Hinter Gittern ist nicht alles grau in grau

Klaus Kroll bringt im Maßregelvollzug Straftätern das Malerhandwerk bei


Sie alle sind inhaftierte Straftäter", sagt Klaus Kroll über die Menschen, mit denen er täglich arbeitet. Hinter den Mauern eines scheinbar gewöhnlichen Krankenhauses setzt sich der gelernte Maler täglich mit ehemals Drogensüchtigen auseinander, die aufgrund ihrer Abhängigkeit straffällig geworden sind. Im Maßregelvollzug in Berlin-Buch werden sie therapiert. Kroll, ein großer, kräftiger Mann mit einem warmen Lächeln, ist dort als Arbeitstherapeut tätig. Dabei bringt der 63-Jährige den sieben bis neun Patienten die Anfänge des Malerhandwerks bei. Zum Grundlehrgang gehören unter anderem Farbmischübungen, das Verspachteln von Wänden und das Lackieren von Türen und Fenstern. In der Werkstatt, einem großen Raum mit farbigen Wänden, stehen nur wenige Tische und Stühle, weil Kroll mit seinen Patienten im ganzen Gebäude unterwegs ist. "Wir machen sämtliche Renovierungen bei uns im Haus, von den Fluren bis zu den Patientenzimmern." Er lächelt stolz und zufrieden.


Seine Patienten sind ganz verschieden. Von 18 bis 67 Jahren ist alles vertreten. Auch unterscheiden sie sich in ihrer Nationalität und im Konsum verschiedenster Drogen. Es ist ein ausschließlich männlicher Maßregelvollzug. Das Ziel besteht darin, die Patienten durch Arbeit und Psychotherapie wieder in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren. Neben der täglich fünfstündigen Arbeitstherapie sind Einzelsitzungen mit Psychotherapeuten Pflicht. "Mit ihnen arbeiten die Patienten im Grunde ihr ganzes Leben auf. Auch ihre Straftat wird ausführlich besprochen. Alle Straftaten sind bei uns vertreten: von den kleinsten Betrügereien bis hin zu Morden, Erpressungen und Sexualdelikten." Seine Patienten wurden alle nach Paragraph 64 Strafgesetzbuch verurteilt, der die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt regelt, denn die Menschen, die Kroll therapiert, waren drogenabhängig. "Die meisten sind auch genau deswegen straffällig geworden.

Drogen sind in der Regel sehr teuer. Vor allem, wenn mit der Zeit der Konsum immer größer wird, muss mehr Geld für Drogen ausgegeben werden."


Gleichwohl sagt Kroll über sie: "Das sind im Grunde ganz normale Menschen, Menschen wie du und ich." Mit dieser unvoreingenommenen Art begleitet er seine Patienten durch die Arbeitstherapie. Bei ihm sind private Gespräche strengstens erlaubt: "Sie reden mit mir über ihre Familien und Kinder, aber auch über ihre Straftaten." Kroll selbst hingegen redet mit ihnen wenig über Privates: "Man sollte nicht viel von seinem privaten Leben kundtun, weil sie eben alle Straftäter sind." Um eine gewisse Distanz zu erhalten, wird die Form gewahrt und sich gesiezt. Neue Patienten sind am Anfang verschlossen. Mit der Zeit tauen sie von

ganz allein auf. "Wenn sie bemerken, dass ihnen gar nichts Schlimmes passiert, werden sie redseliger. Manchmal erfahren wir in der Arbeitstherapie sogar mehr als die Psychotherapeuten", erklärt Kroll. Jede Woche trifft er sich mit den Therapeuten und spricht über die Patienten, ihre Erlebnisse und Arbeitsweise. "Ich schaue bei uns, wie sie arbeiten, ob sie teamfähig, absprachefähig, fleißig und pünktlich sind. Außerdem beobachte ich ihre Arbeitsmotivation. Die meisten haben eben wegen ihrer Drogensucht noch nie gearbeitet.

Süchtige verlieren die Lust am Arbeiten. Das Leben wird ihnen gleichgültig, und sie denken nur noch über Drogen nach."


Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Kroll im Maßregelvollzug Buch. Kroll hatte erst kurze Zeit als Maler gearbeitet, als er eine Jugendhilfeorganisation entdeckte, die benachteiligte Jugendliche ohne Hauptschulabschluss, teilweise mit Migrationshintergrund, ausbildete. Dort hat er als Ausbilder angefangen. "Auf dem normalen Arbeitsmarkt hätten sie nicht die Chance gehabt, eine Ausbildung zu machen." Diese Jugendhilfe lief schon damals über seinen jetzigen Arbeitgeber, die Universal-Stiftung Helmut Ziegner. "Das ist ein Dienstleister für Justizkrankenhäuser." Als dann eine Stelle frei wurde, ergriff Kroll seine Chance. "Die Freude hat man mit dem Erfolg, wenn Patienten es wirklich schaffen, nach der zweijährigen Therapie nicht rückfällig zu werden und sich erneut bei uns melden." Deren Anteil sei jedoch deutlich geringer. Ein Faktor dabei ist, dass Patienten im Maßregelvollzug keine Ausbildung machen können. Die Therapien zielen hauptsächlich darauf ab, die beruflichen Schlüsselkompetenzen der Insassen einzuschätzen. Deswegen haben erst zwei Patienten nach dem Aufenthalt erfolgreich die Ausbildung zum Maler absolviert. Viele andere hingegen arbeiten aufgrund ihrer Vorkenntnisse als Malerhelfer, bis sie zu Malergesellen aufsteigen können.


Kroll belastet es vor allem, wenn eine Straftat gegenüber Frauen oder Kindern begangen wurde. Er hat einen erwachsenen Sohn. "Man muss einen Ausgleich haben, um den Kopf wieder freizukriegen." Für ihn ist das der Sport. Beim SV electronic Hohen Neuendorf trainiert Kroll dreimal in der Woche Jugendliche. "Das ist für mich mein Ruhepol zum Runterkommen. Ich denke dann an nichts anderes außer an den Sport." Die Motivation seiner ehrenamtlichen Tätigkeit: "Jeder Jugendliche, der Sport macht, trainiert den Körper und Geist - und gleichzeitig wird er auch von jeder anderen Dummheit, die er im Leben machen könnte, abgelenkt."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.09.2024, S. 26 - Miriam Mackenroth, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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