Bei den Siebenbürgern: ein rumänisches Privatmuseum
Über Hügel, hinter Bergen, eine lange Straße runter, Bäume neben Bäumen und Häuser neben Häusern. Wer aufmerksam ist, wird es finden. Ein großes Gebäude, ein Garten und ein Porzellansoldat. Der Eingang ist schlicht, doch der wahre Schatz befindet sich im Inneren. Nach einem Klopfen und ein wenig Geduld öffnet ein älterer Herr. Das Erste, das man bemerkt, sind seine schneeweißen Haare und seine runde Figur. Er trägt ein handgestricktes Oberteil, was zusammen mit seinen altmodischen Sandalen das typische Bild eines Landbewohners ergibt. Mit einem freundlichen Lächeln bittet er herein und zeigt den Weg in eine andere Welt. Achim Emilian ist 83 Jahre alt.
1979 hat er sein privates Museum "Achim Emilian" gegründet. Es befindet sich in Almasu Mare, einem Ort mit nur 1048 Einwohnern, in der Region Siebenbürgen in Rumänien. Von Lenin-Statuen bis hin zu Propagandaplakaten und alten Uniformen: Jedes Stück hat seine eigene Geschichte. Rund 20.000 Objekte hat Emilian versammelt. Es gibt Haushaltsgeräte und alte Trachten. Es wimmelt von Spitzhacken, Bergarbeiterhelmen, von Tragekörben und Geräten, deren Funktion die Besucher oft gar nicht mehr verstehen. Emilian kann sie erklären. "Vor allem habe ich Traditionen, Folklore, Bräuche und die Geschichte des rumänischen Volkes aufbewahrt. Ich wollte die Identität des rumänischen Volkes bewahren und seine Geschichten weitererzählen."
Für ihn war es schon immer wichtig, die Geschichte des Landes nicht nur zu lesen oder zu hören, sondern sie auch zu sehen, zu fühlen und zu riechen. Er hat acht Bücher veröffentlicht. Sie erzählen von den Legenden, Sitten und Traditionen einer archaischen Region, den Rumänischen Westkarpaten, und tragen Titel wie "Comoara'', "Fântâna de aur" oder "Stânca de granit''. Seine Kindheit fand zur Zeit des Kommunismus statt. "Als Kind habe ich ein sehr armseliges Leben führen müssen, ausgesprochen geplagt, entbehrungsreich, barfuß, mit schlechter Kleidung. Unsere Eltern verdienten kaum genug, um uns von heute auf morgen mit Brot zu versorgen." Trotzdem habe er dieses Land immer geliebt, egal wie schwer die Zeiten waren, egal wie gemein die Menschen zu ihm waren. "Ich habe keinen Groll im Herzen. Meine Sache ist es, sich immer nur auf das Gute zu konzentrieren."
Sein Traum vom eigenen Museum war stets groß, er ahnte von Anfang an, dass der Weg schwer sein würde. Zuerst hat er nur wenige Stücke gesammelt, von zu Hause oder von Freunden. Die hielten seine Idee für ein Hirngespinst, noch dazu in einer Zeit, wo alles, auch das Geld, so knapp war. Doch Emilian musste etwas tun: "Die Bauernhäuser sind verschwunden, zahlreiche Menschen aus unseren Ortschaften sind verschwunden. Nach der kommunistischen Zeit wurden sehr viele arbeitslos. Die Bergwerke wurden geschlossen, weitere Arbeitsplätze gingen verloren. Viele Familien mussten in die Stadt ziehen, um sich über Wasser zu halten." Also hat er sich beeilt und versucht, so viele Schätze wie möglich zu sammeln, damit sie nicht ebenso verschwinden, sondern weiterleben und etwas erzählen über die Lebensweise und Traditionen, die hier einst waren. "Im ganzen Apuseni-Gebirge gibt es kein einziges Dorf, in dem die Bevölkerung noch gewachsen ist." Viel Zeit, Geld und Arbeit stecken in dem Museum. Über Stock und Stein ist Emilian gelaufen auf seiner Suche nach der Vergangenheit. Manchmal wanderte er wochenlang, um bestimmte Artefakte zu bekommen. Das größte und am schwersten zu transportierende Stück ist eine noch funktionierende Windmühle. Ein ebenso erstaunliches Exponat findet man am Ende seines Gartens: eine Gesteinswaschanlage, mit der man das Gold herausgefiltert hat. Denn in der Region wurde früher Gold gefunden. Mit seinem wenigen Geld war Emilian gezwungen, alles selbst zu tragen und das zu Fuß. "Manchmal hatte ich Glück, dann bin ich auf sehr liebe Menschen gestoßen. Sie haben mir schöne Sachen geschenkt und mir sogar beim Transport geholfen." Manche hätten ihn zu sich ins Haus eingeladen, sogar zum Essen. "Wir haben stundenlang über ihre Lebensgeschichte geredet." Aber es gab auch andere. "Die meisten hielten mich für verrückt mit meinem Versuch, alles zu bewahren." Er sei ausgelacht worden und abgewiesen. "Meistens traf ich eher auf misstrauische Blicke und unfreundliche Mienen." Ein paarmal schienen Menschen hilfreich zu sein. Als er jedoch nach Hause kam und den großen, schweren Sack öffnete, den er stundenlang auf seinen Schultern getragen hatte, bemerkte er: "Sie hatten mich veräppelt, der ganze Beutel war gefüllt mit Steinen."
Sein Museum ist ungewöhnlich gebaut. Man findet hier kleine Zimmer, scheinbar ohne Ausgang. Die Öffnungen zu den nächsten Räumen sind geschickt versteckt. Das hat auch praktische Gründe. Oft sind Lehrer mit Schülern gekommen und haben nicht auf die Kinder aufgepasst. "Für mich war es schwer, in sieben Räumen gleichzeitig zu sein und aufzupassen, dass niemand sich verletzt und dass nichts kaputtgeht." Das Museum ist zugleich sein Zuhause. Emilian hat das erste Museum in Rumänien eröffnet, das einen privaten Blick auf eine umstrittene Zeit eröffnet. "Der Kommunismus war auch unsere Kindheit, und ich bin der Meinung, dass man, wenn man die Wahrheit sagen will, alle Seiten, die guten und die schlechten, zeigen sollte." Rumänen und Touristen von überall kommen. Emilian besitzt ein dickes Buch, in dem jeder Besucher eine Nachricht hinterlässt. Vielleicht macht das Stehenbleiben, zu dem das Museum zwingt, gerade seine Besonderheit aus, in einem Land, das ständig im Aufbruch ist, das sich so rasend schnell verändert, wo Menschen die Vergangenheit ganz weit hinter sich gelassen haben.
Emilian empfängt alle Besucher, ohne Geld zu verlangen. Er erzählt langsam und fröhlich über jedes gesammelte Stück. Obwohl nur maximal acht Personen gleichzeitig im Museum sein dürfen, drückt er oft ein Auge zu, wenn größere Gruppen kommen. "Wenn ein Mensch kommt und hier mit Liebe und Wärme empfangen wird, dann trägt der Besucher die schönen Worte weiter." Früher war Emilian Bergarbeiter. Jetzt lebt er von einer geringen Rente und den Spenden seiner Besucher. Es ist ein sehr bescheidenes Leben. "Aber hier in den Bergen hat niemand viel." Seine Kinder werden das Museum nicht weiterführen. Emilian befürchtet, dass es schließlich in die Hände des Staates gelangt. "Meine größte Sorge ist, dass meine Schätze von Menschen, denen das nichts bedeutet, auseinandergerissen oder zu Geld gemacht werden." Der wahre Schatz des Museums sind nicht die Fotoapparate, Kristalle oder die goldenen Wappen, sondern der wahre Schatz ist Emilian selbst.