Es ist da, obwohl es doch gar nicht mehr da ist

Ein 18-Jähriger verliert ein Bein. Aber das Leben geht weiter.

Es wäre großartig, wenn die Gesellschaft meine Situation einfach als meine Normalität annehmen könnte", sagt Jan Fonda. Der 18-jährige Abiturient, 1,86 Meter groß, schlank, dunkelbraunes Wuschelhaar, ist ein begeisterter Sportler, talentierter Big-Band-Musiker und gern gesehenes Model auf dem Laufsteg. Und er trägt eine Beinprothese. Fonda erkrankte vor zwei Jahren an Krebs. "Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin dadurch zu einer Attraktion geworden", erzählt er gelassen, "dabei kann das jedem Menschen zustoßen. Es ist wichtig, sich mit solch einer Tatsache zu beschäftigen."


Jan besucht die Mittelschule für Maschinenbau, Mechatronik und Medien in Celje, Fachrichtung Medientechnik. Die Familie Fonda ist in der slowenischen Stadt sehr bekannt. Der Vater habe ihm erklärt, der Familienname käme vom Lateinischen "fundus". "Und natürlich werden wir auch oft auf die berühmte Hollywood-Familie angesprochen, aber mit denen haben wir nichts zu tun." Doch auch die Fondas aus Celje sind nicht nur in ihrer Stadt bekannt. Vater Roman leitet die Band "Zabe", zu Deutsch Frösche. Eine Big Band, in der mehr als 20 Musiker Konzerte in ganz Slowenien geben. Jan spielt dort Klarinette. Der 21-jährige Bruder Troy ist ebenfalls in der Band.


Ein ganz normales Leben in Celje. Doch im Alter von 16 Jahren bemerkte Jan

ungewöhnliche Veränderungen an einem Knöchel seines linken Fußes, eine schmerzhafte Beule war sichtbar. Und er hatte plötzlich sehr wenig Energie. Er ging zum Arzt, Untersuchungen, Röntgenaufnahmen und Tests folgten. "Das hat ein halbes Jahr gedauert. Ich habe selbst ein wenig recherchiert und hatte dann die Befürchtung, dass es Krebs sein könnte. Ich war auf das Schlimmste vorbereitet." Die Diagnose: Knochenkrebs. "Es ist ein sehr seltenes, an der Oberfläche des Knochens entstehendes hochgradiges Osteosarkom", erklärt Jan sachlich. "Als ich es dann wusste, wurde mir zuerst flau im Magen. Ich geriet in Panik, aber dann war ich fast erleichtert, weil ich nun endlich Bescheid wusste und mit der Behandlung begonnen werden konnte." Natürlich denke am Anfang jeder an das Schlimmste, "aber mit solchen Gedanken wird die Behandlung nicht erfolgreich sein. Man muss sich die ganze Zeit Ziele setzen, damit man wieder gesund wird, und nicht daran denken, dass man vielleicht nur noch ein paar Monate vor sich hat."


Seine Familie habe ihn intensiv unterstützt, besonders seine Mutter Goga. "Sie ist die Beste der Welt. Sie war und ist mein größter Rückhalt und jeden Tag rund um die Uhr für mich da." Aber auch Freunde, Ärzte und Krankenschwestern hätten fest an seiner Seite gestanden.

Das sei wichtig und hilfreich gewesen. "Keiner weiß wirklich, was Krebs bedeutet. Man spürt den ganzen Schmerz, der einem widerfährt, erst so richtig während der Chemotherapie. Du hast das Gefühl, dass sie dich zerstört. Man kann sich nicht darauf vorbereiten. Niemand, der diese Gefühle nicht erlebt hat, kann sie sich vorstellen." Nach der ersten Chemotherapie hat er seine Krankenschwester gefragt, ob es das jetzt gewesen sei. "Aber eine Stunde später fingen dann die Schmerzen an. Und erst da wurde mir klar, wie schlimm es ist und dass man sich das wirklich nicht vorstellen kann."


Die Chemotherapien fanden so statt, dass er drei Wochen im Krankenhaus und eine Woche zu Hause verbrachte. In einer bestimmten Reihenfolge erhielt er drei verschiedene Medikamente, die die Krebszellen zerstörten. "Sie zerstörten aber auch gesunde Zellen, sodass ich während der gesamten Therapie in unterschiedlichen gesundheitlichen Zuständen war und stark abgenommen habe." Und dann sei noch eine schwierige Entscheidung hinzugekommen. "Ich musste zwischen meinem Bein und meinem Leben wählen." Jan Fonda entschied sich für das Leben, "das ich jetzt umso mehr schätzte und bewunderte, nachdem ein Teil der schwierigen Behandlung bereits abgeschlossen war".


Das Leben war nicht mehr dasselbe wie vorher. "Vor allem hatte ich Phantomschmerzen, die mich stark beeinträchtigt haben. Mein Gehirn sendet immer noch Signale an das Bein, das nicht mehr da ist." Aber er war motiviert, sich damit auseinanderzusetzen, als er gesehen hat, "wozu andere mit ähnlichen Prothesen in der Lage sind. Als ich dann mit der Rehabilitation begonnen habe, fühlte ich mich wieder lebendig, weil ich endlich wieder laufen konnte."


Während der zweimonatigen Reha konnte er es kaum erwarten, in sein altes Leben zurückzukehren. "Meine größte Motivation war, wieder zur Schule zu können, wieder, ohne zu zögern, gehen zu können. Damit ich alles wieder tun konnte wie früher, damit ich wieder

ein normales Leben führen kann." Die gesamte Behandlung dauerte zehn Monate. Nach Auskunft der Ärzte gilt Jan heute als weitgehend geheilt. Es gebe eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs zurückkehre. Deshalb geht er regelmäßig zu einer onkologischen Untersuchung. "Das größte Glück ist, dass ich überlebt habe", sagt er. Alles, was er erlebte habe, habe ihm eine neue Perspektive auf das Leben, eine andere Art zu denken gegeben. Die Prothese hat ihm sogar neue Türen geöffnet. Medien berichteten in Slowenien über seine Geschichte, er wurde Mitglied der slowenischen Nationalmannschaft im Sitzvolleyball, eine Agentur lud ihn ein, sodass er mit Prothese auf dem Laufsteg der Modewoche in Ljubljana zu sehen war. "Es freute mich sehr, im Rampenlicht zu sein, weil ich so ein Bewusstsein für Menschen mit Beeinträchtigung und Respekt vor ihnen fördern konnte. Ich teile meine Geschichte sehr gern, um andere in einer ähnlichen Situation zu motivieren. Um zu beweisen, dass man sich mit einer Krankheit und Behinderung nicht verstecken muss, sondern andere inspirieren kann." Jan möchte in Ljubljana an der Fakultät für Orthopädietechnik und Prothetik studieren, um später anderen zu helfen, trotz Behinderung mit beiden Beinen im Leben zu stehen. "Was man nicht ändern kann, muss man akzeptieren. Und dann das Beste daraus machen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.08.2024, S. 26 - Vanesa Stanko, Discimus Lab, Videm pri Ptuju

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