiert und trainiert hat. Mir ist aber bewusst, dass die Erfolge und die Medaillen nicht das Wichtigste im Leben sind und dass man nicht alles im Leben

selbst bestimmen kann. Die Familie, die Freunde und die Gesundheit stehen eindeutig an erster Stelle."


Inzwischen besteht ein gewisser externer Erwartungsdruck, doch der größte Druck kommt von ihm selbst. Hug ist stets im Austausch mit dem Trainer und Vertrauten, um diesen Erwartungen gerecht zu werden. "Das Wichtigste ist, einen Misserfolg erst mal akzeptieren zu können. Man sollte schauen, woran es liegt, und dann versuchen, daraus zu lernen, um sich zu verbessern, damit man das nächste Mal umso glücklicher bei einem Erfolg ist." Niederlagen findet er nicht schlimm, da er sich erst dann bewusst wird, was ihm sein Sieg bedeutet. Seine größte Niederlage erlebte er bei den Paralympics in Peking 2008. Er stürzte zweimal und musste ohne Medaillen nach Hause.


"Sobald ich meinen silbernen Helm aufsetze, weiß ich, jetzt wird's ernst." So kam er zu seinem Spitznamen "Swiss Silver Bullet". Er bekam den Helm 2001 von seinem Trainer zu Weihnachten geschenkt. "Ich liebe das Gefühl, wenn ich mit dem Rennrollstuhl fahren kann. Diese Freiheit, das Gleiten, diese Dynamik auch im Wettkampf, die taktischen Komponenten, die Geschwindigkeit, es gibt so viele Sachen, die mir Freude machen." Er bestreitet damit seinen Lebensunterhalt. Verschiedene Sponsoren und Verbände unterstützen ihn. Dadurch kann er viel reisen. Wie andere Athleten hat er mit Herausforderungen zu kämpfen. "Die größte Herausforderung bin jedoch ich, denn ich will mich kontinuierlich verbessern. Neue Konkurrenten, schlechte Wettkampfbedingungen und die mentale Stärke sind weitere Herausforderungen, die ich gern annehme."


Einer der spektakulärsten Wettkämpfe für ihn ist der New-York-Marathon, den er sechsmal gewann. Das hat kein anderer Athlet geschafft. In der Regel muss er ein paar Tage vorher anreisen und hat etwas Zeit, die Stadt zu erkunden. "Für die Zeitumstellung der inneren Uhr und die Akklimatisierung brauche ich meine Zeit. Ich finde diesen Marathon einen der anspruchsvollsten, allein schon wegen der vielen Steigungen. Bereits am Anfang muss man eine große Steigung über eineinhalb Kilometer überwinden. Doch ich finde die Atmosphäre einfach immer sympathisch und einzigartig. Natürlich ist die Stadt für sich allein schon faszinierend."


Für so viel Erfolg braucht man sehr gute Trainingsvoraussetzungen. Diese bieten ihm das Paraplegiker-Zentrum mit der spezifischen Sportmedizin. Eine gute Infrastruktur und ein gutes persönliches Umfeld, zu dem sein Trainer, seine Sportpsychologin und sein Masseur gehören, sind weitere Bausteine.


Was die Zukunft noch bringen wird, weiß Hug nicht. Seine persönlichen Ziele sind, an den Paralympics in Paris teilzunehmen und den einen oder anderen Weltrekord zu brechen. Er will ein Vorbild für die jüngere Generation sein. Mit internationalen Trainings versucht er Neueinsteiger zu Höchstleistungen zu motivieren. "Das Wichtigste ist, dass man Freude hat an dem, was man macht. Man sollte sich auch Unterstützung holen und dann einfach versuchen, das Beste daraus zu machen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.08.2024, S. 26 - Caroline Seibold, Kantonsschule Trogen

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