Es begann mit einer verschwommenen Liebe

Eine Finnin begegnete in einem Pool vor 56 Jahren der Liebe ihres Lebens - und wanderte in die Schweiz aus. Als 60-Jährige begann sie eine Ausbildung.

Im Swimmingpool des Hotels sah ich ihn zum ersten Mal. Ich trug eine Badekappe, da ich mein Haar nicht nass machen wollte. Damals hatte ich noch langes blondes Haar, bis zur Mitte des Rückens." Ihre blauen Augen beginnen zu leuchten. "Während des Schwimmens tauchte er plötzlich vor mir auf und sprach mich an. In den restlichen Ferien unternahmen wir viele schöne Strandspaziergänge. Dabei sah er dann mein offenes Haar. Er war hin und weg." Die Finnin Sirkka Rechsteiner fand ihre große Liebe auf Mallorca. 1968, im Alter von 20 Jahren, war sie dort mit ihrer Mutter in den Ferien.


Heute ist sie 76 Jahre alt und wohnt mit ihrem Mann in Ebmatingen im Kanton Zürich. Sie führt ein Yoga-Studio in Zürich-Witikon. Nachdenklich blickt sie durch den Raum. Das Studio ist offen gestaltet. Es hat einen rotbraunen Kirschholzboden und eine große Spiegelfront. Gegenüber befinden sich Fenster, die leicht gekippt sind. Es duftet nach ätherischen Ölen und auch ein klein wenig nach dem Gummi der Yogamatten. Die Wände und Schränke sind in Weiß gehalten. Im Raum liegen noch die Matten von der letzten Stunde.


"Leider musste Peter früher von Mallorca zurück in die Schweiz als ich nach Finnland", fährt sie fort. Sobald er zu Hause war, schrieb er ihr Briefe, stets auf Englisch. Zu Beginn schickte er die Briefe sogar ins Hotel auf der Insel. "Ich habe eine Postkarte für Sie, von dem Herrn aus der Schweiz", meinte der Portier an der Rezeption zu Sirkka, als der erste Brief ankam. Von da an hielten die beiden zwei Jahre lang Briefkontakt. "Wir schrieben uns jede Woche. Seine Briefe waren so dick, dass der Postbote sie fast nicht in den Briefkasten brachte." Rechsteiner trägt blaue Jeans, dazu einen hellblauen Pullover und eine goldene Herzkette.

Eine Brille mit türkisem Rahmen sitzt auf ihrer Nase. Begeistert erzählt sie, dass sie in Finnland heirateten und bald darauf in die Schweiz zogen. Sie ist mit dem Glauben an die eine große Liebe in die Schweiz gekommen. "Ich war verliebt und hatte volles Vertrauen, dass alles gut geht." Sie war schon als kleines Kind viel gereist und wollte die Welt sehen. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz fühlte sie sich allerdings sehr oft einsam. Während ihr Mann bei der Arbeit war, blieb sie allein zu Hause. Emotional war das schwer für sie, da sie Gesellschaft sehr schätzte. Auch konnte sie die Sprache nicht, und so war es zusätzlich schwierig, mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen. "Ich gab mir Mühe, schnell Schweizerdeutsch zu lernen. Ich musste viel zuhören und Worte aussprechen. Es war für mich wie Musik in den Ohren, eine eigene Melodie. Aber: Man darf nicht allein sein, wenn man eine neue Sprache lernen will." Sie lächelt ein wenig traurig und schüttelt den Kopf. Dabei fliegen ihre heute kurzen, blonden Haare um den Kopf. Eigentlich wollte sie Kindergärtnerin werden, da sie Kinder so liebte. Doch dies war nicht möglich, da Schweizerdeutsch nicht ihre Muttersprache war, damals eine zwingende Voraussetzung.


Das verliebte Paar blieb nicht lange in Zürich. Ihr Mann musste für seine Arbeit bei einer Schweizer Bank mehrere Weiterbildungen im Ausland absolvieren. Sie lebten ein Jahr in Paris und ein Jahr in New York. Dies kam Sirkka Rechsteiner sehr gelegen, da sie sich noch besser kennenlernen konnten. Sie lehnt ihr Kinn an Daumen und Zeigefinger, während sie ihren Ellbogen auf dem Tisch abstützt. Für einen kurzen Moment schwelgt sie in ihren Erinnerungen. "Es war ein Traum", lacht sie. "Unterwegs haben wir meistens Englisch gesprochen. Das funktionierte sehr gut."


Aber auch diese Zeit ging vorbei, und sie kamen zurück nach Zürich. Der Kinderwunsch war sehr präsent. 1974 kam die Tochter zur Welt, zwei Jahre später der Sohn. Die Mutter kümmerte sich um sie, während ihr Mann arbeitete. So stimmte es für beide, und sie war glücklich. Sie hatte das Gefühl, angekommen zu sein. "So gab ich meine ganze Energie dem Haushalt, Bügeln, Kochen und Windelwechseln. Ich war total happy." Aber bald wollte sie etwas Neues entdecken. "Als beide Kinder in der ersten Klasse waren, wurde mir langweilig. Damals waren Aerobic und ihre Erfinderin Jane Fonda im Trend. Diese fröhliche Kombination von Tanz und Gymnastik sprach mich sehr an, und mit 35 begann ich ebenfalls mit dieser Sportart." Sie besuchte Kurse und absolvierte Ausbildungen. Dann arbeitete sie in einem Sportklub. "Ich unterrichtete Aerobic, Toning und Step. Ich war sehr zufrieden, denn ich konnte etwas tun, wenn die Kinder in der Schule waren." Später kamen neue Sportarten auf, unter anderem Yoga. Allerdings war sie am Anfang skeptisch. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie eine Yoga-Ausbildung machen sollte oder nicht. "Damals dachte man, das sei etwas Seltsames für alternative Menschen oder, wie man in der Schweiz sagte, für Leute mit selbst gestrickten Socken." Sirkka Rechsteiner lacht. Dennoch entschied sie sich mit 60 Jahren zu einer entsprechenden Ausbildung. Der richtige Entscheid. "Das ist jetzt Teil meines Lebens."


Mit 62 eröffnete sie ihr eigenes Yoga-Studio. Ein Neuanfang, der mit viel Hoffnung verbunden war. Dies spiegelt sich auch in ihrem Logo wider. Das zeigt einen Menschen mit einem Elefantenkopf. Es ist die indische Gottheit Ganesha, Symbol für Hoffnung und Neuanfang. Die Lehrerin verbindet Yoga weniger mit Religion als mit der Weisheit des Lebens. Wichtig ist für sie, dass man Übungen gut auf seinen Körper und sich selbst abstimmt. "Dadurch kann man sich sehr lange wohlfühlen und zufrieden sein." Durch das Studio ist sie mit vielen Leuten in Kontakt und hat nun eine große Familie, die sie über alles liebt. Von der Einsamkeit in den ersten Jahren in der Schweiz ist nichts mehr zu spüren. "Ich darf Schüler von 22 bis 88 unterrichten. Es ist unglaublich."


Sie geht in die Mitte des Raums und stellt sich auf eine der Matten. "Eine meiner Lieblings- Yoga-Stellungen ist die erste Heldin." Mit dem rechten Bein macht sie einen Ausfallschritt nach hinten. Die ausgestreckten Arme bewegt sie vor ihrem Körper hoch und streckt sie Richtung Decke. Die linke Hand nimmt sie wieder herunter, sie kreist über die Brust. "Das ist ein Herzöffner. Es ist eine Standpose, bei der beide Beine am Boden sind. Du öffnest dein Herz. Du bist zwischen Himmel und Erde und wirst frei."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.10.2024, S. 26 - Anouk Nötzli, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon Illustration Philip Wächter

zurück