Der 18-jährige Portugiese Gil erzählt davon, wie er ein Survival Camp in Afrika überlebte.
Wer zum ersten Mal ein Tier tötet, muss dessen Leber oder Hoden roh essen.
Die Zeit hat Gil geprägt. Ein teures Vergnügen. Für seine Pläne nach dem Abitur fanden seine Eltern ihn nicht reif genug.
In Afrika steht man früh auf", erklärt Gil van Schothorst Silva de Carvalho, ein schlanker, hochgewachsener 18-jähriger Abiturient aus Porto, als er seine tägliche Routine beim Survival Camp "Quest Africa" in Esigodini, Simbabwe, auflistet. Erst warten eineinhalb Stunden Frühsport, der meist aus zehn Kilometern Joggen besteht, bevor der Unterricht beginnt. Dieser ist von Woche zu Woche anders. Manchmal lernt die Gruppe etwas über Ökonomie, dann über Erste Hilfe und die Fauna Afrikas. Auch technische Fähigkeiten werden vermittelt. Gil erzählt stolz, dass er nun Schweißen, Elektrizität und Klempnerei beherrsche. Die jungen Erwachsenen lernen auch, wie man selbständig eine Solaranlage montiert oder mit einem GPS-Gerät umgeht. Nachmittags geht es wieder nach draußen, in das Naturreservat "Quiet Waters" des Elite-Internats "Falcon College", dem das Survival Camp angegliedert ist. Die Fläche des Parks, der unter anderem Giraffen, Zebras und Schakale beheimatet, war so groß, dass die in Zelten lebenden Quest-Teilnehmer vom Internatsleben kaum etwas mitbekamen.
Nach dem Abitur im Juni 2023 hatte Gil keinen Plan für seine Zukunft. Er wollte nach Deutschland zum Studieren, war aber nach Ansicht der Eltern nicht reif genug. "Da ist eine Lücke zwischen Schulbildung und Studium", behauptet Rosa van Schothorst de Andrade e Silva, Gils Mutter. Als sie und ihr Mann auf einer Afrika-Reise 2018 in Namibia von einer Frau Hansen von einer ganz großartigen Schule in Simbabwe hörten, wusste Rosa sofort: "Gil muss nach Afrika!" Sie stellte ihm "Quest Africa" vor, ein fünfmonatiges Survivaltraining und Selbstentdeckungsprogramm. "Fitness ist keine Voraussetzung, das Wichtigste ist Wille und Durchhaltevermögen", meint Gil. Nach seiner Bewerbung und dem Online-Interview gehörte der blonde, blauäugige junge Mann zu den 27 Auserwählten im Alter von 17 bis 21 Jahren, als einziger und erster Portugiese bei Quest Africa. "Wir waren eine große Familie", sagt er. Die Gruppe bestand aus 18 Jungs und neun Mädchen, die Mehrzahl kam aus Europa, aber auch Kanadier, Neuseeländer und Südafrikaner waren dabei. Im Camp wurde Englisch gesprochen. Laut Gil machten die Engländer es als Testlauf fürs Militär, um zu wissen, ob das wirklich etwas für sie sei. Das harte Programm habe alle zusammengeschweißt. Noch jetzt kann er die Namen der anderen aufzählen. Da waren
George, Fergus und Charlie aus England. Oder Emilia, Johann und Nikolas aus Deutschland. Gleich am ersten Tag wurden ihnen die Handys weggenommen, damit sie keinen Kontakt mit der Außenwelt haben und leichter eine Bindung zu ihren "Mit-Survivors" schaffen. Gil durfte an seinem 18. Geburtstag ausnahmsweise 15 Minuten mit seiner Familie telefonieren. Der Direktor von Quest Africa, Keith Reesby, zeigte in seinem Willkommensschreiben Verständnis dafür, dass die Abgeschnittenheit von der digitalen Welt am Anfang gewöhnungsbedürftig sein kann. So erfuhren die Eltern nicht, ob ihr Nachwuchs gut am Flughafen Bulawayo in Simbabwe angekommen sei, und auch vom Veranstalter erhielten sie erst einmal keine Nachricht. Rosa sagt, sie habe sich gefühlt "wie eine Löwenmutter, der ihr kleines Baby weggenommen wurde". Zum Glück hatte aber eine der Mütter, Solange aus Kanada, alles, was ihre Tochter betraf, mit AirTags versehen, sodass sie, wann immer die Eltern besorgt waren, ihnen den Standort ihrer Tochter mitteilen konnte.
Es gab keinen Mangel an Adrenalin. "Wenn du dort das erste Mal ein Tier tötest, dann musst du seine Leber oder Hoden roh essen", erklärt Gil mit einem angeekelten Grinsen. Er habe sich für die Leber entschieden, andere hätten beides gegessen. In der ersten Woche wurden die Teilnehmer frühmorgens in den Busch gefahren, um vier Tage in selbstgebauten Hütten zu leben. Mit weniger Schlafsäcken als Personen und den Temperaturen des simbabwischen Winters, die nachts nahe null gingen. Beide Geschlechter mussten alles gleich absolvieren. Eine Übung bestand darin, riesige Reifen über einen Parcours zu bewegen. Gils Gruppe stellte gleich mal einen neuen Rekord auf. Auf der Fahrt nach Mosambik mussten sie die Kupplung ihres Reise-Lkw reparieren. Tauchen im Indischen Ozean und ein Halbmarathon hinauf auf einen 2000 Meter hohen Berg zählten ebenfalls zu den Aktivitäten. In ihrer Freizeit haben die Quester die Victoria Falls besucht. Gil war für seine Gruppe als einziger Portugiese sehr nützlich: "In den zwei Wochen in Mosambik war ich der Übersetzer." Seine schlimmste Erfahrung war, als er sich als Führer der Gruppe in der Savanne verlaufen hatte. Sie seien acht Stunden lang 15 Kilometer mit schwerem Rucksack durch mannshohes Gras gewandert. Am Ende jeder Woche wurde ein von einem der Quester geschriebener Brief mit Informationen über die Aktivitäten verschickt. "Wir dachten, es würde unser erster 'normaler' Campingausflug werden. Aber wir haben uns geirrt", schrieb Martine Boss, ein blauäugiges Mädchen mit lockigen Haaren, im Brief der ersten Woche. Bei diesem Ausflug gingen die Quester davon aus, dass sie ihr Lagerfeuer für lustige Aktivitäten nutzen würden. Aber es wurden lebende Hühner mitgebracht, damit die Jugendlichen "töten, rupfen, ausnehmen und kochen" lernten. Sie wussten auch nicht, wie lange sie campen würden, und man gab ihnen nur wenig zu essen mit. Das war die "Hungerwoche", denn die Quester aßen sehr wenig, um Nahrungsmittel zu sparen und in den folgenden Tagen nicht leer auszugehen. Dabei hatten diese Aktivitäten auch ihren Preis. Etwa 14.000 Euro habe das Programm seine Eltern inklusive Anreise, Versicherung, Kleidung, Geräten, Taschengeld und Aktivitäten gekostet. "Ich weiß, dass es nicht leicht ist, einfach mal 10.000 Euro irgendwo nach Simbabwe zu schicken", sagt Gil lachend. Aber im Rückblick wären die fünf Monate das Geld wert gewesen. Auch seine Mutter sagt, sie habe es nie bereut, Gil in das Camp geschickt zu haben. "Wir werden in zehn Jahren sehen, inwieweit sich die Investition gelohnt hat." Jedenfalls würde sie schon jetzt merken, dass ihr
Sohn mehr Lebenserfahrung habe und sich weniger beschweren würde. Rosa erzählt auch, sie sei nun mit einer kanadischen Mutter befreundet, "obwohl wir uns noch nie gesehen haben".
Gil empfindet sich selbst jetzt nicht nur als reifer, sondern hat auch mehr Freude an körperlicher Betätigung. Früher sei er laufen gegangen, um fit zu bleiben, nun mache es ihm Spaß. Andere aus seiner Gruppe hätten 20 Kilo abgenommen. Gil selbst, der mit 69 Kilo ankam, kehrte mit 80 zurück. In seiner ersten Woche zurück in Porto verlor er bereits vier Kilo Muskelmasse, weil er nicht mehr so intensiv trainierte. Statt 50 Liegestütze schaffe er jetzt 80. Gerade sei es für ihn aber noch merkwürdig, "so viele Leute in einer Pizzeria zu sehen". Auf die Frage, ob er denn jetzt wisse, was er später tun möchte, antwortet Gil, er wisse jetzt zumindest, was er nicht machen wolle: "den ganzen Tag im Büro sitzen".