Glich, glich, aber doch anderscht

Die Weltmeisterinnen im Women's Relay Ul 9 kommen aus der Schweiz, sind Zwillinge und konkurrieren harmonisch miteinander


Pentathlon gibt mir einen Ausgleich im Leben. Man muss schnell und geschickt sein, Ausdauer haben sowie Balance und Schnellkraft, also eigentlich muss man überall gut sein", sagt die 18-jährige Katharina Jurt. Ihre eineiige Zwillingsschwester Florina nickt. Die beiden sehen total gleich aus, man kann sie nur an ihren Frisuren unterscheiden. Florina trägt ihre hellbraunen, schulterlangen Haare zu einem Zopf gebunden, und Katharinas Haare fallen lockig über ihre Schultern. In einem Berner Cafe erzählen sie über ihren Sport, ihr Verhältnis zueinander und ihre Zukunft.


Die Weltmeisterinnen im Women's Relay U19 fingen im Alter von zehn Jahren mit Pentathlon an. Mit Geräteturnen, Tennis, Orientierungslauf, Triathlon und Joggen sind sie zuvor schon polysportiv aufgewachsen. "Von klein auf haben wir gelernt, alles eigenständig einzuplanen, weil wir viele Trainings hatten. Wir mussten selbständig sein, denn unsere Mutter hat zehn Kinder und konnte natürlich nicht alle in Trainingscamps fahren oder unsere Koffer packen", sagt Florina. Alle Geschwister sind sportlich aktiv, im Pentathlon oder in anderen Sportarten. "Das Team Pentathlon Schweiz ist sehr viel Team Jurt, weil die meisten unserer acht Geschwister Pentathlon machen. Es wurde ein bisschen ein Familienverein", berichtet Katharina lachend. Die Zwillinge sind Familienmenschen und genießen die Zeit zu Hause in Samen mit ihren Geschwistern. Trotzdem sind sie nach Bern gegangen, um dort ihren schulischen Abschluss zu machen. Dort können sie dank der finanziellen Unterstützung des Kantons Obwalden ein Sportgymnasium besuchen.


Am Tag besuchen sie fünf Lektionen Unterricht. Die restliche Zeit haben sie drei Trainings, in der Woche ist das durchschnittlich fünfzehn Mal. "Das ist notwendig, denn zum Pentathlon gehören fünf Disziplinen, die wir alle trainieren müssen", sagt Katharina. Beim Modernen Fünfkampf braucht es einen möglichst kompletten Athleten, denn zu den fünf Disziplinen gehören Fechten, Schwimmen, Obstacle Run und ein Laser-Run, bei dem man laufen und schießen muss. Florina erklärt: "In jeder Disziplin gibt es Punkte, je nachdem, wie gut man ist. Im Fechten treten alle gegeneinander an. Man soll so viele Kämpfe wie möglich gewinnen. Anschließend kommt das Schwimmen. Mit den Punkten vom Fechten wird man in Gruppen eingeteilt. Hat man gut gefochten, startet man mit denen, die ebenfalls gut gefochten haben. Dann kommt der Obstacle Run, ein Hindernislauf, den man so schnell wie möglich überwinden soll. Die Punkte dieser drei Disziplinen werden zusammengezählt. Je nach Punktzahl bekommt man einen Zeitvorsprung im Laser-Run. Hat man die beste

Punktzahl, darf man als Erster starten. Die danach starten, haben ein Zeit-Handicap. Am Schluss gewinnt der Athlet, der den Laser-Run gewinnt." Katharina ergänzt: "Um zu gewinnen, muss man 5 mal 600 Meter laufen und mit einer Laserpistole aus einer Entfernung von zehn Metern so schnell wie möglich fünf Treffer erzielen und als erster die Ziellinie überqueren." Die Zwillinge sind immer zusammen. Sie trainieren zusammen, wohnen zusammen und gehen zusammen in die Schule. "Wir müssen Prioritäten setzen, und deswegen müssen Beziehungen manchmal hintangestellt werden." Als sie sich gegenseitig beschreiben sollen, lachen sie. "Florina ist sehr gut im Laufen und Fechten, sie hat den Kopf. Zwischenmenschlich kann sie sehr gut zuhören und unterstützt einen", sagt Katharina. Und Florina meint: "Katharina ist stur, aber auf eine gute Art. Sie kann einen pushen, bis man ans Ende kommt, und auch sich selbst. Sie ist sehr liebevoll auf ihre eigene Art und Weise." Natürlich sind sie auch Konkurrentinnen. Doch die Schwestern sehen das positiv, da sie sich so messen können und sich gegenseitig antreiben, Bestleistungen abzurufen. Selbstverständlich gibt es auch manchmal Streit. "Wir sind fünf Minuten hässig aufeinander, und danach redet einer wieder, und alles ist wieder normal."


Ihr Trainer Sandro Jöri meint: "Sie zu unterscheiden ist im Trainingsalltag nicht sonderlich schwierig, vor allem sobald das Training läuft. So sind es technische Differenzen, die die Zwillinge doch ziemlich unterschiedlich machen. Im Schwimmen reicht da ein kurzer Blick auf die Ellbogenhaltung, im Laufen ist es definitiv eine andere Schrittfrequenz oder im Schießen ein komplett anderes Zielmuster." Und Jöri weiß auch, wo ihre Stärken liegen. "Florina ist sicherlich die etwas Schnellkräftigere, was sich im Laufen zeigt. Im Gegenzug kann Katharina auch unter hoher Belastung Bewegungsabläufe noch sauberer kontrollieren und umsetzen, was ihr im Schwimmen hilft."


In der Woche vor dem Wettkampf bereiten sie sich zusammen vor. Florina beschreibt sich selbst als total abergläubisch. "Eine Woche vorher muss ich anfangen, beruhigende Podcasts zu hören, ansonsten habe ich Schiss." Ohne die Podcasts würde sie sich "viel zu viel verkopfen" und sich negative Szenarien vorstellen, die passieren könnten. Gerade im Fechten sei das Mentale sehr wichtig. "Oft kommt es nicht immer nur auf die Technik an, sondern auch auf das Mindset", erklärt Florina. Katharina hört eigentlich keine Podcasts.

Sie beschreibt sich als nicht so abergläubisch. Dennoch hört sie die Podcasts ihrer Schwester meistens mit, da sie im gleichen Zimmer wohnen. Die kleinen Schritte vor jedem Wettkampf helfen auch ihr, sich optimal vorzubereiten. Katharina erinnert sich an einen Wettkampf, bei dem sie ihre Schuhe vergessen hatte und dann so im Stress war, dass sie sich nicht mehr konzentrieren konnte. Seitdem ist die Vorbereitung für beide sehr wichtig.


"Am meisten stolz bin ich auf die Erfolge, die wir als Team erzielt haben", sagt Katharina. 2022 wurden sie Zweite bei der Europameisterschaft U19 in Polen. 2023 haben sie in der Türkei bei der Weltmeisterschaft U19 die Goldmedaille geholt. Auf eine weitere Goldmedaille, die sie in England in der Disziplin Laser-Run gewonnen haben, sind sie stolz. Dafür braucht es natürlich auch Unterstützung.

Dankbar erzählen sie von ihrer Mutter, die ihnen das Ganze überhaupt ermöglicht. Schon früh haben sie durch ihre Mutter die Liebe zum Sport entdeckt. Ihre Mutter ist Sportlehrerin. Auch von der Nationaltrainerin Florence Dinichert werden sie unterstützt. Den Grund für ihre Erfolge sieht ihr Haupttrainer Jöri auch in ihrem Ehrgeiz. "Beide sind taffe Wettkampftypen, die sich im Vergleich zum Training steigern können. Dabei sind sie auch bei negativen Erlebnissen deutlich robuster geworden und wissen, wohin sie in vier bis acht Jahren gehen möchten. Dieser langfristige Horizont ist in diesem Alter keineswegs selbstverständlich." Ein großes Zukunftsziel der Zwillinge sind die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Ein Jahr zuvor möchten sie die Rekrutenschule der Schweizer Armee absolvieren, um sich optimal vorbereiten zu können.


Ein Projektbeitrag von: ,
‌Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.07.2024, S. 26 - Jana Lauper, Kantonsschule Trogen

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