Es ist nicht immer dieselbe Leier

In Berlin findet jedes Jahr Anfang Juli das Internationale Drehorgelfest statt

 

Ein sonniger Tag. Mehr als 120 Wägelchen zuckeln über die Straße, ihre Melodien vermischen sich. Die Polizei macht den Ku'damm in Berlin frei. Die Menschen hinter den rollenden Kästen schieben vergnügt ihre Drehorgeln vor sich her und kurbeln, was das Zeug hält. Alt und Jung, in unterschiedlichen Trachten, aus vielen Nationen. Am Straßenrand bleiben Passanten stehen. Unter den vielen Umzügen, die Berlin so erlebt, ist dieser Anfang Juli sicherlich einer der sonderbarsten. Es gibt nicht mehr viele von diesen Holzkästen auf vier Rädern, aber sie existieren noch. Vereinzelt an Berliner Straßenecken, aber auch in vielen anderen Metropolen Europas. Gleichwohl ist die Drehorgel vom Aussterben bedroht.

 

Wenn Anfang Juli der Ku'damm zur Drehorgelmeile wird, dann steigt wieder das Internationale Drehorgelfest, 2023 zum 42. Mal. Ausgerichtet wird es von den Internationalen Drehorgelfreunden Berlin, einem Verein, dem es um die Bewahrung der Drehorgelmusik geht. Immerhin 225 Mitglieder hat er. Sie treffen sich jeden ersten Montag im Monat zu einem Stammtisch. Für manche ist es mehr als ein Verein, es ist wie eine Familie. Zum Beispiel für Dirk Lieske und seinen Lebensgefährten Ruppert Pleyer. "Da haben sich Freundschaften gebildet, für viele ältere Alleinstehende ist dieser Zusammenhalt wichtig", erzählt Pleyer. Die beiden sind seit 2016 Mitglieder. Lieske ist Labortechniker an der Universität Cottbus. Sein Urgroßvater kaufte 1954 eine Drehorgel für seine Enkel, damit diese "zampern" gehen konnten. Zampern, ein Wort aus der Lausitz, bezeichnet das Umherziehen der Jugendlichen an Karneval. Dabei machen sie Musik und verdienen Geld, das sie anschließend verprassen. Lange verstaubte die Drehorgel auf dem Dachboden, bis Lieske sie mit seinem Opa aufstöberte. 1990 schoben die beiden sie beim Drehorgelfest dann über den Ku'damm. Mittlerweile besitzt der 54 Jahre alte Lieske drei Drehorgeln. Oft wird er von Weihnachts- oder Jahrmärkten und zu privaten Anlässen gebucht, Pleyer begleitet ihn dann. Sie berichten von unterschiedlichen Reaktionen. Neben Kindern, die gar nicht genug bekommen können, gibt es immer wieder Zeichen der Ablehnung. "Es gibt auch welche mit dem Handy am Ohr, die sich mit der anderen Hand das Ohr zuhalten und genervt gucken", sagt Pleyer. Verkäufer an benachbarten Ständen drehten auch gerne mal das Radio lauter.

 

Doch die, die am Kasten kurbeln, tun es aus Leidenschaft. "Drehorgelspielen ist eine Art Kulturpflege", erklärt Lieske, man sei auch Aufklärer und Traditionsbewahrer. "Die Drehorgel bringt den Hauch der guten alten Zeit wieder." Der Finsterwalder erzählt den Leuten gerne, wie eine Drehorgel funktioniert - das gehört dazu. Hierfür hat er sich extra eine Drehorgel angeschafft, bei der man das Auseinander- und Wiederzusammenfalten der Notenbücher sehen kann. Könnte man weiter in die Drehorgel gucken, würde man sehen, wie die Kurbel einen Blasebalg und eine Notenrolle oder ein Notenbuch in Bewegung setzt. Die Notenrolle, ein aufgerolltes Papier mit eingestanzten Löchern, sorgt dafür, dass die Luft aus dem Blasebalg in die richtige Orgelpfeife strömt. "Ein guter Drehorgelspieler benötigt musikalisches Gehör und Verständnis. Ein neues Lied muss man erst mal üben, um das richtige Tempo zu finden", sagt Lieske. Und man braucht Menschenkenntnis - um zu erkennen, wann man auf dem Jahrmarkt besser den Standort wechseln sollte, um Stress mit den Budenbesitzern zu vermeiden.

 

Ein bisschen Geld verdiene man zwar auch, aber das investiere man eher in neue Lieder und Zubehör. Bei den meisten Drehorgeln werden die Melodien auf "Notenrollen" gespeichert, eine neue mit einem oder mehreren Liedern kostet zwischen 80 und 120 Euro. "Darauf wartet man auch mal ein halbes Jahr", sagt Pleyer. Die Drehorgel ist ein Exot, die Wartelisten sind lang. "Es gibt noch einige wenige Gründungsmitglieder, aber auch 16- bis 20-Jährige sind mit dabei", sagt er. Nicht immer sind das die Kinder begeisterter Drehorgelspieler. Das Instrument ist altmodisch, aber anscheinend auch zeitlos. Es gibt sogar selbstspielende oder elektronische Drehorgeln, die nicht mit Notenbuch, Lochkarte oder Walze funktionieren, sondern mit einem Computerchip. Das mag zwar praktisch sein, beim Verein sind sie aber nicht gern gesehen.

 

Gegen 1600 wurde die Drehorgel erfunden, im 18. Jahrhundert setzte man sie verstärkt am französischen Hof ein: Man wollte Kanarienvögeln Melodien beibringen. Dafür boten sich bestimmte Drehorgeln an, sogenannte Serinetten. Anstatt stundenlang die Stimme zu strapazieren, konnte man bequem an einer Kurbel drehen. In Deutschland war die Mode des Wunderkastens im späten 19. Jahrhundert auf ihrem Höhepunkt. Nach den Einigungskriegen gab es viele Kriegsversehrte, es herrschte große Armut. Vielen der Versehrten fehlte ein Arm oder ein Bein, einige waren blind, eine Arbeit war schwer zu finden. Man gab den Invaliden einfache Instrumente an die Hand, die dem Staat gehörten und sich mieten ließen. Dafür musste man nicht besonders musikalisch sein.

 

Beim Publikum kam es gut an, öffentlich zugängliche Musik war etwas Besonderes. Die Drehorgelspieler zog es in Gasthäuser und auf Marktplätze, und natürlich dahin, wo viele Menschen waren, zum Beispiel nach Berlin. Hier nennt man die Drehorgel auch gerne Leierkasten, obwohl ein Leierkasten meist deutlich kleiner ist. Im Verein wird der Begriff eher abfällig genutzt, nämlich dann, wenn die Drehorgel nur noch lieblos gespielt wird. "Die Drehorgel wird zum Leierkasten, wenn man sie nicht mehr ertragen kann", sagt Pleyer. Es gibt eine wahre Drehorgelszene in Europa, regelmäßig veranstalten Vereine Treffen und Feste. "Ich glaube, dass es immer eine Nische dafür geben wird", meint Pleyer.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2024, Nr. 116, S. 30 - Antonie Bauchmüller. Schadow-Gymnasium, Berlin

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