Doch dafür muss man selbst etwas tun, sagt die 98 Jahre alte Elisabeth Richter-Dröscher und erzählt aus ihrem Leben.
Quietschfidel öffnet Elisabeth Richter-Dröscher an einem grauen Samstagnachmittag die Tür ihrer Altbauwohnung in Steglitz. Der Geruch von Kaffee und Kuchen steigt in die Nase. "Herein, herein!", ruft sie etwas in Eile. Ihre Wangen sind gerötet. Dass sie 98 Jahre alt ist, merkt man ihr nicht an. Allenfalls der Rollator deutet auf ihr Alter hin. Doch den lässt sie gerne mal stehen, wenn sie noch mal in die Küche hastet, um mehr Geschirr für ihre knapp 20 Gäste zu holen, die im Wohnzimmer warten. Drinnen ist es gemütlich und stilvoll eingerichtet. Ein großes Regal mit Kunstbänden, Familienfotos und ein Bild, das ihre Mutter gemalt hat, zieren den Raum.
Anlass des Zusammenkommens ist einer von drei Basaren zugunsten von "Ärzte ohne Grenzen", zu dem Richter Freundinnen, Bekannte und all jene, die davon gehört haben, einlädt. Ob jung oder alt, alle sind willkommen. Die jüngsten sind 17 Jahre alt. "Ich finde es so schön, Kontakt zu jungen Menschen zu haben."
Richter trägt eine geblümte Bluse. Blaue Augen und Lachfalten zeichnen ihr Gesicht. In einer kleinen Ansprache begrüßt sie ihre Gäste. Es sind nur Frauen. Jeder widmet sie ein paar persönliche Worte. Die meisten kennt sie aus ihrer Zeit als Hauswirtschaftslehrerin. Das ganze Jahr über arbeiten sie schon an Handarbeiten, die sie heute präsentieren. "Über 100 Karten hat sie bestickt", rühmt Richter eine ihrer Freundinnen. Und über ihre Haushaltshilfe sagt sie lächelnd, dass da manchmal noch ein Geldschein mehr auf dem Tisch liegt.
Die entstandenen Meisterwerke sind im angrenzenden Esszimmer zu bestaunen. Es ist kaum als solches zu erkennen. Überall haben Richter und ihre 65 Jahre alte Tochter den Raum mit Handarbeiten geschmückt. An der Wand hängen selbst gemachte Tannenbäume aus Stoff, auf silbernen Tellern präsentieren sie sorgfältig gebastelte Fröbelsterne und Papierengel. Patchwork-Kissenbezüge, 40 an der Zahl, und Tischsets liegen neben Herzen, in denen man Geldscheine zum Schenken verstecken kann. Die bestickten Karten mit Weihnachtsmotiven sind der Renner. Ausgerechnet Karten! So was gibt es noch? Die Gäste dürfen sich frei an den Werken bedienen und zahlen gemäß dem Motto "pay what you want" einen selbst gewählten Betrag, der im Sparschwein in der Mitte des Tisches landet. Es füllt sich schnell.
Mit leuchtenden Augen erzählt Richter, dass sie dieses Jahr ganze 1585 Euro eingenommen hat. Ein Drittel mehr als im Jahr zuvor, glaubt sie. Gewiss ist das nicht, denn, wie sie lachend sagt, sei sie "eher praktisch veranlagt. Mathe kann ich nicht ausstehen." Seit mehr als 15 Jahren spendet sie an die Hilfsorganisation. Das Spenden sei eine "Herzenssache". Wenn man schon in so jungen Jahren so viel Elend miterleben musste, habe man ein besonderes Gespür für das Leid anderer entwickelt. "Früher, da kamen die Menschen und haben gefragt, ob sie nicht ein bisschen Mehl und Kartoffeln kriegen könnten. Vater hat ihnen immer geholfen. Es macht viel aus, wie man als Kind aufgewachsen ist. Man kann nur jeden Tag beten, dass wir von einem Krieg verschont bleiben. Wenn man sieht, was rundherum passiert. Ich finde das so schrecklich." Sie hält eine Weile inne. Inzwischen ist die Stimmung viel intimer geworden. Der Basar hat für Richter eine tiefere Bedeutung. All ihr Herzblut steckt darin. Er ist Ergebnis ihres Durchhaltevermögens, Engagements, ihrer Hilfsbereitschaft, der Leidenschaft fürs Nähen, ihres Sinns für Ästhetik und nicht zuletzt ihrer Lebensenergie.
Aufgewachsen ist sie in Tangermünde, einer alten Stadt an der Elbe. Seit 1610 betrieb ihre Familie dort die Posthalterei und war in der Landwirtschaft tätig. Normalerweise hätte sie eines Tages den Hof geerbt. Doch die Familie wurde nach dem Krieg enteignet. Eine andere Lösung musste her, und so besuchte sie die Landfrauenschule, wo sie Hauswirtschaft lernte. Zwei Jahre später, 1948, lernte sie in Quedlinburg ihren Mann kennen. "Wir waren jung und verliebt." Doch auch Unbehagen mischt sich in ihre Erinnerung an die Zeit, in der sie mit ihrer Freundin als Lehrerin eingesetzt wurde. "Wir hatten ein Zimmer bei einer Familie. Die Toilette war auf dem Hof. Das war furchtbar, wenn man morgens so schnell muss und dann rennen. Ach je. Das war alles wahnsinnig primitiv." In ähnlichen Verhältnissen lebte sie später mit ihrem Mann, als die beiden zusammen nach Berlin zogen. "Wir haben Nudeln mit Tomatensoße und Tomatensoße mit Nudeln gegessen. Aber es war schön." Sie klatscht dabei bejahend in die Hände. "Ja!" Dafür hat sie sich immer wieder entschieden.
"Als mein Mann vor 20 Jahren starb, das war wirklich schrecklich. Da war ich plötzlich mutterseelenallein." Ihre Stimme zittert leicht. "Da habe ich mir gedacht, entweder du machst jetzt was und lebst weiter, oder du verkriechst dich." Elisabeth Richter-Dröscher hat was gemacht.
Erst vor zwei Jahren hat sie eine Frauenrunde gegründet. Gemeinsam mit sieben ehemaligen Schülerinnen trifft sie sich einmal im Monat bei sich zu Hause. Sie tauschen ihre Erfahrungen aus, über das Kriegsende, ihren beruflichen Werdegang, ihre Großeltern, ihre Kindheit. Auch politische Themen wie der Klimaschutz finden ihren Weg in Richters Wohnzimmer. Per Mail wird vorab ein Thema bestimmt, über das bei Kaffee und Kuchen geplaudert wird. Das erste Thema: "Der Baumkuchen". Langeweile kennt sie nicht. "Ich schaffe nicht alles. Nicht einmal fürs Lesen habe ich Zeit." Wie auch, wenn sie jeden Tag - außer an ihrem Geburtstag - näht? Ihre mühsam ersparte Nähmaschine begleitet sie seit 60 Jahren. "Sie ist ein Teil von mir. Sie lebt mit mir." Doch jetzt ist sie kaputt. Derzeit näht sie mit der Hand. Bis bald eine neue kommt. Eine neue, die sie mit ihrer Tochter aussuchen wird.
Die Familie, deren Geschichte sie in einem Buch festgehalten hat, liegt ihr besonders am Herzen. Auch ein eindrucksvoller Schrank zeugt davon. Ein Familienerbstück. Seit mehr als drei Jahrhunderten wird der Schrank, der aus der Goethezeit stammt, in der Familie weitergegeben. Wo früher noch Schmalz und Wurst gelagert wurden, steht jetzt ihr schönes KPM-Kurland-Geschirr. "Er ist fast unversehrt, sogar die Schlösser sind noch die alten. Nur einmal musste er geölt werden", erzählt sie stolz, während sie über das warme Holz streicht. Früher, als ihr Enkel Felix noch klein war, fragte er sie: "Amma, wer kriegt denn später mal den Großvaterschrank?" "Er hatte schon damals den Wert erkannt." Ihre Stimme wird ganz ruhig, wenn sie über ihre Familie redet.
Felix, der mit seinen 32 Jahren inzwischen gar nicht mehr so klein ist, und ihre Tochter nennen sie immer noch "Amma". Früher war's auch mal "Mumme", bis sie erfahren hat, dass das ein Bier in Braunschweig ist. "Ich bin doch kein Bier!", empört sie sich. "Zeit mit den beiden zu verbringen tut so gut. Mit Felix habe ich ein ganz herzliches Verhältnis. Er schätzt seine Großmutter und mag, glaube ich, an mir, dass ich im Kopf noch völlig da bin und dass man sich mit mir eben über alles unterhalten kann." Ihre Tochter besucht sie jeden Tag. Tränen kullern über ihre Wangen, als sie eine kleine Begebenheit mit ihr schildert. "Wie schön, dass gerade in solchen Momenten dein Kind kommt. Ich habe sie ganz fest in den Arm genommen und gedrückt."
Manchmal kann es eben doch etwas einsam werden. "Leider versterben alle. Das ist das Schlimme am Altern. Es werden immer weniger, und irgendwann ist man alleine." Nein, es ist nicht leicht, aber auch hier wieder ein "Ja", und fast hört man sie in die Hände klatschen: "Man muss selbst was dafür tun."