Es wirkt scheinbar unscheinbar

Der Prior der Communauté de Taizé spricht über Werte, Missbrauch und das Leben als Mönch.


Es schien hier etwas Glaubwürdiges zu geben, darin, wie die Brüder lebten." Bruder Matthew sieht ein wenig aus wie Olaf Scholz: etwa gleich groß, sieben Jahre jünger, ähnliche Züge, Glatze. Von der Seite betrachtet, sind sie sich zum Verwechseln ähnlich. Schaut man ihm ins Gesicht, so erkennt man: ein offenes Lächeln und Augen, die überzeugen und Hingabe vermuten lassen.


Bruder Matthew, mit bürgerlichem Namen Andrew Thorpe, ist Prior des ersten ökumenischen Mönchsordens weltweit, der Communauté de Taizé in Frankreich. Er sitzt in einem schmucklosen Raum des Klosters, nur ein paar Stühle stehen hier und ein Holztisch. Die Stühle sind etwas zu klein, sie könnten so auch in einer Kita stehen. Durch das geöffnete Fenster hört man Vogelzwitschern, und kaum ein gesprochenes Wort. Matthew, der aus Pudsey in der Nähe von Leeds in England stammt, ist seit 1986 Mönch. "Erst als ich zur Universität ging, begann ich zu verstehen, was Glaube für mich ist." Dort beim Medizinstudium an der Universität Sheffield fand er eine Gebetsgruppe, die Lieder aus Taizé verwendete. Schon in den ersten Sommerferien 1985 reiste er mit anderen Studierenden nach Taizé, um hier zwei Wochen mit den Brüdern zu leben. "Die Musik berührte mich sehr", sagt der 59-Jährige auf Englisch.

Bruder Matthew nahm sich eine einjährige Auszeit von seinem Studium und ging als Freiwilliger nach Taizé. Nach einigen Monaten sei es klar gewesen: "Für mich war die Frage: Sagt Jesus immer noch, komm und folge mir? Oder war das nur irgendwas, was vor 2000 Jahren gesagt wurde? Und hier gab es eine Gruppe Menschen, die versuchte zu leben, wofür Jesus gebetet hatte."


Seine Kleidung ist gewöhnlich, keine Robe, die tragen die Brüder nur im Gottesdienst. Bruder Matthew trägt einen blauen Pullover über einem blau-weiß karierten Hemd. Etwa 60 Brüder leben dauerhaft in Taizé, weitere 20 sind in "Außenstellen" um die Welt verteilt, in Ländern wie Kuba oder Bangladesch. "Wir sind verschiedene Generationen, aus verschiedenen Kulturen, aus verschiedenen Konfessionen. Das sind alle möglichen Faktoren, wo normalerweise in der Gesellschaft eine Spaltung stattfindet, aber wo wir versuchen, eine Gemeinsamkeit zu finden. Das ist eine Herausforderung, aber auch etwas sehr Schönes." Der gesamte Tag der Brüder ist um das Gebet herum organisiert, dreimal täglich, jeweils ungefähr eine Stunde, morgens, mittags, abends. Darüber hinaus kümmern sie sich um verschiedene Aufgaben, etwa um die Freiwilligen, die im Klosterbetrieb helfen und die jungen Menschen aus ganz Europa und der Welt betreuen. "Wir sind sehr dankbar für die Menschen, die kommen."


Jährlich sind das rund 80.000, der Großteil zwischen 15 und 29 Jahre alt. Sie nehmen Teil an Bibelgruppen und an den Gottesdiensten, die von einfachen, wiederholenden Gesängen, kurzen Bibellesungen, Gebet und acht Minuten Stille geprägt sind. Roger Schutz, der Gründer und erste Prior der Communauté de Taizé, kehrte 1944 nach der Befreiung Frankreichs mit den ersten Brüdern in die Heimat seiner Mutter zurück. Ostern 1944 legten sie das Lebensengagement ab. Erst mit der Zeit kamen die Besucher dazu. Viele fasziniert hier die andere Art des Gebets und der ökumenische Ansatz. "Es ist eine große Schönheit darin, wenn man in der Kirche sitzt und von dem Gesang der anderen getragen wird", meint Matthew. Vor allen den jüngeren Besuchern soll hier auf ihrer Reise zu Gott geholfen werden.


"Ich denke, das Problem, das es heute in den Kirchen gibt, ist so eine Art 'Insider-Sprache', die man als Außenstehender nicht so einfach verstehen kann. Für uns ist es wichtig, die Frohe Botschaft verständlich für alle zu machen."


Doch ganz unbefleckt war die Vergangenheit des Ordens nicht. Fünfzehn Missbrauchsvorwürfe hat die Gemeinde laut eigener Aussage in der Vergangenheit an die französische Justiz übergeben. Diese betreffen acht Brüder, von denen vier bereits tot und weitere vier nicht mehr in der Gemeinde sind. Matthew kommt von selbst darauf zu sprechen: "Unter uns Brüdern gibt es ein wachsendes Gefühl für die Verantwortung, die wir den Jugendlichen gegenüber haben. Denn auch in Taizé gab es Fälle von sexualisierter Gewalt und geistlichem Missbrauch vonseiten der Brüder. Und deshalb müssen wir heute im Hinhören auf die Betroffenen aus dem Geschehenen lernen, um in Zukunft die

Mechanismen des Missbrauchs besser erkennen zu können."


Matthew schaut in den Garten. Zu sehen ist eine Wiese, hin und wieder gehen Brüder darüber, gesprochen wird kein Wort. Die Vögel singen noch immer. "Als ich Bruder wurde, war ich sehr jung und radikal. Die Zeiten des Zweifelns kamen später, sogar nachdem ich das Lebensengagement ablegte. Das half mir dabei, zu verstehen, dass es keine Magie in unserem Leben gibt und dass es darum geht, Tag für Tag wieder Ja zu Jesus zu sagen." Matthew blieb Mönch. "Diese Zeit ist für mich sehr schwer in Worte zu fassen, da es etwas sehr Persönliches ist. Aber jeder, der sich einem Lebensentwurf verschreibt, ob das in der Ehe, im Gemeinschaftsleben, der Priesterschaft oder der Arbeit ist, kennt Zeiten, in denen es eine Herausforderung ist, weiterzumachen. Das ist normal, da wir, wenn wir uns auf einen Weg festlegen, andere Wege verschließen. Ich bin sehr dankbar, dass ich in dieser Zeit Menschen hatte, die mich begleitet haben. Sich solchen Fragen alleine zu stellen kann sehr schwierig sein." 2023 wurde Matthew von seinem Vorgänger Alois zum Prior ernannt. Nun leitet er das Kloster, trifft alle endgültigen Entscheidungen und wird irgendwann selbst seinen Nachfolger festlegen.


"Ich habe hier keinen typischen Tag, aber natürlich sind die Aktivitäten um die Gottesdienste herum angelegt. Für mich ist es wichtig, vor dem Morgengottesdienst, wenn es noch ruhig ist, mir Zeit für das persönliche Gebet zu nehmen und Zeit zu haben um nachzudenken." Nach dem Morgengebet trifft er sich mit Brüdern, regelt die Angelegenheiten von Taizé.

Häufig sind es Arbeitsgruppen, die Entscheidungen vorbereiten. "Für mich geht es auch darum, den Brüdern zu vertrauen, zu lernen, dass Gott und der Heilige Geist in der Gemeinschaft wirken."


Nach seiner Rolle befragt, lacht er kurz und freundlich auf. Am wichtigsten sei es, immer für die Brüder da zu sein. "Ich versuche sehr demütig zu bleiben. Ich bin ein Bruder unter Brüdern. In unserer Regel ist der Prior der Diener der Gemeinschaft, und das ist für mich die Motivation." Jeden Abend nach dem Gottesdienst spricht er in der Kirche mit Menschen, die Fragen oder Anliegen haben. "Als ich noch jünger war, wollte ich die Welt retten und jedem Antworten geben. Mit der Zeit lernt man, geduldiger zu sein, zuzuhören und zu wissen, dass Gott im Herzen der Menschen ist und ihnen die Antworten gibt, die sie brauchen."


Natürlich gibt es auch hier die Sorgen, die Kirchen auf der ganzen Welt umtreiben, etwa die steigenden Kirchenaustritte in Deutschland. Doch die Zahlen sind in Bruder Matthews Augen fast schon egal. "Die Frage ist: Wenn ich an Christus glaube, bin ich dann auch bereit, das umzusetzen, was ich aus dem Evangelium gelernt habe? Jesus nutzte immer das Bild, dass wir Christen wie Sauerteig im Brot sein sollen. Der Sauerteig ist sehr, sehr unscheinbar, und doch macht er einen Unterschied."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.10.2024, S. 26 - Erik Schuster, Eckener-Gymnasium, Berlin

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