Für den 17 Jahre alten Vinicius ging es aus Schwaben in die USA
Vinicius Choqueta, kurz Vini, ist Anfang des Jahres mit zwei jüngeren Geschwistern und seinen Eltern aus dem ländlichen Remstal bei Stuttgart in die USA gezogen, genauer nach Mechanicsburg. Sein Vater bekam dort ein attraktives Jobangebot. Mechanicsburg ist eine typisch amerikanische Kleinstadt mit 9600 Einwohnern im Süden von Pennsylvania. Mit dem Auto sind es gerade mal drei Stunden nach New York City. Als bisheriger Realschüler erwartete ihn auf der Cumberland Valley Highschool (CVHS) mit ihren mehr als 3000 Schülern ein völlig anderes Schulsystem. 6550 Kilometer und sechs Stunden Zeitverschiebung liegen zwischen Vini und Deutschland, während man sich mit ihm über Snapchat unterhält. Sofort fällt seine veränderte Redeweise auf, man hört bereits einen amerikanischen Akzent, wenn der Siebzehnjährige spricht. "Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser." Der Übergang von der deutschen zur amerikanischen Schule erschien ihm wie der Eintritt in eine ganz neue Welt. "Wir werden hier nach Leistung in jedem Fach in verschiedene Klassen eingeteilt, also ganz anders als in Deutschland. Anstatt eines abwechslungsreichen Stundenplans haben wir jeden Tag zu derselben Zeit denselben Kurs. Der Stundenplan bleibt das ganze Jahr über gleich, und es gibt für jeden Kurs eine neue Klasse mit neuen Mitschülern. Dadurch lernte ich innerhalb meiner ersten Schulwoche mindestens hundert neue Menschen kennen. Doch bis man seine Klassenkameraden richtig kennt, dauert es eine Weile. Mit manchen habe ich nur einen Kurs zusammen, mit anderen ganz viele."
Besonders vom Schulsport ist er begeistert. "Sport hat in den USA eine viel größere Bedeutung als an deutschen Schulen. Hier gibt es eine Vielzahl von Sportarten und Sportveranstaltungen, von Lacrosse über Cricket bis hin zu Baseball und Hockey. Von manchen hatte ich davor noch nie gehört." Tägliches Training und Wettkämpfe zwischen Schülern und Schulen stehen im Mittelpunkt des Schullebens. Viele streben nach Sportstipendien für das College, da diese für manche Familien sonst unbezahlbar sind. "Jeder, der in ein Schulteam möchte, muss zuerst ein Auswahlverfahren bestehen. Am Anfang eines jeden Schuljahres gibt es für jede Sportmannschaft sogenannte Tryouts.
Dabei messen sich alle Schüler. Nur die Besten schaffen es ins Team. Für die anderen gibt es aber auch noch viele andere Möglichkeiten, sich sportlich zu engagieren."
Vini kam erst nach den Tryouts an seine neue Schule, worüber er sich ziemlich ärgerte, denn nun muss er bis nächstes Jahr warten, um an den nächsten Tryouts teilzunehmen. "Nächstes Jahr will ich ins Fußballteam!" In Deutschland spielte er als Innenverteidiger und
Kapitän beim VfL Winterbach in der B-Jugend. "Ich bin zuversichtlich", meint er. Er hat Erfahrung, ist 1,88 Meter groß, kräftig und hat bis dahin auch viel Zeit, sich die Fußballmannschaft genauer anzuschauen.
"Hier spürst du die Lust auf Sport." Besonders beeindruckend findet Vini die Traditionen. "Jedes Wochenende finden Veranstaltungen mit den Cheerleadern und dem American- Football-Schulteam statt, die die gesamte Schule zusammenbringen. Wir haben sogar ein eigenes Football-Stadion mit Kunstrasen, LED-Beleuchtung und einer großen Leinwand. Für die Schulen ist es sehr wichtig, welche Preise und Titel ihre Teams gewinnen, da ihr Image davon abhängt. Sogar ein paar ehemalige NFL-Spieler absolvierten bei uns ihren Abschluss. Nie hatte ich in Deutschland bei einer Schulveranstaltung so eine Begeisterung und Stimmung erlebt. Es ist ein bisschen wie im Fußballstadion in Deutschland, nur kleiner und mit mehr Show. Trotzdem möchte ich lieber ins Fußballteam, da ich nicht vor so vielen Leuten im Mittelpunkt stehen will und mir Fußball einfach besser gefällt."
Sein Eindruck bisher ist, dass in den USA viel mehr Wert auf Sport, Musik, Gemeinschaft und außerschulische Aktivitäten gelegt wird als auf Hausaufgaben und Lernen. "Das deutsche Schulsystem sollte sich daran definitiv orientieren. Schulsport in Deutschland dagegen ist ein Witz. Trotzdem vermisse ich manchmal die langweiligen Sportstunden, in denen niemand mitgemacht hat und wir alle viel geredet und gelacht haben." Abschließend meint er: "Noch weiß ich nicht, wie lange wir in Mechanicsburg bleiben werden, aber ich fühle mich hier sehr wohl und werde hoffentlich auch an der CVHS meinen Abschluss machen können. Aber jetzt habe ich dieses Schuljahr beendet mit den besten Noten, die ich je hatte."