Es stinkt gigantisch zum Himmel

Die Titanenwurz lockt Fliegen und Besucher an - Gewächshäuser in Braunschweig

Normalerweise stinkt die Blüte der Amorphophallus konjac wie die Pest", sagt Thorsten Marschall, Gärtnerischer Leiter der Botanischen Gewächshäuser in Braunschweig. "Dieser Geruch ist von der Pflanze gewollt, um Fliegen anzulocken, die sie bestäuben." Sein Blick wandert über den Blütenstand. "Wahrscheinlich wird es morgen hier im Gewächshaus stinken." Schon jetzt ist ein leichter Fäulnisgeruch in der feuchten Luft wahrnehmbar. Der 57 Jahre alte gelernte Zierpflanzengärtner trägt schwarze Funktionsschuhe und strahlt Ruhe aus. Er arbeitete "viele Jahre im öffentlichen Dienst auf dem Friedhof" und bewarb sich dann am Botanischen Garten, "da diese Stelle besonders interessant war". Er kümmert sich um Kübel- und fleischfressende Pflanzen, um Orchideen, Bromelien und Kakteen.

 

Marschall läuft zum Versuchsgewächshaus, das sich ein wenig abseits von den Schaugewächshäusern am Institut für Pflanzenbiologie der TU Braunschweig befindet. Die Automatikdachfenster öffnen sich summend in Intervallen, um die Temperatur bei konstanten 19 Grad zu halten. In einem Kübel steht eine Riesenseerose mit stachelbesetzten Blättern. Auf einem Regalbrett über der Tür wächst ein ein Meter hoher hellgrüner Strauch mit drei Stängeln namens Amorphophallus titanum, die Titanenwurz. "Wenn man die hier in den unteren Gewächshäusern stehen hat, riecht man den markanten Geruch nach Fäulnis oben am Parkplatz."

 

Marschall, der in Braunschweig die Superlative der Flora versorgt, deutet auf einen Topf mit der Aufschrift "Amorphophallus albus". Deren Blütenstand kann eine Größe von einem halben Meter erreichen, wohingegen der der Titanenwurz ihn unter Umständen sogar noch um mehr als zweieinhalb Meter überragt. Sie ist die Pflanze mit dem größten Blütenstand in der Flora. Während die Seerose auffällt, sind die Titanenwurz und ihre artverwandten Pflanzen wesentlich unauffälliger. Marschall wühlt in einem 20 Zentimeter hohen Tontopf voller Erde und befördert die Knolle der Amorphophallus albus an die Oberfläche. Sie ist unscheinbar grau. In seiner Hand hat sie die Größe eines kleinen Tellerpfirsichs mit vielen Dellen. "Sobald die Blüte abstirbt, kommt ein neues Blatt heraus, und dann zehrt sich diese Knolle auf. Amorphophallus albus hat einen typischen Rhythmus: im Frühjahr blühen, das Blatt bilden und im Herbst einziehen. Und dann bildet sich eine neue Knolle, die meist größer wird." Er geht zu einem größeren Exemplar einer ähnlichen Art im Tropengewächshaus am Eingang des Gartens. Dort präsentiert er stolz ein ausgewachsenes Exemplar der Teufelszunge, Amorphophallus konjac. Ihr monumentales Hüllblatt ist rötlich und reicht ihm bis an den Brustkorb. Es ragt in die schwüle Luft und ist fast verblüht. "Der Unterschied zwischen der Amorphophallus konjac und der Amorphophallus titanum ist die Größe der Blüte." Tatsächlich sieht die Größe des im Beet wachsenden Blütenstandes, der maximal 1,2 Meter erreichen kann, im Vergleich zu dem mehrere Meter hohen Blütenstand der Titanenwurz winzig aus. An dem menschengroßen Stumpf, der aus dem Hüllblatt hervorwächst, sind kleine Blüten zu erkennen, die sich bei der Befruchtung zu Beeren entwickeln. "Diese werden irgendwann rot, dann kann man sie abpulen. Die Samen dieses Gewächses können schon nach nur ein paar Wochen nicht mehr keimen. Es gibt aber Samen anderer Pflanzen, die nach hundert Jahren noch keimen."

 

Um die beeindruckende Vielfalt an Pflanzen zur Schau stellen zu können, reicht diese Methode nicht aus. "Wir sammeln das ganze Jahr über Samen für den Eigengebrauch oder für andere Gärten, erstellen eine Liste, die wir 400 botanischen Gärten und wissenschaftlichen Einrichtungen zukommen lassen. Wir bestellen bei denen, und sie bestellen bei uns." Manchem Besucher reicht es jedoch nicht, seltene Pflanzen nur hier zu bewundern. "Ich habe oft gesehen, dass Amorphophallus konjac als Dekoration in den Wintergarten oder auf den Balkon gestellt wird." Die Titanenwurz ist dagegen besonders heikel. Die Knollen sterben immer wieder ab. "Ich hatte eine sehr große Pflanze, bei der ich gehofft habe, dass ich sie zum Blühen kriege, die dann abgestorben ist. Ich hatte großes Glück, dass ich es in dem Jahr, in dem die Titanenwurz den Winter nicht überlebt hatte, geschafft habe, einen Steckling zu bewurzeln." Er deutet auf eine große Pflanze auf einem Hängebrett. "Es hat sich eine Knolle gebildet, und diese hat sich geteilt. Es waren wahrscheinlich so viele Hormone in dieser Pflanze, dass sich vier Blätter gebildet haben. Das ist untypisch. Diese wird wohl in vier einzelne Knollen zerfallen."

 

Früher kam es vermehrt zu Diebstählen exotischer Pflanzen. "Sukkulente und fleischige Pflanzen sind jetzt nicht mehr eine so große Rarität. Viele bekommt man im Internet. Wenn man heute von Raritäten sprechen will, sind das Pflanzen, die zu groß sind, um sie im eigenen Garten oder Wintergarten zu halten." Die Samen der Titanenwurz sind ab 12,50 Euro erhältlich. Der Strom- und Wasserverbrauch des Botanischen Gartens mit seinen 4000 Pflanzen ist hoch. Pflegt Marschall auch zu Hause Pflanzen? "Ja, leider! Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht." 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06. Januar 2025, Nr. 4, S. 26 - Ferdinand Rennemann, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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