Und der schlägt erbarmungslos zu. Das Insektensterben ist menschengemacht. Eine Floristin und eine Biologielehrerin erzählen, was man dagegen tun kann.
Es ist still geworden." So beschreibt Stephanie Koch die direkten Auswirkungen des Insektensterbens. "Früher konnte man überall im Garten noch Leben hören." Die Floristin betreibt einen Blumenladen im Zentrum von Itzehoe. Sie ist besorgt über eine insektenlose Zukunft. Laut dem WWF ist die weltweite Biomasse der Insekten innerhalb von 27 Jahren um 76 Prozent zurückgegangen, 40 Prozent aller Insektenarten sind vom Aussterben bedroht. Als Nahrungsquelle stellen sie einen unverzichtbaren Baustein im Nahrungsnetz dar. An warmen Frühlingstagen lauscht man beschwingt einer Vogelsymphonie, die jedoch bald verstummen könnte. "Früher konnte man überall Vögel auf der Futtersuche beobachten. Mittlerweile ist die Natur viel leerer", meint Koch. Vor allem Vögel decken ihren Nahrungsbedarf durch die proteinreichen Krabbeltiere. Die Sechsbeiner fungieren auch als Bestäuber, die für 90 Prozent aller Blütenpflanzen unverzichtbar sind. Eine der Hauptursachen des Insektensterbens ist der Verlust von Lebensraum. Koch unterstützt Kunden auf ihrem Weg zum nachhaltigen Garten.
Wer an einen insektenfreundlichen Garten denkt, hat vielleicht eine unübersichtliche, überwachsene Wiesenfläche mit lieblos wuchernden Kräutern und morschem Gehölz vor Augen, dessen Anlage trotzdem überraschend viel Zeit in obskuren Büchern von Hobbyentomologen verlangt. Glücklicherweise sieht die Realität viel bunter aus. Eine Vielzahl von einheimischen Pflanzen ist nicht nur ein ganzes Stück nützlicher als Zierblumen, sondern blüht genauso schön. "Diversität im Garten unterstützt nicht nur die Artenvielfalt, sondern eröffnet auch reichliche Gestaltungsmöglichkeiten", sagt Koch, während man in ihrem Laden "Bluma" von einem belebenden Duftschleier umhüllt wird. Im Sortiment wird deutlich, dass sie für ihre Verkaufssträuße gerne auf heimische Blumen zurückgreift.
Beim Thema Gartendesign spricht sie auch von Wasserangeboten in Form von flachen Schalen oder Moospolstern, die dem Garten eine tiefere Struktur verleihen. "Naturnahe Gartengestaltung ist alles andere als langweilig." Für Diversität solle man nicht auf gebietsfremde Gewächse zurückgreifen. Hier beheimatete Ringelblumen, Margeriten, Veilchen, Herbstanemonen und Schneeglöckchen kreieren ein lebhaftes Flair. Nutzpflanzen wie Salbei, Dill und Himbeeren sehen nicht nur außergewöhnlich aus, sie entlohnen den Aufwand der Pflege durch ihren Geschmack. Wichtig beim Kauf neuer Blumen sei es, sich ausreichend sachlich zu informieren. Stephanie Koch erwähnt den Schmetterlingsflieder. Die violetten Blüten sind ein markantes Merkmal dieser Pflanze, ihr Nutzen für die von ihnen angelockten Schmetterlinge ist jedoch umstritten. Der NABU weist darauf hin, dass er heimische Pflanzenarten verdränge. Auch andere beliebte Zierblumen sind völlig regionsfremd. "Geranien sind aus Südafrika, die kennen unsere Insekten gar nicht", konkretisiert Koch kopfschüttelnd. "Ähnlich sieht es bei den Fuchsien aus." Wer überlegt, seinen Garten den Insekten zu widmen, muss eventuell auch auf bekannte Stars verzichten. "Viele Blumen haben gefüllte Blüten, da kommen die Insekten nicht an den Nektar, die Pflanzen sind zu überzüchtet." Das betrifft häufig weitverbreitete Arten: Rosen, Nelken, Sonnenblumen. Blume ist also nicht gleich Blume. Die richtige Wahl ist von großer Bedeutung, Recherche zahlt sich mit zahlreichen neuen Gästen im Garten aus.
Den Anblick von hochgewachsenem Gras, alten Ästen und allerlei stechendem Unkraut, wie Brennnesseln oder Brombeeren, empfinden viele als nicht besonders reizend. Doch genau dieses Durcheinander stellt für Insekten ein Paradies dar. Was dem Gärtner als anspruchslos vorkommt, verkörpert für sie ein komplexes Habitat. Es stellt ihnen Nistplätze, Nahrungsquellen und Verstecke vor Wetter und Fressfeinden zur Verfügung. Wer viel Wert auf eine präsentierbare Ästhetik legt, kann dem Chaos eine kleine Ecke widmen, die noch mit dem strukturierten Garten harmoniert. "Auch in einem total durchdesignten Garten kann man trotzdem insektenfreundliche Ecken schaffen", sagt Koch. Die Größe des Stückchens ist dabei nicht von Bedeutung, es ist nur wichtig, dass es existiert. "Ein wenig Durcheinander ist auch weniger Arbeit für mich", erklärt sie lächelnd. "Ein bisschen Unordnung ist nie verkehrt."
Wer nun seinen Garten mit Ringelblumen, beherztem Durcheinander und kleinen Wasserstellen ausstattet, kann jedoch durch herkömmliche Fehler die Brummer immer noch unabsichtlich vertreiben. "Pestizide und Herbizide vernichten Insekten und verarmen unsere Tierwelt. Selbst beim Einkauf merken wir das. Viele Pflanzen werden gespritzt, die Schadstoffe nehmen wir beim Essen auf." Dann gibt es noch die Lichtverschmutzung als Gefahrenquelle. Die nachtaktiven Insekten fühlen sich von der künstlichen Beleuchtung angezogen, verlieren schließlich die Orientierung und sterben entkräftet. Eine weitere Gefahr ist Streusalz. "Für einen insektenfreundlichen Garten muss darauf verzichtet werden." Es schadet auch den Pflanzen. Sand ist die bessere Alternative.
Ein seichter, erdiger Duft liegt in der Luft, das hohe Gras wird von einer leichten Brise erfasst und bäumt sich auf, bevor es sich sanft wiegt. Im Hintergrund bildet sich eine Geräuschkulisse aus dem Summen, Brummen, Zwitschern und Zirpen, die einen in ihren Rhythmus hineinzieht. So kann sich eine von Insekten belebte Natur anfühlen. Christine Behrendt-Herkenrath, Biologielehrerin an der Kaiser-Karl-Schule in Itzehoe, ist seit 30 Jahren stolze Hobbygärtnerin eines insektenfreundlichen Gartens. Ihre Beweggründe sind simpel: Ähnlich wie Koch kam ihr die Natur immer stiller vor. "Mit dem Kescher fange ich öfters mal Insekten, mittlerweile fliegen mir viel weniger ins Netz." Als Biologin war sie alarmiert. Ihr Fachwissen und ihre Leidenschaft für die Tierwelt verschmelzen und schaffen nun einen natürlich effizienten Garten, den sie ausgiebig bewirtschaftet. Für sie zeichnet sich ein nachhaltiger Garten vor allem durch verschiedene Lebensräume aus. "Holzbereiche für Pilze und offene Flächen mit Sand für die Wildbienen, so etwas sehe ich in Gärten viel zu selten." Ihr Garten ist gefüllt mit Natur, selbst Tiere haben Platz in ihren Beeten. Ihre Familie helfe ihr jedes Jahr dabei, die besten Gemüsesorten der Ernte herauszufiltern. Ihren Ertrag verteilt sie gerne an Freunde: "Mein Garten ist ein Garten zum Teilen", verkündet sie stolz. Durch die nachhaltige Gestaltung unterhalten sich ihre Beete quasi selbst: Kosten, Zeit und Arbeit fallen durch den reichhaltigen Gewinn an Gemüse und Kräutern kaum ins Gewicht.
Sie erklärt: "Ich habe ja schließlich einen intelligenten Garten." Was sie damit meint, wird durch ihre Tipps deutlich. Mit einem Gewächshaus und Hochbeeten lassen sich ideale Anbaumöglichkeiten schaffen, Letztere düngen sich mit eingebautem Kompost sogar selbst. Begeistert berichtet die Pädagogin von einem unerwarteten Hilfsmittel: Schafswolle. Diese eignet sich hervorragend zum Mulchen, also dem Auslegen einer neuen obersten Bodenschicht, um dem Boden Nährstoffe zurückzuführen und ihn zu schützen. "Schafswolle liefert eine frische Nässe, die dafür ideal ist. Außerdem ist sie in diesem Fall Abfallstoff, die Verwendung zum Mulchen ist also wie Recycling." Der Wiederverwertung schreibt sie eine große Rolle im Insektenschutz zu. "Als Lehrerin kann ich nur verdeutlichen, wie wichtig es ist, Wissen über unsere Gärten in die Schulen zu bringen." Kann ein Hobbygärtner Einfluss auf etwas so Globales wie das Insektensterben nehmen? "Ja! Einer muss anfangen", sagt Stephanie Koch.