Für sie ist es das Tor zur Welt

Fußballnationaltorhüterin Elvira Herzog hat trotz ihrer jungen Jahre schon eine weite Strecke zurückgelegt. Nicht nur in ihrer Schweizer Heimat.

Schön, dass wir jetzt ein Mädchen im Team haben. Jetzt wissen wir ja, wer unsere Wäsche waschen kann." Das musste sich Elvira Herzog von ihrem Trainer in jungen Jahren anhören, weil sie eine Frau ist und Fußball spielt. Und das sei nur eine von unzähligen Geschichten, die man erzählen könnte, wo sie nicht ernst genommen wurde. "Da sind wir alle mal durch", sagt die 24 Jahre alte Schweizer Nationalspielerin, und ihr Lächeln verschwindet für einen Moment. Sie und ihre Mitspielerinnen mussten sich oft beweisen. Insgesamt habe sie aber Glück gehabt und wurde immer von ihrem Umfeld unterstützt.


Bis fast in die Siebzigerjahre war Frauenfußball vielerorts verboten. Man argumentierte, dass Fußball ihre Reproduktionsorgane gefährde und Frauen sich weniger gut um Mann und Kinder kümmern könnten. Die ersten Frauenvereine wurden oft mit Spott und Skepsis betrachtet. Herzog sitzt in ihrem Zuhause in Leipzig bequem auf ihrem Sofa. Ihre dunkelblonden Haare hat sie zu einem Dutt gebunden. In den vergangenen Jahren sei der Frauenfußball bei den Zuschauern immer beliebter geworden. "Wir sind auf dem richtigen Weg, man muss einfach noch etwas Geduld haben." Seine Sichtbarkeit sei aber immer noch zu gering. Herzog würde sich freuen, wenn die Medien noch häufiger darüber berichten würden.


"Bereits als kleines Mädchen bin ich mit meinem Bruder Fußball spielen gegangen. Wir haben einfach den Ball genommen und auf dem Schulhof gespielt." Das habe ihr immer viel Freude bereitet. Damals ahnte sie natürlich nicht, dass sie später mal für die Nationalmannschaft im Tor stehen wird. Nach einem Probetraining und ersten Spielerfahrungen beim Quartierverein FC Unterstrass in Zürich wurde sie im Alter von elf Jahren von den FCZ Letzikids entdeckt, der Nachwuchsorganisation des FC Zürich. "Ich habe neun Jahre dort gespielt und durfte anfangs zur besseren Förderung bei den Jungs spielen, später dann mit den Frauen." Lange spielte sie sowohl auf dem Feld als auch im Tor und konnte sich selbst nicht entscheiden. "So kam es, dass meine Trainerin für mich entschied und ich Torwartin wurde." Gleichzeitig ging sie aufs Gymnasium. Als sie dieses abgeschlossen hatte, startete ihre Karriere im Sommer 2019 beim 1. FC Köln. "Von dort bin ich über andere Vereine schließlich im Sommer 2022 zu RB Leipzig gelangt, wo ich einen Profivertrag bis 2024 erhielt und diesen bis 2027 verlängerte. In diesem Verein fühle ich mich sehr wohl und hoffe, dass ich in den kommenden drei Jahren noch sehr viel erreichen kann. Vielleicht schaffen wir es sogar bis in die Champions League. Der Aufstieg in die 1. Bundesliga ist uns letztes Jahr gelungen." Seit 2019 ist Herzog auch Mitglied der Schweizer Nati, wie man die Nationalmannschaft in der Schweiz nennt. Dort als Nummer eins bei der Heim-EM 2025 auflaufen zu dürfen, das ist ihr großer Traum. Dafür muss sie viel Zeit investieren. "Jede Einzelne muss sich persönlich und im Verein möglichst gut vorbereiten und genügend fit sein, um erfolgreich auf dem Platz zu stehen." Sie konzentriert sich auf sich selbst und vergleicht sich möglichst wenig mit anderen Spielerinnen. Seit März 2024 hat die Schweiz mit der ehemaligen deutschen Torhüterin Nadine Angerer eine neue Goalie- Trainerin. Angerer bringt viel Erfahrung mit. Herzog ist begeistert von ihr: "Es ist schlicht genial. Sie ist ein Idol für viele Goalies." Es sei außerordentlich spannend, im Training zu lernen und die Erfahrungen mitzunehmen, die Angerer ihr mit auf den Weg gibt. In ihrer Karriere hatte Herzog schon rund zehn Goalie-Trainer, und mit jedem war es unterschiedlich. "Spannend als Torwartin ist es, von jedem Trainer und von jedem Training das herauszuziehen, was einem nützt und weiterbringt." So hat sie im Lauf der Zeit ihre eigene Goalie-Taktik entwickelt. Auch hat sie nun zwei Mental-Coaches, die ihr auf persönlicher Ebene helfen. Diese unterstützen sie, mit Druck und hohen Erwartungen umzugehen, und sie zeigen ihr, wie man in wichtigen Momenten während eines Spieles richtig reagiert. "Es geht darum, sich auf den Moment zu konzentrieren und weder in der Vergangenheit zu stecken noch zu stark auf die Zukunft zu schauen."


Für Herzog ist Fußball zu einem Fulltime-Job geworden. Wenn sie daneben doch einmal Zeit findet, dann spielt sie gerne Klavier und Gitarre oder macht einen Spaziergang mit Freunden und genießt die Gemütlichkeit in einem Café. "Halt so entspannende Dinge", sagt sie. Solche Momente zeigt sie ihren Fans gerne auf Instagram. Daneben hatte sie angefangen, an einer Fernuniversität Heilpädagogik zu studieren. Dieses Studium unterbrach sie aber, um sich voll und ganz auf den Sport zu konzentrieren. Sie selbst kann sich momentan ihr Leben durch das Fußballspielen finanzieren, doch werden ihre Ersparnisse nicht für immer reichen. Deshalb ist das Studium wie eine Vorbereitung für die Zeit nach dem Karriereende. Denn selbst viele Fußballspielerinnen in erfolgreichen Vereinen können es sich nicht leisten, nur vom Fußball zu leben. "Geld, das ist in meinen Augen der größte Unterschied zwischen Frauen- und Männerfußball." Dazu kommen die Bedingungen vor Ort wie zum Beispiel schlechtere Plätze und Kabinen oder weniger Geld für das Trainingsequipment. "Beim Spielverständnis und der Attraktivität des Spiels haben die Männer keinen Vorsprung mehr, da haben wir Frauen uns in den letzten Jahren stark weiterentwickelt." Traurig macht sie, dass es trotzdem noch zahlreiche Vorbehalte gibt. "Noch ein wenig mehr Offenheit und Akzeptanz" wünscht sie sich. Zwar unterstützen inzwischen viele den Frauenfußball, trotzdem bemängelt sie: "Unter Frauenfußballposts hat es immer noch viel zu viele Hasskommentare." Dies findet sie schlicht schade, da es ja niemandem etwas bringe und unnötig negativ sei. Beim RB Leipzig kämen zudem aufgrund des Sponsors Redbull leider oftmals noch Sprüche wie "Dosenverein" hinzu, wegen der guten finanziellen Situation.


Herzog sagt, ihre Stärke sei ihr Ehrgeiz. Und auch die kleinen Dinge bringen viel: Wenn sie zum Beispiel ein Video von ihrem Patenmädchen erhält, das im Stadion mitfiebert und "Hopp, Elvira" schreit, dann macht sie das einfach sehr glücklich.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.11.2024, S. 26 - Seraina Hartmann, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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